Spengler auf Deutsch 80: Peking glaubt nicht, dass Trumps „Taiwan-Karte“ sticht

Das Original erschien unter dem Titel “The ‚Taiwan Card‘ Is a Busted Flush, Beijing Believes” am 4. Dezember 2016 in PJMedia.

Das kurze Telefonat des erwählen Präsidenten Trump mit Taiwans Präsident Tsai Ing-wen hat in den amerikanischen Mainstream-Medien eine stärkere Reaktion als in Peking hervorgerufen. Das offizielle China Daily betitelte seinen Leitartikel gestern: Kein Grund das Tsai-Trump Telefonat überzuinterpretieren.

“Über Trump enthüllt es nichts außer seiner und seines Übergangsteams Unerfahrenheit in der Behandlung auswärtiger Angelegenheiten. Wenn er diese ungewöhnliche Aktion infolge von mangelndem Verständnis für die chinesisch-amerikanischen und chinesisch-taiwanesischen Beziehungen gestartet hat, wird er nach seiner Inauguration die Bedeutung einer vorsichtigen und angemessenen Behandlung solch sensibler Themen einsehen müssen“.

Versucht Peking einfach gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Wahrscheinlich nicht, wie einige scharfsinnige Chinaanalysten meinen. Das militärische Gleichgewicht in dieser Region hat sich seit 1996 zu Chinas Gunsten verschoben, als Bill Clinton zwei Flugzeugträger in die Straße von Taiwan sandte, um auf chinesische Raketentests zu antworten. Peking glaubt, dass die Taiwan-Karte nicht sticht.

Erstens hat China wahrscheinlich zwei Möglichkeiten, einen amerikanischen Träger zu versenken: durch leise diesel-elektrische Uboote und mit landgestützten Langstreckenraketen. Chinas Fähigkeit, ein sich bewegendes Ziel im offenen Ozean zu treffen, ist umstritten, aber wenn China das jetzt noch nicht kann, wird es diese Kapazität bald entwickeln.

Zweitens wird China Russlands S-400 Flugabwehrsystem kaufen, das mit seiner Reichweite von 400 Kilometern den Himmel über Taiwan reinfegen kann. Das russische System kann gleichzeitig 100 Ziele verfolgen. Das System wird wahrscheinlich nicht vor 2018 installiert sein, aber China ist geduldig. Innerhalb weniger Jahre wird China die Fähigkeit haben, das Meer und den Luftraum um Taiwan zu kontrollieren.

Sicher, Amerika hat eine Reihe von möglichen Gegenmaßnahmen. Laser und Schienenkanonen mögen fähig sein, die Anti-Schiff-Raketen abzuschießen und mit trägergestützte Drohnen könnten amerikanischer Träger die 800-Meilen-Reichweite der chinesischen DF-21D Rakete übertreffen. Aber die Finanzierung dieser und anderer Forschungsvorhaben ist unzureichend, um Chinas wachsenden Vorteil in der näheren Zukunft zu neutralisieren.

So wird Chinas Position von Amerikas einstigen Verbündeten in dieser Region verstanden. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte sagte am 20. Oktober in Peking: „Amerika hat militärisch wie wirtschaftlich, wenn auch vielleicht nicht sozial, verloren.“ Zu den chinesischen Politikern in der Großen Halle des Volkes sagte Duterte: „An diesem Ort, meine Damen und Herren, verkünde ich meine Trennung von den Vereinigten Staaten“.

Amerika kann seinen strategischen Vorteil wiederherstellen, aber das wird eine entschlossene und übergreifende nationale Anstrengung erfordern.

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Spengler auf Deutsch 76: Trump bewirkt einen Abwärtstrend für die Schwellenländer

Das Original erschien am 21. November 2016 unter dem Titel “Trump effect a downside for emerging markets” in Asia Times.

Anmerkung des Übersetzers: Es handelt sich bei dem Text um das Ergebnis einer Diskussion Spenglers mit anderen Spezialisten um die wirtschaftlichen Folgen von Trumps Wahl. Wenn also von „der Gruppe“ oder „den Teilnehmern“ die Rede ist, sind die Teilnehmer an dieser Diskussion gemeint.

Die Aktienmärkte der Industrienationen zeigen nach Donald Trumps Wahlsieg höhere Wachstumserwartungen, aber die Schwellenländer geben Anlass zur Sorge.

Während die Aktienkurse und Rohstoffpreise wegen der größeren Wachstumserwartungen seit den amerikanischen Wahlen am 8. November gestiegen sind, werden die Schwellenländer kontinuierlich schwächer.

Die langfristige Inflationserwartung ist von ihrem Tief Mitte 2016 angestiegen; sie bleibt aber immer noch sehr niedrig im Vergleich zum langfristigen Durchschnitt. Der Optimismus über die Entwicklung der Weltwirtschaft ist im Gefolge der amerikanischen Wahlen etwas gestiegen, bleibt aber vorsichtig und ungleich.

Der starke Anstieg in den dollargewichteten Indizes übt Druck auf die Ökonomien mit großen Auslandsschulden aus. Italien gibt Anlass zur Besorgnis. Während der europäischen Finanzkrise von 2011-2013, übertrafen die Renditen für italienische Staatsanleihen die für deutsche um mehr als 5 %.

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Die italienischen Staatsschulden betragen rund 130 % des Bruttoinlandsprodukts, das ist das Äquivalent von zusätzlichen 6,5 % für den Schuldendienst. Seit 2014 hat sich der Abstand zwischen den Zinsen für italienische und deutsche Staatsschulden im Maßstab von 1-2 % bewegt, aber er ist jetzt schon an der weiteren Grenze dieses Spektrums. Wenn die Zinsen steigen, wird Italien ein schweres finanzielles Problem bekommen.

Italien muss zudem mit dem Liquiditätsproblem seines Bankensystems fertig werden (wo nicht bediente Kredite etwa ein Fünftel der Gesamtkredite ausmachen). Obwohl die Regeln der Europäischen Kommission das untersagen, wird Italien wahrscheinlich intervenieren, um seine Banken zu retten, da Kleinanleger etwa 237 Milliarden Euro in Bankaktien investiert haben, und eine Rettungsaktion für Kleinanleger politischen Aufruhr verursachen würde.

Die italienischen Bankaktien fielen letzte Woche drastisch, da Versuche, italienische faule Kredite (non-performing loans NPLs) in Form von Finanzprodukten zu verkaufen, auf Schwierigkeiten stießen. Das Problem ist, dass die italienischen Banken die Regierung finanziell gerettet haben (sie besitzen 22 % der gesamten Staatsschuld), und wenn die Regierung die Banken retten soll, wer wird dann die Regierung retten?

Premierminister Matteo Renzi hat seine politische Karriere von einem Sieg in dem Referendum am 4. Dezember über die Verfassungsreform abhängig gemacht, die er nun wahrscheinlich verlieren wird. Das wird zu einem politischen Vakuum führen, in dem die Bankrisiken höher eingepreist werden.

Kenner glauben nicht, dass die Ausweitung des Zinsabstands von italienischen und deutschen Anleihen auf politische Veränderungen in Italien zurückzuführen ist, sondern eher auf Entwicklungen im globalen Umfeld.

Noch bedrohlicher für Italien als das Referendum vom 4. Dezember mag die Sitzung der Europäischen Zentralbank am 8. Dezember sein, die eine sechsmonatige Pause des Quantitative Easing beschließen und so die Nachfrage nach italienischen Staatsanleihen reduzieren könnte.

Die italienische Regierung ist auch besorgt über die Möglichkeit, dass die Europäische Kommission eine fiskalische Anpassung fordern könnte, um das italienische Haushaltsdefizit zu verringern, das die Richtlinien der Kommission bei weitem übertrifft. Sie ist auch besorgt über die Migrantenkrise, die sich von den Grenzen der europäischen Länder auf die Mittelmeerroute verlagert hat.

Wenn Renzi das Referendum verliert, wird er versuchen, als Premierminister zurückzutreten, während seine Gegner versuchen werden, ihn zum Bleiben zu nötigen und die Kritik für die unerfreulichen Konsequenzen auf sich zu nehmen. Das schafft kein Vertrauen in die italienische Regierung.

Die Gruppe ist ebenfalls besorgt über die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich im Mai 2017. Die Front National wird wahrscheinlich besser abschneiden als entweder das Rechte Zentrum, das keinen wirklich populären Kandidaten hat, oder die Sozialisten, berücksichtigt man das Präsident Francois Hollandes Zustimmungsrate auf 4 % gefallen ist.

Letztlich werden die Linke und das Rechte Zentrum sich vereinen, um die Kandidatin der Nationalen Front, Marine Le Pen, als Präsidentin zu verhindern, aber die doch vorhandene Möglichkeit einer populistischen Regierung in Frankreich wird das Land für einige Monate in Aufruhr versetzen.

In Anbetracht der Labilität der politischen Situation erwarten einige Teilnehmer, die europäische Zentralbank werde die Einführung neuer Kapital- und Liquiditätsregeln für europäische Banken aufschieben. Vom nächsten Jahr an werden von den europäischen Banken mehr flüssige Vermögenswerte gefordert, und 2018 werden neue Kapitalregeln der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wirksam werden. Nur wenige europäische Banken sind auf dieses strengere Regime vorbereitet und der Weg des geringsten Widerstands wäre, einfach darauf zu verzichten.

Auch die Schwellenländer geben Grund zur Sorge. Wie einige Teilnehmer betonten, reduziert die Verdoppelung der Schulden der Schwellenländer in ausländischer Valuta und der Anstieg der Renditen für Staatsanleihen in den Industrienationen die Attraktivität von Staatsanleihen der Schwellenländer und macht den Schuldendienst in Zukunft schwieriger. In Anbetracht der Stagnation bzw. des Rückgangs des Welthandels ist das besonders besorgniserregend.

Die Rede des chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf dem APEC Gipfel in Lima war in dieser Hinsicht bemerkenswert, insofern er sich für eine neue transpazifische Freihandelszone aussprach. In der Vergangenheit hat die Welt Chinas Protektionismus kritisiert, heute kommen die Einschränkungen des freien Austauschs von Gütern und Ideen von anderswo, insbesondere vom einstigen Vorkämpfer des Freihandels, den USA.

Xi fügte hinzu, China verpflichte sich, in den nächsten fünf Jahren amerikanische Importe in Höhe von 8 Billionen Dollar aufzunehmen und werde 750 Milliarden Dollar für überseeische Direktinvestitionen bereitstellen (Letztere Zahl ist konservativ, da Chinas ausländische Direktinvestitionen 2016 mehr als 170 Milliarden Dollar übersteigen dürften). Wir erwarten, dass die lateinamerikanischen Länder bestrebt sein werden, ihre wirtschaftlichen Beziehungen mit China neu auszurichten, eine Tendenz, die sich seit langem vorbereitet.

Drei Situationen sind besonders besorgniserregend:

Unter den Schwellenländern hat Mexiko gerade die drastischste Abwertung durchgemacht, und die Ratingagenturen werden Mexikos Schuldenbewertung wahrscheinlich herabstufen. Es besteht das Risiko eines Teufelskreises aus Währungsabwertung, steigenden Zinssätzen und höheren Kosten für den Schuldendienst. Der Niedergang des mexikanischen Pesos ist besonders alarmierend. Mexiko musste seine Zinssätze erhöhen (über Nacht auf eine Quote von 5,25 % letzte Woche) um den Niedergang des Pesos zu verlangsamen. Ausländische Direktinvestitionen in Mexiko und Geldüberweisungen der Arbeiter sind gefährdet.

Die indische Banknotenreform hat nicht nichtintendierte Konsequenzen gehabt. Die indische Regierung hat offensichtlich die Größe der Schattenwirtschaft unterschätzt. Statt der von der Regierung geschätzten 25 % trägt die Parallelwirtschaft wahrscheinlich eher mit 35 % zu Indiens wirtschaftlicher Aktivität bei. Die Entwertung der 500- und 1000 Rupienscheine hat bereits einen Crash im Markt für Wohnungseigentum verursacht; es werden jetzt Luxusimmobilien zu einem Preis angeboten, der 40 % unter dem Stand vor der Reform liegt.

Der Steuergewinn für die Regierung wird wahrscheinlich zwischen 70 bis 75 Milliarden Dollar betragen. Aber dieser Steuerschock für die Wirtschaft wird kurzfristig das Wachstum unterdrücken und wird unvorhersehbare Konsequenzen haben, da so viele wirtschaftlich Agierende praktisch enteignet wurden.

Südkoreas politische Krise ist eine weitere Sorge. Millionen von Demonstranten sind in Seoul auf die Straße gegangen, seit der Korruptionsskandal um Präsident Park „Geun-hye“ aufbrach. Koreanische Staatsanwälte behaupten nun, dass Park von der Korruption gewusst habe. Wenn die koreanischen Jaebeols[1] in den Skandal hineingezogen werden, besteht die Möglichkeit einer ernsthaften wirtschaftlichen Störung. Weniger als 10 Jaebeols kontrollieren etwa drei Viertel der Produktion des Landes.

Weiterhin leiden die Schwellenländer an höheren Kosten für den Schuldendienst al sein Resultat der steigenden Dollar- und Zinsraten.

Die Tafel unten zeigt die Abwertung der Währungen der Schwellenländer seit dem 8. November und seit Mitte 2014:

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[1] Jaebeol (deutsch: reiche Sippe) ist der koreanische Begriff für ein großes Familienunternehmen, das meist aus verschiedenen Sparten besteht, also ein Mischkonzern ist. (aus Wiki).

Spengler auf Deutsch 65: Small-Ball-Konservatismus oder nationale Größe?

Das Original erschien am 23. Oktober 2016 unter dem Titel “Small-ball conservatism or national greatness?“ in Asia Times.

Small-Ball-Konservatismus[1] dominiert das Denken des republikanischen Mainstreams.

Es findet seinen Ausdruck in den Publikationen von Ramesh Pommeru, Ross Douthat und Yuval Levin, deren “Vision konservativen Regierens” folgendermaßen aussieht:

… amerikanisches Leben, in dem die Regierung die Gesellschaft nicht als ein Instrument nutzt, um progressive Ziele zu verfolgen, sondern eher den Raum erhält und stärkt, in dem die Gesellschaft gedeiht und alle Amerikaner befähigt, an dem teilzunehmen, was in diesem Raum geschieht.

So eine Regierung wäre zweifellos viel kleiner, zurückhaltender und weniger kostspielig als die, welche wir heute haben. Sie wäre fiskalisch nachhaltig, sie würde die Katastrophe verhindern, der wir entgegengehen, wenn unsere Sozialprogramme nicht eingeschränkt werden, sie würde die Privatwirtschaft stärken, statt ihr Ressourcen zu entziehen.

Levin nennt das eine „moderne Politik der Subsidiarität – d. h. Macht, Autorität und Bedeutung sind so dicht an der Ebene zwischenmenschlicher Gemeinschaft angesiedelt, wie es vernünftigerweise möglich ist“. D. h. man macht viele gute, kleine Dinge an der Basis der Zivilgesellschaft.

Wenn wir Small-Ball spielen, werden wir verlieren. Insbesondere werden wir Amerikas technologische und wissenschaftliche Vorherrschaft verlieren, unsere dominante Position als Militärmacht und einen bedeutenden Teil unseres Lebensstandards. In einer Welt des Wettbewerbs meint „verlieren“ nicht, einige Punkte Wachstum des Bruttoinlandsprodukts einzubüßen; es meint die Art von Niedergang wie ihn das Vereinigte Königreich in den 1950ern und 1960ern durchmachte, als seine Auto-, Schiffbau- und Maschinenbauindustrien nahezu verschwanden.

Small-Ball-Konservatismus ignoriert den wichtigsten Aspekt in der globalen Wirtschaft: unsere Wettbewerber. Wir sind nicht mehr im Jahre 1981, als die digitale Revolution die furchterregende Überlegenheit der Sowjetunion an konventionellen Waffen überwältigte. Als Ronald Reagan das Amt übernahm, hatten die High-Tech-Unternehmer der Welt keinen Platz, zu dem sie hätten gehen können, außer Amerika. Amerikas Universitäten hatten ein Monopol auf High-Tech-Technologie, das amerikanische Verteidigungs- und Weltraumprogramm dominierte die Spitzenforschung, und amerikanische Kapitalmärkte waren die einzige vorhandene Kapitalquelle für High-Tech-Gründungen.

Wir haben immer noch einen Vorteil, aber er schwindet schnell dahin. Amerika ist nur noch ein zweitklassiger Standort für die Herstellung von High-Tech-Produkten, und unser Monopol in Schlüsselbereichen des Wissens ist keineswegs sicher. Unser Verteidigungsetat wendet – gerechnet als Anteil vom Bruttoinlandsprodukt – nur halb so viel wie früher für Forschung und Entwicklung auf. Und wir stehen neuen und selbstbewussten Wettbewerbern gegenüber, die entschlossen sind, die Vereinigten Staaten zu überholen. Wenn wir die Hürde des globalen Wettbewerbs nicht überspringen, dann wird alles Gute, das wir im Kleinen tun, nichts helfen.

Amerika wird den Weg zu neuer nationaler Größe nicht durch Zufall finden. Wir müssen alle Kräfte gleichzeitig mobilisieren, etwas, das wir seit Ronald Reagans Amtszeit nicht getan haben. Amerikas Niedergang in Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Fertigkeiten ist so weit fortgeschritten, dass nur ein nationaler Wiederherstellungsplan uns vor einem Niedergang wie dem von Nachkriegsgroßbritannien retten wird. Wir brauchen eine nationale Initiative, um Amerikas technologische Überlegenheit, Infrastruktur, Erwerbsbeteiligung wiederherzustellen, und vor allem ein Gefühl für nationale Ziele und Moral.

Unser Vorbild sollte Ronald Reagans „Strategic Defense Initiative“ sein, eine Musterung der intellektuellen und unternehmerischen Ressourcen, um die asiatischen Wettbewerber zu überholen, welche nun drohen, einen technologischen Vorsprung zu gewinnen, den wir wohl nie werden einholen können, wenn wir es nicht schnell tun. Das ist großer Konservatismus: die Mischung nationaler Verteidigung und Weltraumforschung mit der Schaffung von Gelegenheiten für eine neue Generation von Unternehmern.

Steuersenkungen und Deregulierung sind eine unverzichtbare Komponente dieser Politik – ebenso wie sie es unter Reagan waren. Die alte amerikanische Erfolgsformel erlaubte privaten Risikounternehmern, die neuen Technologien zu übernehmen, welche sich aus den Anforderungen der Verteidigung und Raumfahrt herausbildeten. Industriepolitik dagegen – die das Risiko den Steuerzahlern auflädt – produziert Vetternwirtschaft, Korruption und Fehlschläge. Aber die Anforderungen an die Rüstungsindustrie erhöhten das Niveau von Forschungs- und Entwicklung und schufen wegweisende Innovationen, welche die moderne amerikanische Wirtschaft möglich machten. Wissenschaftliche Forschung zu Verteidigungszwecken zusammen mit privaten Risikounternehmern ist die Kombination, welche Amerika aus der Stagflation der 1970er herausführte und uns die längste Wachstumsphase in der modernen Geschichte bescherte.

Unsere nationalen Sicherheitsanforderungen und wirtschaftlichen Bedürfnisse ergänzen sich. Amerikas technologischer Vorsprung in der Waffentechnik wird ernsthaft angefochten. Wir stehen einer Anzahl neuer potentieller Bedrohungen gegenüber: Satellitenkillern, Anti-Schiff-Raketen, hypersonischen Raketen, dazu bestimmt, unsere Flugabwehr zu besiegen, neue Radarsysteme, welche die existierende Tarnkappentechnologie neutralisieren, und Cyberkrieg, um nur die bekanntesten zu nennen. Russlands S-400 und S-500 dürften aktuell die besten verfügbaren Flugabwehrsysteme sein. Chinas Anti-Schiff-Raketen und getarnte U-Boote könnten Amerikas Flugzeugträger im Westpazifik neutralisieren. Quantumcomputer und ähnliche Technologien gefährden die Sicherheit der Kommunikation. Unser Hochspannungsnetz ist verwundbar durch elektromagnetische Impulswaffen. Es ist leicht mehr Härte gegenüber Russland und China zu fordern. Aber es ist nicht sicher, dass wir einen Seekrieg mit China im südchinesischen Meer oder einen Landkrieg mit Russland in der Ukraine gewinnen würden.

Das schwächt unsere Verhandlungsposition mit unseren Rivalen und möglichen Gegnern und zwingt uns, von einer schwächeren Position aus zu verhandeln, schwächer als sie selbst in den 1980ern war. Seit 2002 haben wir mehr als vier Billionen Dollar im Irak und Afghanistan ausgegeben, aber wie haben zugelassen, dass das Budget für militärische Forschung und Entwicklung um die Hälfte gekürzt wurde, gerechnet nach dem prozentualen Anteil am Bruttoinlandsprodukt.

Amerikas Position ist stärker gefährdet als am Ende der Stagflation in den 1970ern:

  1. Amerikas Bevölkerung altert rapide, von 15 % über 65 im Jahre 2015 auf 20 % 2030.
  2. 1979 hatte Amerika kaum ausländische Wettbewerber als Standort für unternehmerische Neugründungen. Das Kapital und das Talent der ganzen Welt konnten nirgendwo anders hingehen als in die Vereinigten Staaten. Heute gibt es zahlreiche konkurrierende Standorte für Technologieunternehmen.
  3. Asien und insbesondere China sind dabei, die technologische Lücke zu den Vereinigten Staaten zu schließen und haben amerikanische Hersteller in einer Anzahl von Schlüsselindustrien überholt.
  4. Die Verschuldung des Bundes betrug 1979 nur 30 % des Bruttoinlandsprodukts (nicht gerechnet die ungedeckten Leistungsansprüche); sie sind 2015 auf 110 % gestiegen.
  5. Wachstumshindernisse (ein Spitzensteuersatz von 70 % und eine inflationäre Geldpolitik) waren leicht zu identifizieren und zu reformieren.
  6. Amerikas Vorsprung in produktivitätsfördernde Technologien ist geschrumpft, grösstenteils weil die Aufwendungen für militärische Forschung und Entwicklung auf die Hälfte des Standes der späten 1970er zurückgegangen ist (relativ zum Bruttoinlandsprodukt).

Wir brauchen:

  1. Eine Verdoppelung der Bundesmittel für Forschung und Entwicklung in den Bereichen Verteidigung und Raumfahrt.
  2. Einrichtung von Forschungsprogrammen um unsere Wettbewerber in Schlüsselsystemen der Waffentechnik zu überholen, besonders in Cyberkrieg, Flugabwehr, Dronen, Tarnkappentechnik, Elektromagnetische Impulse und taktische Führung und Kontrolle auf dem Schlachtfeld.
  3. Eine Initiative, um auf dem Mars zu landen, in Nachahmung des Mondlandungsprogramms in den 1960ern.
  4. Wiederherstellung der Infrastruktur.
  5. Abbau von Vorschriften, die kleine Unternehmen behindern und Wettbewerb ersticken.
  6. Eine drastische Reduzierung der Steuern auf Unternehmens- und Kapitalgewinne.
  7. Verteidigung ausgewählter Industrien gegen die Ausspähpraktiken asiatischer Wettbewerber.

Wir brauchen eine wirkliche nationale Initiative und keine schrittweisen Lösungen. Die amerikanische Wachstums- und Innovationsmaschine ist zusammengebrochen und Zeit ist knapp.

Wir haben das niedrigste Produktivitätswachstum seit der Jimmy Carter-Ära und das niedrige Produktivitätswachstum korreliert mit dem Niedergang der Bundesausgaben für Forschung und Entwicklung.

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Gerechnet als Prozentsatz vom Bruttoinlandsprodukt sind die Bundesausgaben für Forschung und Entwicklung nur noch halb so hoch wie in der Reagan-Ära. Jedoch ist der aktuellen Stand der Dinge schlechter als die Zahlen erkennen lassen, da ein großer Teil des nationalen Forschungsbudgets von einem einzigen Programm absorbiert wird, dem F-35 Jäger. Was auch immer die Vorzüge dieses Waffensystems sein mögen – und seine Vorzüge werden von vielen glaubwürdigen Analysten bezweifelt – seine Kosten waren so hoch, dass sie in den letzten zehn Jahren alle anderen Forschungsvorhaben im Rüstungsbereich ausgetrocknet haben.

Bundesausgaben für Forschung und Entwicklung als Prozentsatz vom Bruttoinlandsprodukt

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Um zu neuer Größe zu gelangen, muss Amerika die Führung bei Innovationen übernehmen. Und die große Quelle für Innovationen war das Verteidigungs- und das Weltraumprogramm. Henry Kessel, der frühere Direktor von „RCA Labs“[2] und ich haben in einem im Oktober 2013 erschienenen Essay für „The American Interest“ beschrieben, wie Rüstungsforschung Technologien mit großem kommerziellen Potential schuf.

Unter anderen bemerkenswerten Ergebnissen von Forschungsvorhaben, die durch Staatliche Verteidigungs- und Raumfahrtprogramme finanziert wurden, waren der Standardherstellungsprozess für integrierte Schaltkreise und kommerziell brauchbare Laser. Beide Innovationen wurden bei RCA entwickelt, dem Unternehmen, das David Sarnoff gegründet hat. Praktisch alle Chips, die heute produziert werden, werden nach dem CMOS-Verfahren hergestellt, das als ein Projekt des Verteidigungsministeriums in den 1970ern begann. Das Ministerium wollte die Möglichkeit erforschen, Computerchips mit geringerem Energieverlust herzustellen, als die damalige Technologie produzieren konnte. Nach der erfolgreichen Beendigung des Projekts wurde CMOS-Technik unter anderem dazu genutzt, Chips für Flugzeugradarsysteme herzustellen. In den 1980ern fand sie ihren Weg in die kommerziellen Märkte.

Ein zweites Beispiel: Die Entwicklung von Halbleiterlasern in den RCA-Laboren … wurde ursprünglich in den 1960ern durch das Verteidigungsministerium finanziert. Es sollten infrarote Scheinwerfer entwickelt werden, die ein Schlachtfeld ausleuchten könnten, aber unsichtbar für das menschliche Auge sind. Als diese Technologie in den späten 1960ern und frühen 1970ern fortschritt, wurde es klar, dass man solche Laser auch in Glasfaserkommunikationssystemen nutzen konnte. 1969 kündigte RCA einen kommerziellen Laser an, der auf einer Technologie basierte, welche weitgehend vom Verteidigungsministerium finanziert war. Begleitende Technologien entstanden, welche die Arten, Laser zu benutzen, erweiterten. Das führte zu ihrem gegenwärtigen Status, wo sie nicht nur der Kern aller Glasfaserkommunikationssysteme sind – einschließlich vokaler und Dateiennetzwerke -, aber auch als Schlüsseltechnologie für Millionen von Geräten, DVD-Playern und ähnlichen Produkten.

Im Auftrag von Norman A. Bailey, damals Planungsdirektor im Nationalen Sicherheitsrat, habe ich 1985 eine Studie erstellt, in der ich darlegte, dass die „Strategic Defense Initiative”, die damals von der Reagan-Regierung lanciert wurde, sich durch die hervorgebrachten Innovationen selbst bezahlen würde, ebenso wie das Apollo-Programm nach einer Schätzung sieben Dollar an wirtschaftlichem Gewinn für jeden von der NASA ausgegebenen Dollar eingebracht hat.

Die nationale Sicherheit fördert Innovationen, weil sie von der Wissenschaft verlangt, Dinge zu tun, die niemals zuvor getan worden sind und die unsere Gegner nicht tun können.

Ohne Produktivitätswachstum werden Investitionen, Löhne und Realeinkommen in der Depression verharren. Das Wirtschaftswachstum wird weiterhin auf nahezu Rezessionsniveau dahindümpeln.

Während der 1980er verwandelte eine Reihe von Technologien Amerikas Wirtschaft. Halbleiter, Kommunikation, Laser und andere Innovationen schufen neue Industrien in Computertechnik, Telekommunikation, Unterhaltung, Medien und Einzelhandel. Gemäß den Statistiken über wirtschaftliche Dynamik des „Census Bureau’s“ schufen neue Unternehmen mehr als 100 % der Arbeitsplätze, die zwischen 1992 und 2005 neu entstanden. Die „Kaufmann Foundation“ hat die Daten von Census in ihrem Bericht vom Juli 2010 zusammengefasst.

Im ersten Jahr ihrer Existenz kreieren Firmen durchschnittlich drei Millionen Arbeitsplätze pro Jahr. Das BDS definiert existierende Firmen – im Alter von ein bis sechsundzwanzig Jahren und mehr – dahingehend, dass sie sowohl Arbeitsplätze schaffen wie verlieren können. Ein Startup dagegen, also eine Neugründung, schafft ausschließlich Arbeitsplätze, da es ja noch keine Arbeitsplatzverluste hinnehmen musste. Wir können vermuten, dass der Nettogewinn an Arbeitsplätzen sich auch positiv auf existierende Firmen auswirkt, aber das ist nicht der Fall für die meisten analysierten Jahre. Bemerkenswerterweise zeigen die Zahlen, dass auch in Rezessionsjahren die Arbeitsplatzschaffung durch Startups stabil bleibt, während Arbeitsplatzverluste in existierenden Firmen stark abhängig vom Konjunkturzyklus sind.

Startups schaffen die meisten Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten:

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Eine radikale Wende fand nach der Großen Rezession statt. Die Daten des “Census Bureau“ zeigen zwischen 2007 und 2013 einen Rückgang der Zahl von neuen Firmen wie auch von Arbeitern, die von neuen Firmen beschäftigt werden.

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Niedergang von kleinen Unternehmen nach Anzahl und Beschäftigungszahl zwischen 2007 und 2013 (Census Bureau).

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An den Graswurzeln der Wirtschaft sucht das Risikokapital Soziale Medien, Apps und andere „weiche“ Investitionen mit geringem Bedürfnis nach Kapital und Arbeit; es vermeidet dagegen „harte“ Investitionen in Herstellung, Telekommunikation und andere Felder mit großem Bedarf an Kapital und Arbeit.

„Harte“ gegen „weiche“ Technologieinvestitionen:

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Während der 1980er und 1990er dominierte Amerika den technologischen Fortschritt durch eine Gruppe zerstörerischer neuer Unternehmen – Microsoft, Google, Cisco, Intel, Oracle und andere. Jedoch hat die frühere technologische Vorhut sich in eine Gruppe von stabilen Verbrauchermonopolisten verwandelt. Das wird aus dem Handelsmuster ihrer Aktien deutlich. Wir sehen, dass während der späten 1990er und frühen 2000er der Technologie Subsektor des S&P 500 Index eine etwa doppelt so hohe Volatilität (Standardabweichung von der Rendite, kalkuliert über einen Sechs-Monats-Zeitraum) hatte wie der allgemeine Index. Das spiegelt das größere Risiko und die höhere Dividende im Vergleich mit etablierten Unternehmen. Das Risiko (und also auch der mögliche Gewinn) sind auf das allgemeine Niveau der Wirtschaft abgesunken, als die große Welle der Innovationen verebbte.

Volatilität des S&P Technologiesektors versus Indexvolatilität:

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Wir befinden uns in einer Depression, die niemand so nennen will.

Als die Arbeitslosenrate 1933 die 25 % Marke erreichte, wurde sie errechnet aufgrund einer männlichen Partizipation am Arbeitsmarkt von 90 %. Der Prozentsatz beschäftigter Männer erreichte somit etwa 60 %. Heute haben wir eine nahezu identische Beschäftigungsquote von Männern bei 68 %, was durch Sozialprogramme, Universitätskredite und andere Mittel kaschiert wird, welche etwa einem Viertel der Arbeitsfähigen erlaubt, ständig müßig zu gehen.

Partizipationsrate am Arbeitsmarkt: Männer

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Industrielle High-Tech-Produktion ist seit den späten 1990ern von den Vereinigten Staaten weggedriftet. Bis in die späten 1990er hatte Amerika einen substantiellen Überschuss an High-Tech-Produkten. In den frühen 2000ern drehte sich das in ein Defizit, das 2016 wahrscheinlich 100 Milliarden Dollar erreichen wird.

Amerikanische Exporte und Importe von High-Tech-Geräten:

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Der größte Teil von Amerikas Handelsdefizit in High-Tech-Gütern besteht aus Technologien, die in den Vereinigten Staaten erfunden und in jedem einzelnen Fall durch Bundesmittel vom Verteidigungsministerium oder der NASA gesponsert worden sind. Die sieben unten angeführten Technologien sind die Basiselemente aller modernen Elektronik von Computern zu Smartphones. Und in jedem Fall ist ihre Herstellung nach Asien gewandert, weil asiatische Regierungen die frühere amerikanische Praxis übernahmen, Forschung und Entwicklung zu unterstützen. Die wirtschaftlichen Vorteile der digitalen Revolution, die in den Vereinigten Staaten ihren Ursprung haben, sind nach Asien gewandert. Amerikas Anteil an der Herstellung und Vertreibung seiner eigenen Inventionen ist relativ klein.

Die digitalen Kerntechnologien sind:

  • Flüssigkristalldisplays (LCDs), die in fast allen wirtschaftlichen Bereichen genutzt werden und die jährlich 100 Milliarden Dollar umsetzen. Südkorea kontrolliert 35 % des Marktes, Taiwan 25 % und China 20 %.
  • Leuchtdioden (LEDs) werden hauptsächlich in China und Taiwan produziert.
  • China und Taiwan dominieren die Produktion von Halbleiterlasern, der Energiequelle für Glasfaserkommunikation.
  • Festkörpersensoren, die Bilder in Digitalkameras und ähnlichen Geräten generieren, werden größtenteils in Taiwan und Japan produziert.
  • Flash-Speicher werden größtenteils in Südkorea, Japan und China hergestellt. Nur 10 % der Weltproduktion kommen aus den USA.
  • Integrierte Schaltkreise sind eine globale Industrie von 270 Milliarden Dollar. Die meisten werden in Taiwan und Südkorea produziert, und China hat ein aggressives Investitionsprogramm für diese Industrie gestartet. Weniger als ein Viertel der Weltproduktion kommt aus den USA.
  • Sonnenenergiekollektoren, eine 30 Milliarden Dollar Industrie, werden von China dominiert.

Einige der asiatischen Vorteile sind das Resultat des Diebstahls von geistigem Eigentum, aber größtenteils rühren sie aus einer breiten Zusammenarbeit von Regierung und Industrie her. Asiatische Länder haben amerikanische Technologien lizensiert, haben Joint Ventures mit amerikanischen Unternehmen unterstützt, um Technologietransfer zu fördern und billiges Kapital für High-Tech-Industrien bereitzustellen. Asiatische Regierungen fördern auch technische Erziehung. China promoviert heute jährlich zwei Mal so viele Doktoren in MINT-Fächern wie die Vereinigten Staaten.

Amerika entwickelte die meisten, wenn auch nicht alle Technologien, die Asien herstellt. Aber Asiens Abhängigkeit von amerikanischer Technologie beginnt abzunehmen. Chinas Flaggschiff als High-Tech-Hersteller, Huawei, beschäftigt heute Zehntausende von Ingenieuren, einschließlich Tausende Forscher im Westen in diversen Zentren in Europa. Noch vor einem Jahrzehnt wurde Huawei regelmäßig beschuldigt, westliche Technologie zu stehlen; heute ist er ein energischer Verteidiger von geistigem Eigentum, da er heute von seinen eigenen Erfindungen abhängt.

Wir sind auf einer abschüssigen Bahn. Wenn wir weiterhin an Boden verlieren, könnten wir keine Chance mehr haben, wieder aufzuholen. Nichts anderes als eine große nationale Anstrengung wird uns die Chance für ein Comeback geben. Und das Erste, das ein amerikanischer Präsident tun muss, ist zu erklären, dass eine große nationale Anstrengung in Vorbereitung ist, mit der gleichen Absicht, die in den 1950ern Eisenhowers und Kennedys Antworten an die russischen Bodengewinne im Weltall inspirierte, oder Reagans Entschlossenheit, den Kalten Krieg zu gewinnen und Amerika gegen Raketenangriffe zu verteidigen. Es gibt viele kleine Dinge, die getan werden müssen, aber es gibt eine große Sache, die getan werden muss. Wir müssen ein nationales Ziel identifizieren und alle Ressourcen der Vereinigten Staaten einsetzen, um es zu erreichen.

[1] Small-Ball bezeichnet eine Strategie beim Pokerspiel, nach der man nur um kleine Pötte spielt, um dem Risiko des frühzeitigen Bankrotts auszuweichen.

[2] Die Forschungsabteilung von RCA (Radio Corporation of America) an der Universität Princeton.

Spengler auf Deutsch 64: Was will Putin?

Das Original erschien am 21. Oktober 2016 unter dem Titel „What does Putin want?“ In PJMedia

Ich hatte geplant, etwas Längeres über Putin zu schreiben, aber die jüdischen Feiertage kamen mir dazwischen. Darum nur eine schnelle Antwort auf die Frage: Was will Putin? Russland hat große Ambitionen und eine gescheiterte Wirtschaft, aber es hatte schon immer große Ambitionen und eine gescheiterte Wirtschaft (der Erste Weltkrieg rührt teilweise daher, dass Russland Steuern von seinen westlichen Provinzen verlangte, um seine Abenteuer im Osten zu finanzieren). Während des größten Teils seiner Geschichte hinkte Russland dem Westen technologisch hinterher, insbesondere in innovativer Militärtechnologie, und war daher vorsichtig – mit zwei Ausnahmen. Die erste Ausnahme war von 1957 bis in die frühen 1960er, nachdem Russland mit dem Sputnik bei dem Wettlauf ins Weltall in Führung gegangen war; Russlands Erfolg trug zu der Euphorie bei, welche die Berlin- und die Kubakrise hervorrief. Die zweite Ausnahme ist jetzt, seit Russlands Flugabwehr uns effektiv aus Syrien ausschließt. Wie ein Witzbold schrieb: Es gibt kein Flugverbot in Syrien, außer es wird von den Russen verhängt. Putins Interesse besteht darin, die Vereinigten Staaten zu demütigen und seinen chinesischen Partnern seine Wichtigkeit zu beweisen, die immer noch russische Technologie für Flugabwehr, Düsenjägertriebwerke und ähnliches benötigen.

Zudem will Putin auch weiterhin die Schaffung einer sunnitischen islamistischen Regierung in Syrien verhindern, da diese Dschihadisten in Russland unterstützen würde. Was die Türkei betrifft: Putin hält zu seinen Freunden und noch mehr zu seinen Feinden. Sein Abkommen mit der Türkei über Syrien ist ein Meisterstreich und ein Maßstab für Amerikas Impotenz und Inkompetenz. Was die Europäer betrifft: Die Italiener (!) legten beim europäischen Gipfeltreffen letzte Nacht ihr Veto gegen eine Resolution ein, die Russland Sanktionen androhte, und die Deutschen und Franzosen bissen sich in die Zunge. Wie „Il Foglio“ beobachtet: Die italienische Öffentlichkeit denkt, dass für das Chaos im östlichen Mittelmeer die Politik der Vereinigten Staaten (und Frankreichs und Englands) verantwortlich ist – was größtenteils zutreffend ist.

Bis vor einigen Monaten bestand noch die Möglichkeit, die Situation in der Levante zu stabilisieren. Jetzt nicht mehr: Putin spielt jetzt Richelieu. Er hält den Krieg im Gang mit dem Ziel, genug von der dortigen Bevölkerung auszurotten, um die Langzeitbedrohung zu beseitigen. Das ist genau das, was ich in seiner Lage tun würde, wenn ich damit davon kommen könnte – und er kann es.

Ich denke nicht, dass Russland eingedämmt werden kann, solange die Vereinigten Staaten nicht ihre Überlegenheit in der Flugabwehr wiederherstellen, und das wird selbst nach der günstigsten Annahme Jahre dauern (mittlerweile werden die Russen lernen, wie man unsere Tarnkappenbomber abschießt). Das Resultat wird unweigerlich ekelerregend sein.

Diejenigen, die sagen, wir sollten härter gegen Putin vorgehen, frage ich: “Wie?” Der Mainstream beider Parteien hat uns in dieses Chaos geführt und Putin die Möglichkeit geschaffen, Verwüstungen anzurichten.

Spengler auf Deutsch 26: Von einem, der nach China auszog und das Fürchten verlernte

Das Original erschien am 22. Februar 2016 unter dem Titel „Chicken Little does China“ in Asia Times.

Ich erhalten viele “gesponserte” Emails von den Likes bei Breitbart.com; sie warnen vor bevorstehendem finanziellen Ruin und drängen Sparer, fragwürdige Finanzberater zu kontaktieren. Amerikaner schicken so etwas zusammen mit nigerianischen Phishingmails direkt in den Spamordner, weil sie mit ihren eigenen Augen sehen können, dass die Geschäfte nicht vernagelt sind und die Banken die Hypotheken nicht kündigen. Berichte über die sogenannte chinesische Schuldenblase sind von gleicher Qualität wie die Breitbart-Mails. Da Amerikaner wenig über China wissen, können sie die Fakten nicht von den Märchen unterscheiden.

Leser von Asia Times werden sich erinnern, dass ich in dieser Publikation, beginnend im Oktober 2007, vor dem bevorstehenden Krach von 2008 gewarnt habe. Am 18. Juli 2007 ging ich in Larry Kudlows CNBC-Show, um davor zu warnen, dass eine Billionen-Dollar Blase für AAA-Papiere das Bankensystem bedrohte. Ich habe über den “Großen Krach von 2008” Anfang Juli 2008 geschrieben, zwei Monate bevor Lehman Brothers untergingen. Ich habe finanzielle Zusammenbrüche vorhergesagt und überlebt. Aber nichts dergleichen wird in China passieren.

In China gibt es zwei Ökonomien: die alte Exportmaschine, die während der 1980er und 90er entstand, und eine technikgetriebene, konsumorientierte neue Ökonomie, in der elektronischer Handel eine Zuwachsrate von 40 % pro Jahr aufweist. China sieht einem ungemütlichen Übergang von dem ersten Modell, das seinen Höhepunkt vor einigen Jahren erreichte, zu einem von Technik und Konsum getriebenen neuen Modell entgegen. Der zurückgehende Welthandel macht Chinas Übergang etwas ungemütlicher. Das ist lästig, aber keine Krise.

Der Hedgefonds-Manager Kyle Bass machte zu Beginn dieses Monats Schlagzeilen, als er behauptete, dass Chinas finanzielle Krise vier Mal so schlimm sei wie die Subprimekrise 2008 in den USA, als amerikanische Hausbesitzer Kredite für 0 % bis 5 % nachgeworfen bekamen. Die Angst vor einer Finanzkrise hat die chinesischen Bankaktien in Mitleidenschaft gezogen, die jetzt zu einem unerreicht niedrigen Preis/Rendite Verhältnis gehandelt werden.

Preis/Renditeverhältnis chinesischer Bankaktien auf Rekordtief:

Chinese Banks' P/E in Hong Kong at All-Time Low

Die Fakten sprechen eine andere Sprache. In China betrug der Minimalanteil an Eigenkapital für das erste Haus 30 % bis zum September 2015, als er auf 25 % gesenkt wurde. Der Minimalanteil für das zweite Haus beträgt 40 % (und betrug 60 % bis zum März 2015). Generell betrug die Beleihungsquote für amerikanische Hypotheken 71% im August 2008, gegen 33% in China, gemäß einer Studie vom Juni 2014 des in Hong Kong ansässigen Maklerbüros “Reorient Group”. Noch wichtiger ist, dass jede Hypothek in China einen großen Eigenkapital-Puffer hat.

Das trifft für die gesamte chinesische Wirtschaft zu. Chinesische Hausbesitzer haben viel mehr Eigenkapital als ihre amerikanischen Gegenstücke; Chinesische Firmen halten viel mehr Bargeld vor als ihre amerikanischen Gegenstücke; und die chinesische Regierung leiht dem Rest der Welt Billionen Dollar, während die amerikanische Regierung vom Rest der Welt Billionen Dollar ausleiht. China hat die höchste Sparquote der Welt – nahezu 50 % des persönlichen Einkommens gegen einen Weltdurchschnittswert von 22 %.

Sparquote des Bruttoinlandsprodukts 2013:

Source: World Bank

Source: World Bank

Haushalte, Firmen und Regierungen legen einen großen Teil ihrer Einkünfte in das Equivalent eines Notgroschen zurück. Bevor die schwätzende Klasse Chinas sogenannte „Schuldenblase“ entdeckte, beklagte sie sich, dass China zu viel sparte, und daher zu wenig vom Rest der Welt einkaufte – mit anderen Worten, dass China mehr Schulden brauchte. Man kann es nun einmal nicht jedem recht machen.

Die absolute Höhe von Schulden ist nie das Problem – vielmehr die Wahrscheinlichkeit der Insolvenz. Man kann selbst in einem 15 Zentimeter tiefen Fluss ertrinken. Wenn Banken Geld verleihen, geben sie normalerweise 1 Dollar von ihrem Eigenkapital für je 10 bis 12 Dollar ihrer Einleger. Eine Verlustrate von 10 % würde ihre Anteilseigner auslöschen, was bedeutet, die Bank ist pleite. Und es zählt nicht, dass die anderen 90 % ihrer Kredite todsicher sind.

Banken können Verlustraten von 10 % und höher verkraften und tun das auch. Notleidende Kredite bei italienischen Banken standen Ende 2014 bei 17 % der Gesamtkreditsumme. Die Verlustrate wird geringer sein; einige Schuldner werden wieder liquide werden, und Geldgeber werden einige ihrer Verluste durch das Veräußern von Aktiva ausgleichen. Aber es gibt Grund zu der Annahme, dass Italien eine Finanzkrise bevorsteht. Bei einer Arbeitslosenquote von 12 % ist das keine Überraschung.

Man weiß, dass die chinesischen Haushalte reich an Bargeld und Aktiva und dass Hypotheken nicht gefährdet sind. Es gibt vereinzelt Probleme bei Unternehmensschulden. Kollabierende Rohstoffpreise und schrumpfender Welthandel haben einige Unternehmensschuldner in Schwierigkeiten gebracht. Zugänglich sind die Finanzdaten für mehr als 2700 öffentlich gehandelte Unternehmen, einschließlich der größten des Landes, so ist es nicht schwierig, künftige Probleme zu identifizieren.

Generell deckt EBITDA (earnings before interest, taxes, depreciation and amortization)[1] die Kosten für Zinsaufwendungen der chinesischen Unternehmen um das sechsfache. Gleichwohl haben 12 % der chinesischen Unternehmen Bareinnahmen, die ihre Aufwendungen für Kredite – wenn überhaupt – nur knapp abdecken. Die ergibt sich aus einer Aufstellung des Maklerbüros „Reorient Group“ in Hong Kong.

Distribution of Debt Service/EBITDA Ratio for 2,700 Listed Chinese Companies

Verteilung von Schuldendienst/EBITDA Ratio für 2.700 chinesische Unternehmen

Jedoch zeigen einige dieser Unternehmen wiederansteigende Umsätze, was darauf hindeutet, dass ihre finanziellen Schwierigkeiten temporär sind. Und einige von ihnen haben so große Finanzpolster, dass ein Bankrott extrem unwahrscheinlich ist.

Auf Grundlage der Daten für die ersten Hälfte 2015 zeigt Reorients Übersicht, dass etwa 7,5 % der ausstehenden Schulden der gelisteten chinesischen Unternehmen Ausfallrisiken darstellen.


Für den Fall, dass alle Unternehmensschulden, die ausfallgefährdet sind, tatsächlich schlagend werden – eine sehr pessimistische Annahme – argumentiert Reorient, dass eine Unternehmensausfallrate von 8 % mit einer Erholungsrate von 50 % wahrscheinlich das Worst-Case Scenario für Unternehmensschulden ist. Chinesische Unternehmen pflegen sehr hohe Barreserven zu haben – im Durchschnitt beträgt ihre Höhe ein Drittel ihrer ausstehenden Gesamtschulden. Die entsprechenden Reserven der Unternehmen des S&P 1500 Index betragen dagegen nur 18 % (Wenn man die zehn liquidesten Unternehmen wie Apple und Google ausschließt).

Eine Ausfallrate von 8 % ergibt damit eine Verlustrate von 4 % für Unternehmensschulden. Das ist schmerzhaft, aber schwerlich kritisch. Die Ausfallraten für Hypotheken und Privatkredite dürften sehr niedrig sein, weil die Haushaltsfinanzen sehr stark sind.

Es bleibt das undurchsichtige Geschäft der „trust loans“, das heißt Kredite, welche die Bank kauft, in einen „trust“ bündelt und an Kunden verkauft, die hohe Renditen suchen. Die Analysten von Reorient nehmen eine extrem hohe Ausfallrate von 15 % und eine extrem niedrige Erholungsrate von 25 % an, und nehmen weiterhin an, dass die Banken diese Ausfälle aus ihrem eigenen Kapital werden decken müssen.

Alles zusammengenommen werden die chinesischen Banken einen einmaligen Verlust von 4,9 % ihrer Aktiva erleiden. Das ist schmerzhaft, aber keineswegs lebensbedrohlich. Reorient fasst die wahrscheinlichen Verluste der chinesischen Banken in der folgenden Graphik zusammen.

 

Dec-15 Balance
(RMB trn)
Default
Rate
Recovery Loss
(RMB trn)
Mortgage 10.4 5.0% 90% 0.1
Personal 16.6 5.0% 70% 0.2
Corporate 68.8 8.0% 50% 2.8
Trust 16.3 15.0% 25% 1.8
Total 112.1     4.9
NPL ratio 4.4%

 

Die Bankkreditvergabe hat in China stark zugenommen, aber nicht annähernd so schnell wie in den Vereinigten Staaten in den Blasen-Jahren oder beispielsweise auch in Spanien.

Privatkredite durch das amerikanische Bankensysten wuchsen von 120 % des Bruttoinlandsprodukts im Jahre 1995 auf 200 % im Jahre 2008. Die entsprechenden chinesischen Kredite erreichten 2013 nur 120 %. China hat immer noch zu wenig Banken; seine Haushalte verfügen über enorme Ersparnisse und enorme Reichtümer in Form von Wohneigentum wie auch eine enorme Kapazität Geld zu leihen. Internet-Finance wird sich wahrscheinlich in China schneller als irgendwo anders in der Welt entwickeln, da die junge chinesische Generation sich nicht damit aufhält, Bankfilialen zu besuchen, sondern ihre privaten Finanzgeschäfte gleich per Smartphone erledigt. Die Ansammlung großer Datenmassen ermöglicht es, Konsumentenkredite sofort mit großer Genauigkeit zu berechnen, und so elektronischen Handel und elektronisches Banking in eine weit effektivere Konsumwirtschaft zu integrieren.

Konsumausgaben machen nur 35 % des chinesischen Bruttoinlandsprodukts aus, verglichen mit 75 % in den Vereinigten Staaten. Zwar ist dieser Unterschied teilweise darauf zurückzuführen, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt anders berechnet wird, aber gleichwohl ist klar, dass China noch enormes Potential für konsumgetriebenes Wachstum hat.

Einige der Horrorgeschichten über China verweisen auf die Statistik: Die Gesamtverschuldung in China ist 2,4 Mal so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt. Das ist ein hoher Wert, aber er wird ausgeglichen durch ein weit höheres Volumen an Ersparnissen. Sicher, in einigen Bereichen wächst die Verschuldung zu schnell. Einige der alten Betriebe in Staatsbesitz bleiben Geldvernichtungsanlagen, und es wird Zeit brauchen, sie abzubauen und auszusondern. Aber das ist ein Managementproblem, keine Schuldenkrise.

Chinas Zentralregierung wie auch die Provinzialregierungen haben die gesundesten Bilanzen unter den großen Weltökonomien. Die öffentliche Staatsverschuldung beträgt nur ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts verglichen mit 100 % in den USA. Das gibt der chinesischen Regierung enormen Spielraum, ihren eigenen Kredit zu nutzen, um andere Schulden zu reorganisieren, bevor sie zu einem Problem werden.

Blau = Staatsschulden der USA prozentual zum Bruttoinlandsprodukt:

Rot: Chinesische Staatsschulden prozentual zum Bruttoinlandsprodukt:

usvschinadebtgdp

Das gibt China viel Flexibilität und die Regierung nutzt sie, um mögliche Finanzprobleme bereits im Vorfeld zu bereinigen. Eine andere Sorge sind die lokalen Staatsfinanzen. Der chinesische Infrastrukturboom ist eines der Wunder unserer Zeit. Fliegen Sie irgendeine chinesische Großstadt an, und Sie sehen einen brandneuen Flughafen, neue Autobahnen, neue Hochgeschwindigkeitszüge. Dagegen wirken amerikanische Städte nachgerade wie in der Dritten Welt. Die lokalen Verwaltungen haben Entwicklungs-Gesellschaften gegründet, abgesichert durch Immobilien und Projekteinnahmen (genannt „Finanzinstrumente der Lokalverwaltung“  = local governement financing vehicles), die mittlerweile 20 Billionen Renminbi Schulden angehäuft haben. Die Immobilien hinter den „Finanzinstrumenten“ haben an Wert gewonnen, aber in einigen Städten mögen Probleme auftauchen. Zudem zahlen die Lokalverwaltungen viel höhere Zinsen als die Zentralregierung. So wird die Regierung die gesamten 20 Billionen der Lokalverwaltungen gegen Wertpapiere eintauschen, die gegen geringere Zinsraten von den chinesischen Provinzen ausgegeben werden. Das wird die öffentliche Verschuldung auf etwa 45 % des Bruttoinlandsprodukts erhöhen, aber das ist immer noch kaum die Hälfte des amerikanischen Niveaus.

Auch wenn der Himmel den Chinesen nicht auf den Kopf fällt, die Aktienkurse sind gefallen. Teilweise ist das das Resultat des generellen Runs auf Aktien der Schwellenländer, eine Reaktion auf die übelberatene Entscheidung der Federal Reserve, die kurzfristigen Zinssätze zu erhöhen.

Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund für China, im Gleichschritt mit (beispielsweise) Brasilien zu marschieren, ein Rohstoffexporteur mit wenig verarbeitender Industrie. China gewinnt und Brasilien verliert, wenn die Rohstoffpreise fallen. Die nahezu perfekte Korrelation zwischen dem Index der Märkte der Schellenländer (Broad Emerging Markets Index) und dem chinesischen MSCI-Indes (internationally tradeable Chinese stocks = international handelbare chinesische Aktien) hat ihre Ursache in der breiten Liquidation von ausfallgefährdeten Positionen als Antwort auf die Aktion der Federal Reserve.

Sicher, China hat eine Reihe von Dummheiten begangen, die seine Probleme verschärfen. Indem es den Renminbi an den steigenden Dollar band, erlaubte China, seinem eigenen Wechselkurs zu steigen. Das Band mit dem Dollar zwang China, die Realzinsen auf dem höchsten Stand aller großen Weltökonomien zu halten.

Effektiver realer Wechselkurs des Renminbi:

Source: BIS

China hat Maßnahmen ergriffen, das Problem zu korrigieren (indem es den Renminbi statt an den Dollar an einen nach Handelsvolumen gewichteten Korb verschiedener Währungen bindet), aber es hat zu spät gehandelt, um den Eindruck zu vermeiden, dass es von den Ereignissen getrieben wurde, statt diese zu lenken. Regulative Fehler (etwa das Versäumnis, die Banken davon abzuhalten, die Begrenzung der Hebelung von Papieren zu umgehen) haben das Problem verschärft. Die Faktoren, welche die chinesischen Aktienkurse beeinflussen, verlangen eine detailliertere Erklärung bei einer anderen Gelegenheit.

Die gute Nachricht für Investoren in Aktien ist, dass die Kombination von Panik an den Märkten und offizieller Tatenlosigkeit zusammengewirkt haben, um die chinesischen Aktienkurse auf einen Stand zu drücken, der sie extrem attraktiv macht.

[1] EBITDA ist die Abkürzung für englisch: „earnings before interest, taxes, depreciation and amortization“. Das bedeutet „Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände“. Es ist somit eine Beschreibung der operativen Leistungsfähigkeit vor Investitionsaufwand (operativer Gewinn).

Spengler auf Deutsch 25: Die aktuelle Lage in Syrien – hoffnungslos, aber nicht ernst

Das Original erschien am 16. Februar 2016 unter dem Titel „Today’s Middle East – hopeless but not Syrious” in Asia Times.

Willkommen im immerwährenden Krieg – so interpretierte der russische Premierminister Dimitri Medvedev die aktuelle Lage im Nahen Osten. Das ist nicht so schlimm, wie es sich anhört, vorausgesetzt natürlich, Sie sind nicht in ihn verwickelt. Das Großfeuer, entstanden aus Stammesrivalitäten und nationaler Desillusionierung, wird sich allmählich ausbrennen müssen. Das Risiko liegt in der möglichen Ausbreitung auf andere Regionen.

Zunächst ein kurzer Überblick, was in Syrien nicht passieren wird:

  • Weder die Türkei, noch Saudi-Arabien werden Bodentruppen nach Nordsyrien senden und die von den USA unterstützten kurdischen Milizen bekämpfen. Der türkische Verteidigungsminister Ismet Yilmaz erklärte am Samstag, dass sein Land “keine Absichten” habe, seine Armee nach Syrien zu entsenden, während der saudische Außenminister Adel al-Jubeir sagte, der Einsatz saudischer Kräfte hänge von den Vereinigten Staaten ab.
  • Die Türkei wird keine Kampfflugzeuge nach Syrien schicken, um von der russischen Luftabwehr abgeschossen zu werden. Die Türkei würde ihre Flugzeuge nur dann opfern, wenn sie hoffen könnte, die Vereinigten Staaten in eine Konfrontation mit Russland zu locken, und die Vereinigten Staaten haben Ankara offensichtlich mitgeteilt, dass es auf sich allein gestellt ist. Saudi-Arabien mag einige Flugzeuge in der Türkei stationieren, wird sie aber nicht einsetzen. Die Vereinigten Staaten wollen nicht herausfinden, wie gut Russlands S-400 Luftabwehrsystem wirklich ist. Analysten des Pentagon glauben, dass es wirklich sehr gut ist.
  • Die russisch-iranische Belagerung von Aleppo wird die Flut syrischer Flüchtlinge nur wenig erhöhen. Etwa 40.000 Menschen sind aus Aleppo und den benachbarten Städten geflohen. Aber die syrischen Flüchtlingszahlen haben schon Ende 2013 5 Millionen erreicht.
  • Russland und die Vereinigten Staaten werden nicht wegen eines seit langem unrettbaren levantinischen Wüstenstreifens in eine strategische Konfrontation stolpern.

Sicher, die Türkei, Saudi-Arabien und der Iran haben existentielle Interessen in dem syrischen Konflikt, aber die großen Mächte, von denen sie abhängen, haben solche nicht. Wir sind nicht im Jahre 1914, als Österreich-Ungarn glaubte, dass es Serbien demütigen müsse, um das russische Vordringen im Balkan einzudämmen, und Deutschland glaubte, es müsse zu seinem österreichischen Alliierten halten oder werde durch England, Frankreich und Russland isoliert werden. Syriens muslimische Nachbarn sind alle auf der einen oder anderen Stufe des Niedergangs, und das ist die Quelle ihrer Verbitterung. Und das ist der Grund, warum ihre Sponsoren in Washington und Moskau nicht in ihre Streitigkeiten hineingezogen werden wollen.

Der Iran, die Türkei und Saudi-Arabien werden in ihrer jetzigen Form keine weitere Generation weiterexistieren. Der Iran und die Türkei sind einem demographischen Niedergang ausgesetzt, der in etwa 20 Jahren mit voller Stärke zuschlagen wird. Je nachdem, wie der Ölpreis sich entwickelt, werden dem Iran zuerst das Geld oder die jungen Menschen oder das Wasser ausgehen – aber alle drei werden ihm in absehbarer Zeit ausgehen. Die kurdische Minorität in der Türkei hat zwei Mal so viel Kinder wie die ethnischen Türken, so dass sie unter den Türken im militärdienstpflichtigen Alter binnen einer Generation die Mehrheit stellen werden. Saudi-Arabien wird beim gegenwärtigen Ölpreis binnen fünf Jahren das Geld ausgehen und sein aufgeblähtes Wohlfahrtssystem (wie ich schon früher dargelegt habe) wird kollabieren.

Die folgende Graphik zeigt, dass die kurdischen Regionen der Türkei (besonders der Südosten) eine Fruchtbarkeitsrate von 2,8 bis 3,4 Geburten pro Frau haben, während die westlichen Provinzen, in denen ethnische Türken dominieren, eine Fruchtbarkeitsrate von nur 1,6 bis 1,8 haben.

Türkische Fruchtbarkeitsrate nach Provinzen, 2013:

Kurdish Regions of Turkey Have Twice the Fertility of Ethnic Turkish Regions

Solange der Todeskampf im Nahen Osten verbleibt, sind die strategischen Risiken für den Rest der Welt gering. Er ist abstoßend, aber nicht gefährlich. Das Risiko besteht darin, dass der Konflikt auf den Rest der Welt überschwappen könnte. Er gibt zwei Möglichkeiten, wie das passieren könnte: durch Aktionen von Terroristen am Boden und durch Langstreckenraketen, die mit Massenvernichtungssprengköpfen ausgerüstet sind.

Die Obamaregierung (und zu einem gewissen Grade auch schon die Bushregierung) haben das Risiko des Überschwappens in beiden Formen erhöht. Eine Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, die parallel zu dem P5+1-Nuklearabkommen mit dem Iran verabschiedet wurde, verbietet dem Iran den Bau von Raketen, „die geeignet sind, Nuklearwaffen zu tragen“. Im Oktober (2015) hat der Iran eine nukleartaugliche Langstreckenrakete getestet, und die Obamaregierung verlangte keine Sanktion. Offensichtlich machen sich Präsident Obama und Außenminister Kerry mehr Sorgen um ihr Bild in den Geschichtsbüchern als um die Sicherheit der Welt. Das iranische Arsenal an Langstreckenraketen stellt eine existentielle Bedrohung sowohl für Israel als auch für Saudi-Arabien dar und wirft Fragen für Pakistan auf, bisher die einzige muslimische Nuklearmacht und ein Alliierter von Saudi-Arabien.

Washington hat auch die Ausbreitung des Dschihadismus begünstigt, indem es „moderate Islamisten“ begünstigt hat, die nicht moderat waren. Das ist nicht nur Obamas Fehler. Ein breiter Konsens in der demokratischen wie der republikanischen Partei, der von Reuel Marc Gerecht beim Weekly Standard bis zu Amr Hamzawi beim Carnegie Endowment reicht, glaubt, dass „moderate Islamisten“ der Schlüssel sind, um die muslimische Welt zu reformieren. Aber die „Moderaten“ stellen sich oft als „Radikale“ heraus oder verwandeln sich in „Radikale“. Das zeigte sich schon 2007-2008 bei dem „Surge“ im Irak, wie Angelo Codevilla in einem Essay für Asia Times vom 23. Dezember 2015 gezeigt hat, und wie Generalmajor (a. D.) Daniel Bolger in seinem 2014 erschienenen Buch Why We Lost (Warum wir verloren haben) dokumentiert hat. General David Petraeus, damals amerikanischer Oberkommandierender im Irak, zahlte Hunderte von Millionen Dollars an den “Sunni Awakening” (sunnitisches Erwachen) und die “Sons of Iraq” (Söhne des Irak); viele von deren Kämpfern bildeten später die Kerntruppe von ISIS.

Es ist auch wahr, dass Amerika die sunnitischen Rebellen in Syrien offen und verdeckt unterstützt. Wir werden vielleicht nie die ganze Geschichte über den Angriff vom 11. September 2012 auf das amerikanische Konsulat in Benghazi hören, weil es die Transporte von leichten Waffen aus libyschen Depots an syrische Rebellen ans Licht bringen und unzähligen Karrieren und Reputationen ruinieren würde. Berichten zufolge hat Petraeus sich für amerikanische Unterstützung für die syrische “al-Nusra Front”, den lokalen Ableger von Al-Kaida, ausgesprochen. Sie solle als Gegengewicht zu ISIS in Syria dienen. Das klingt verrückt, ober vielmehr, es würde verrückt klingen, wenn es anderswo als in Washington vorgeschlagen werden würde. Wenn es zu Beginn der „Arabischen Frühlings“-Rebellion 2011 tatsächlich Moderate in Syrien gegeben haben sollte, so sind sie seit langem tot oder geflohen.

Amerikas Unterstützung für Islamisten hat Verschwörungstheorien in russischen und chinesischen Medien hervorgerufen, die Vereinigten Staaten hätten ISIS geschaffen, um ihre Rivalen zu destabilisieren. Das ist nicht der Fall. Die Amerikaner sind demokratieverrückt. Der durchschnittliche Republikaner wie der durchschnittliche Demokrat glaubt gleichermaßen, dass die bloße Form der Demokratie als solche nahezu alle Übel einer Gesellschaft beseitigen wird. Noch so überzeugende Fakten, die das Gegenteil beweisen, schaffen es nicht, den Demokratiekult zu erschüttern. Der stabilste arabische Staat ist Ägypten, wo das Militär (unter großem öffentlichem Beifall) die gewählte islamistische Regierung von Mohamed Morsi gestürzt hat. Aber der durchschnittliche Republikaner glaubt immer noch, eine islamistische Demokratie hätte in Ägypten erreicht werden können, wenn nur die Vereinigten Staaten „nachdem Morsi zuerst gewählt worden war, ihren beträchtlichen Einfluss in Ägypten gegen das ägyptische Militär und die Sicherheitsdienste eingesetzt hätten, welche eine offene Bedrohung für die demokratische Zukunft waren, und auch gegen Morsi und die (Muslimbruderschaft), deren autoritäre Tendenzen ebenfalls sichtbar waren“. So argumentiert Gerecht im “Weekly Standard”.

Dieser Glaube in Washingtons Fähigkeit, die nationale Tragödie anderer Länder managen zu können, ist ebenso rührend wie tödlich. Der Islamismus bildet eine existentielle Bedrohung für Russland und eine ernste Bedrohung für China. Wie ich schon früher berichtet habe, beklagt sich China, dass Mitglieder der saudischen Königsfamilie muslimische Radikale in China finanzieren. Einer von sieben Russen ist Muslim, und Tausende von russischen Dschihadisten kämpfen mit den sunnitischen Rebellen in Syrien. Ebenso kämpfen bis zu zweitausend chinesische Muslime, meist Uighuren aus Westchina, in Syrien. Russland hat mehrere Gründe, in Syrien zu intervenieren, darunter seine Marinebasis in Tartus, aber die innere Sicherheit ist bei weitem der dringendste. Nahezu alle russischen und chinesischen Muslime sind Sunniten, was den schiitischen Iran zu einem natürlichen Verbündeten macht.

Russland hat Flugzeuge aus der Kalten-Kriegs-Ära und ungelenkte Bomben benutzt, um Konzentrationen sunnitischer Kämpfer zu dezimieren, einschließlich einiger Alliierter sei es von Saudi-Arabien, der Türkei, Katar und den Vereinigten Staaten. Moskau mag es genießen, amerikanische Anstrengungen, eine sunnitische Koalition am Boden zusammenzubringen, zu torpedieren, aber die Vereinigten Staaten zu demütigen ist nicht das Hauptziel der russischen Politik. Dieses besteht darin, sunnitische Islamisten zu töten. Die Russen verfolgen diese Absicht, ohne sich viel um Kollateralschäden zu kümmern. Ein großer Anteil ziviler Verluste liegt in der Natur dieser Art der Kriegführung; zum Vergleich: Die Vereinigten Staaten verursachten (im Irakkrieg) den Tod von etwa 165.000 toten irakischen Zivilisten. Ferngelenkte Munition hilft nicht viel, wenn irreguläre Kämpfer in von Zivilisten bevölkerten Orten Zuflucht suchen.

Der Kollaps der sunnitischen Rebellen infolge der russischen Bombardements ist eine demütigende Niederlage für die Türkei und Saudi-Arabien, die angedroht haben, Truppen nach Syrien zu schicken, um den Russen und den iranischen Revolutionsgarden, die jetzt allem Anschein nach die Oberhand haben, entgegenzutreten. Aber weder die Türken noch die Saudis werden so etwas tun. Saudi-Arabien ist kein Staat, sondern eine Familie mit einer Fahne, und es hat Soldaten, die willig sind, in einem fremden Land für die königliche Familie zu sterben. Das türkische Militär hat Präsident Erdogan gesagt, dass ein Eindringen nach Syrien eine Verrücktheit wäre, und dem Vernehmen nach diese Idee entschieden zurückgewiesen. Die Türkei würde gern seine NATO-Alliierten involvieren, aber diese haben kein Interesse daran, durch den kranken Mann der NATO in eine Konfrontation mit Russland gelockt zu werden.

Die am wenigsten schlechte Vorgehensweise ist eine Aufteilung Syriens in ethnische Enklaven, wo Zivilisten relativ sicher wären. Das ist die Ansicht des israelischen Verteidigungsministers Moshe Yaalon und des israelischen Geheimdienstchefs Ram Ben-Barak, wie Reuters berichtet.

“Leider müssen wir uns auf eine sehr, sehr lange Zeit chronischer Instabilität einstellen“, sagte er. „Und Teil jeder großen Strategie besteht darin, die (Fehler der) Vergangenheit zu vermeiden, zu sagen, wir wollen Syrien einigen. Man kann aus einem Ei ein Omelett machen, aber man kann aus einem Omelett kein Ei machen“. Bezüglich einiger der kriegführenden Sekten fügte Yaalon hinzu: „Wir sollten uns klarmachen, dass sich Enklaven entwickeln werden – ‚Alawistan‘, ‚syrisches Kurdistan‘, ‚syrisches Drusistan‘. Sie mögen kooperieren oder einander bekämpfen“.

Ram Ben-Barak, leitender General der israelischen Nachrichtendienste, beschrieb eine Teilung als „die einzig mögliche Lösung“. „Ich denke das Syrien letztlich in Regionen aufgelöst werden sollte, unter der Kontrolle desjenigen, der dort eben ist“, sagte er im israelischen Armeeradio. Er argumentierte, dass Assads alewitische Minorität keine Möglichkeit hätte, das Schisma mit den sunnitischen Majorität zu beseitigen. „Ich sehe nicht, wie eine Situation erreicht werden könnte, wo die 12 % Alewiten wieder über die Sunniten herrschen, von denen sie eine halbe Million umgebracht haben. Das wäre einfach verrückt“.

Es gibt naheliegende Maßnahmen, durch die die Vereinigten Staaten vermeiden könnten, dass das Desaster im Nahen Osten auf andere Länder übergreift. Die erste besteht darin, dem Iran sowohl Langstreckenraketen als auch Nuklearwaffen zu verweigern. Das ist leicht zu erreichen; die Zerstörung des iranischen Potentials an Massenvernichtungswaffen wäre in einer Ein-Nacht-Operation durchführbar, wie der frühere israelische Premierminister Ehud Barak bemerkt hat. Die zweite besteht darin, die Islamisten in der Region auszutrocknen, egal, ob „moderat“, „militant“ oder „dazwischen“. Das bedeutet, die Türkei, Saudi-Arabien und Katar zu überreden, ihre Unterstützung einzustellen, als Gegenleistung für eine kombinierte Anstrengung der Großmächte, die Sicherheit der syrischen Zivilisten innerhalb ethnischer Enklaven zu sichern.

In diesem Szenario wird Syrien für Jahre in einem ethnischen Konflikt niedriger Intensität verharren, was besser ist als ein ethnischer Konflikt hoher Intensität. Der Iran wird in angespannter wirtschaftlicher Lage weiterexistieren, ohne die Fähigkeit reale oder eingebildete Antagonisten mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen. Was das Königreich Saudi-Arabien betrifft: Seine Zerbrechlichkeit hat westliche Planer seit Jahren beunruhigt. Möge Allah einen Ausweg finden.

Spengler auf Deutsch 22: Prosperität im Iran nach dem Nuklearabkommen – eine Fata Morgana

Das Original erschien am 27. Januar 2016 unter dem Titel „Fleeting Chimera: No prosperity for Iran after nuclear deal“ in Asia Times.

Mathematisch ist der Iran beim aktuellen Ölpreis pleite. Nach dem P5+1-Nuklearabkommen wird der Iran zwischen 55 und 150 Milliarden Dollar an eingefrorenen Guthaben zurückerhalten, je nachdem, ob man dem amerikanischen Finanzminister oder seinen eigenen Augen glaubt. Dieses Himmelsgeschenk ist kaum ausreichend, um dem Iran über die nächsten zwei Jahre hinweg zu helfen.

Die Nukleardiplomatie der P5+1-Staaten ging von der Prämisse aus, dass der Iran seine strategischen Ambitionen in der Region für ökonomische Prosperität aufgeben werde. Das Problem ist, dass Prosperität keine realistische Aussicht für den Iran ist; er hat nichts zu gewinnen, wenn er seine strategischen Abenteuer aufgibt.

Der Iran exportiert heute 1,2 Millionen Barrel Erdöl pro Tag. Bei 30 Dollar pro Barrel sind das 14 Milliarden Dollar im Jahr (vielleicht etwas mehr, da einige leichte Ölsorten des Iran höhere Preise erzielen). Der Iran verkauft auch (nach den Zahlen von 2014) ca. 9,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas, was nach den heutigen Marktpreisen jährlich weitere 4 Milliarden Dollar einbringt.

Westlichen Schätzungen zufolge gab die iranische Regierung 2014 63 Milliarden Dollar aus. Für 2015 sind keine Daten verfügbar, und die iranische Zentralbank veröffentlicht keine Daten, die neuer als Mitte 2013 sind. Die Einkünfte betrugen etwas über 40 Milliarden Dollar pro Jahr (nicht gerechnet die Gasexporte). Der Iran hat ein 40-Milliarden-Loch zu füllen. Freigegebene Guthaben werden die Land über einige Jahre hinweghelfen, aber nicht seine Probleme lösen. Dieses Jahr plant der Iran 89 Milliarden auszugeben, wie die Regierung am 22 Dezember (2015) verkündete.

Die iranische Regierung plant umfassende Steuererhöhungen, wahrscheinlich um die Abhängigkeit des Regierungsbudgets vom Öl zu verringern. Aber die Steuereinnahmen für das Fiskaljahr, das im März 2016 beginnt, werden nur auf 28 Milliarden Dollar geschätzt. Selbst unter der Annahme, der Iran könne für 22 Milliarden Dollar Öl verkaufen, wird die Lücke im Budget auf etwa 40 Milliarden Dollar ansteigen, auf ca. 10 % des Bruttoinlandsprodukts. In Dollar umgerechnet sank das iranische Bruttoinlandsprodukt von 577 Milliarden Dollar auf 415 Milliarden im Jahre 2014, und wird 2015 nahezu sicher weiter gesunken sein.

Keines der aktuell diskutierten Großprojekte wird an dieser Situation viel ändern. Die lang diskutierte iranisch-pakistanische Pipeline mag unter Idealbedingungen ca. 3,5 Milliarden Dollar jährlich abwerfen, von denen der Iran lediglich einen Teil erhielte.

Im Dezember sagte der Iran, er hoffe die Ölförderung um 500.000 Barrel zu erhöhen, um so 22 Milliarden Dollar im Jahr erzielen zu können, eine Steigerung um 50 % verglichen mit dem aktuellen Stand. Aber am 16. Januar sagte der iranische Ölminister Bijan Zaganeh einem ungläubigen CNN-Interviewer, man werde bis Ende 2016 die Ölförderung auf 1,6 Millionen Barrel pro Tag steigern. Die meisten Experten bezweifeln, dass der Iran so viel Öl fördern kann, und wenn er es tun sollte, könnte er es nicht verkaufen.

Es gibt viele Länder, die mehr Öl verkaufen müssen, insbesondere Russland. Die russischen Ölexporte nach China übertreffen nunmehr die Saudi-Arabiens. China hat gute Gründe, mehr von Russland zu kaufen, bedenkt man die Übereinstimmung russischer und chinesischer strategischer Ziele in Syrien und anderswo. China wünscht offensichtlich, die Beziehungen mit dem Iran zu verbessern. Der Besuch von Präsident Xi Jinping am 23. Januar (2016) bewirkte ein Abkommen, durch welches der Handel um 600 Milliarden Dollar in den nächsten zehn Jahren gesteigert werden soll. Die Frage ist nicht, ob China mit dem Iran Handel treiben will, sondern ob der Iran bezahlen kann. Wie Russland fürchtet China die Expansion des radikalen sunnitischen Islam in dieser Region, der potentiell in Chinas westliche Provinz Xinjiang überschwappen kann. Es gibt keine schiitischen Muslime in Russland oder China, und die iranische Unterstützung für schiitische Dschihadisten interessiert die beiden asiatischen Mächte kaum.

Russland wird Chinas wichtigster Lieferant für Erdöl.

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Es scheint unwahrscheinlich, dass China Öleinkaufe von Russland zum Iran verschiebt, um das Regime in Teheran zu unterstützen. China wird in iranische Ölförderung, Petrochemie und Infrastruktur investieren, aber auch nach den optimistischsten Annahmen wird das den iranischen Finanzen kaum helfen.

Solange der Ölpreis nicht scharf ansteigt, wird Irans Gewinn aus dem P5+1-Abkommen das Defizit für zwei Jahre ausgleichen, ohne viel für die dringend nötige Wartung der existierenden Öl- und Gasanlagen übrigzulassen. Das mag erklären, warum das Regime in Teheran die Wichtigkeit des Nuklearabkommens mit dem Westen heruntergespielt hat. Das Ende der Sanktionen wird wahrscheinlich die durchschnittlichen Lebensbedingungen der Iraner kaum verbessern, und die Regierung wollte keine falschen Erwartungen wecken.

Die iranische Wirtschaft ist in schlechtem Zustand. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt bei 11 %, aber nur 37 % der Bevölkerung werden als wirtschaftliche aktiv angesehen, eine extrem niedrige Rate, bedenkt man die Konzentration der iranischen Bevölkerung in den arbeitsfähigen Jahrgängen. Eine soziale Indikatoren sind alarmierend. Die Zahl der Eheschließungen ist seit 2012 um 20% gefallen. „Im Iran ist das übliche Heiratsalter für Männer von 20-34 Jahren und 15-29 für Frauen … 46 % der Männer und 48 % der Frauen in diesem Alter bleiben unverheiratet“, gemäß der nationalen Statistik-Agentur. So genannte „Scheinehen“ oder Zusammenleben ohne Hochzeit sind so verbreitet und kontrovers, dass das Regime im letzten Jahr eine Frauenzeitschrift verbot, weil sie darüber berichtet hatte.

Wirtschaftliche Probleme erklären teilweise das Absinken der Heiratsrate, aber die Korrosion traditioneller Werte ist auch ein Faktor. Iranische Forscher schätzten 2015, dass eine von acht iranischen Frauen von Chlamydien infiziert ist, eine verbreitete Geschlechtskrankheit, die häufig Unfruchtbarkeit zur Folge hat. Gemäß dem „Center for Disease Control“ (Zentrum für Gesundheitsvorsorge) ist nur eine von 170 amerikanischen Frauen von dieser Krankheit befallen. Die Kombination von fallender Hochzeitsrate und epidemisch verbreiteter Geschlechtskrankheit deutet auf eine Gesellschaft, die ihre Kohäsion verliert. Die theokratischen Führer des Iran sind zu zimperlich, nackte Standbilder in Italien anzusehen, aber sie regieren eine Gesellschaft, deren Familienwerte desintegrieren wie nirgendwo sonst in der Welt.

Für ein Regime, das versucht hat, die iranische Fruchtbarkeitsrate von knapp 1,6 Kindern pro Frau zu erhöhen, indem es künftigen Eltern Anreize bot und die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln beschränkte, ist das besonders enttäuschend. Ganz im Gegenteil scheint sich die demographische Situation weiter zu verschärfen. Die iranische Bevölkerung altert schneller als irgendeine andere in der Welt, und die Ablehnung familiären Lebens durch die junge Generation lässt katastrophale wirtschaftliche Probleme in 20 Jahren erwarten.

Vom finanziellen Standpunkt aus erlebt der Iran eine Art Roter-Königin-Effekt[1]: er braucht mehr ausländisches Geld, um seine Position zu halten, das heißt, um seine vorhandene Ölförder-Infrastruktur instandzuhalten. Das Ende der Sanktionen rettet den Iran vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch durch den Ölpreiskollaps, aber es zieht das Land nicht aus der Flaute.

[1] Begriff aus der Evolutionstheorie, benannte nach der „Roten Königin“ in Lewis Carrols Roman „Alice hinter den Spiegeln“. Die Rote Königin erklärt der neugierigen Alice: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“