Spengler auf Deutsch 79: Es wird Zeit, dass die Vereinigten Staaten der Türkei zuhören

Das Original erschien am 2. Dezember 2016 unter dem Titel “It’s time the US started listening to Turkey” in Asia Times.

Wie die Financial Times am Donnerstag berichtete, verhandelt Russland mit türkischer Hilfe direkt mit syrischen Rebellen. Die Financial Times schreibt, dass ein Vertreter der Opposition auf die Frage, warum er denke, dass Russland ein Abkommen mit den Rebellen anstrebe, gerade als Assad zu gewinnen scheine, sagte, Moskau habe “im Kern gesagt: ‘Leckt mich am Arsch, Amerikaner.‘“

Die Türkei sagt Washington tatsächlich dasselbe. Die in London beheimatete Zeitung erklärt:

Vier Mitglieder der Opposition aus dem von Rebellen gehaltenen Nordsyrien erklärten der Financial Times, dass die Türkei Gespräche in Ankara mit Moskau vermittelt hat, dessen militärische Intervention auf der Seite von Präsident Bashar al-Assad geholfen hat, eine Wende in dem seit fünf Jahren andauernden Bürgerkrieg zu Gunsten des Regimes einzuleiten. Russland unterstützt nun die Anstrengungen des Regimes, den letzten Stützpunkt der Rebellen in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo zurückzuerobern.

“Die Russen und Türken verhandeln jetzt ohne die USA. (Washington) ist aus diesen Gesprächen völlig ausgeschlossen und weiß nicht einmal was in Ankara vorgeht“, sagte ein Mitglied der Opposition, das nicht identifiziert werden wollte.

Das rückt den Lärm über General Michael Flynns Empfehlung in seinen Kontext, dass die Vereinigten Staaten dem türkischen Standpunkt mehr Beachtung schenken sollten, insbesondere in Bezug auf eine einheimische islamistische Bewegung mit terroristischen Tendenzen. Flynn, der designierte nationale Sicherheitsberater der Trump-Regierung, war früher Leiter der „Defense Intelligence Agency“ und der erste höhere Geheimdienstoffizier, der vor dem Aufkommen des ISIS warnte, in einer Zeit, in der Präsident Obama die islamistische Bewegung als „jugendliche Fußballmannschaft“ abtat.

Insbesondere zitierte der General das Erstaunen der türkischen Regierung über Amerikas Weigerung, den exilierten islamistischen Führer Fetullah Gülen auszuliefern, der einer türkischen Anklage wegen Subversion entflohen war und seit 1999 in Pennsylvania lebt. Am 15. Juli dieses Jahres versuchte eine Gruppe von türkischen Offizieren, die Gülen anscheinend loyal waren, die Regierung von Präsident Tayyip Recep Erdogan zu stürzen. Schon 2008 hatte Michael Rubin, heute ein Nahost-Experte am „American Enterprise Institute“, davor gewarnt, dass Gülen seine Millionen von Anhängern und Milliarden von Dollar an Vermögenswerten nützen werde, um einen islamistischen Staatsstreich zu lancieren. Das ist, was Gülen offensichtlich im letzten Juli getan hat, und Flynn argumentierte, das die Vereinigten Staaten den türkischen Regierungschef gegen die Verschwörer unterstützen sollten.

Dieser scheinbar unkontroverse Vorschlag löste einen Sturm im Wasserglas aus. Erstaunlicherweise zeigte sich Michael Rubin als einer der eifrigsten Unterstützer des fundamentalistischen Führers gegen die Erdogan-Regierung, zusammen mit Noah Rothman vom „Commentary Magazine“. Beide attackierten Flynn, für seine Unterstützung der Erdogan-Regierung gegen den gülenistischen Putsch. Rothman fügte hinzu, Flynn sei eine „zweifelhafte Wahl“ für einen nationalen Sicherheitsberater, weil ein türkisches Unternehmen Kunde seiner Beratungsgesellschaft war und andeutete, dass Flynns Sicht der Türken einen Interessenkonflikt heraufbeschwöre.

Das “Commentary Magazine”, früher eine konservative Stimme in der öffentlichen Diskussion, unterstützte Clintons Kandidatur gegen Donald Trump, und die Behauptung, dass Flynns Ansichten von einem einzigen Kunden beeinflusst wären, kann als normale politische Verleumdung vernachlässigt werden.

Aber es gibt eine dunkle Seite in dieser Geschichte. Gülen hat prominente amerikanische Unterstützer in der Politik wie auch in den Geheimdiensten. Einige von ihnen scheinen mit den üblichen Mitteln gewonnen worden zu sein. Gülens Anhänger haben enge Beziehungen zur Clinton-Stiftung hergestellt. Gülens Agent Recep Özkan, der frühere Leiter des türkischen Kulturzentrums in New York City, ist für 2015 aktenkundig als ein Spender der Clinton-Stiftung von 500.000 bis eine Million Dollar. Özkan war finanzieller Ko-Vorsitzender von “Ready For Hillary” (bereit für Hillary), die später “ReadyPac“ wurde, ein mit Clinton verbündetes politischen Aktionskomitee. Wie Flynn in einem am 8. November erschienenen Artikel beobachtet hat, nannte Bill Clinton in einem Video, das in der Gülen-Organisation zirkulierte, den türkischen fundamentalistischen Führer „meinen Freund“.

Interessanter ist die Gülen-Lobby in den amerikanischen Geheimdiensten. Unter früheren Geheimdienstoffizieren ist der ehemalige CIA-Sektionsleiter in Afghanistan Graham Fuller Gülens enthusiastischster Verteidiger. Fuller behauptet, dass der türkische Führer genau die Art von moderatem Islamist ist, welche die Vereinigten Staaten kultivieren sollten. Fuller war der CIA-Chef für den Nahen Osten und Südasien von 1982 bis 1986, als der CIA afghanische Islamisten gegen die sowjetischen Okkupanten von Afghanistan bewaffnete. 1986 wurde er stellvertretender Vorsitzender des CIA im „National Intelligence Council“.

Radikale Muslime zu nutzen, um Russland zu destabilisieren ist die fixe Idee von Fullers Karriere. Als die afghanischen Dschihadisten in den 1980ern russische Helikopter mit verdeckter Hilfe des CIA abschossen, war die Taktik gegen die Sowjetunion erfolgreich, obwohl sie den unwillkommenen Nebeneffekt hatte, islamische Terroristen wie Osama bin Laden zu trainieren, die später die Vereinigten Staaten angriffen. Ich bekenne: als ein Kalter Krieger der 1980iger denke ich, dass Fuller und seine Kollegen in dieser Zeit das Richtige taten.

Aber Fuller bleibt bei seiner Mission, Russland zu unterminieren. Es ist tatsächlich eine Familienaffäre geworden: Nach den Attentaten von Boston enthüllte der Investigativreporter Daniel Hopsicker, dass Fullers Tochter, Samantha Ankara Fuller, sich in den 1990ern mit Ruslan Tsarni (geborener Tsarnaev) verheiratet hatte, dem Onkel der Brüder, welche die Attacke ausführten, Dzhokhar and Tamerlan Tsarnaev.

Offensichtlich unterstützt Fuller Fetullah Gülen, weil der türkische Iman eine Gefahr für Russland ist. Erdogan ist ebenfalls ein Islamist, aber von ganz anderer Art: der türkische Präsident strebt nach der Wiederherstellung des Ruhmes (und vielleicht von einem Teil des Territoriums) des ottomanischen Reichs, während Gülen eine Missionar ist, dessen Ziel es ist, alle Muslime der Welt, insbesondere Angehörige des türkischen Volkes, in einer großen übernationalen Bewegung zu vereinen. Während Erdogan den türkischen Staat vergrößern will, hofft Gülen jede Autorität außer der des Islam unter den hundert Millionen Muslimen, die ethnische Türken sind, zu unterminieren. Es ist eine Sache die sowjetische Aggression in Afghanistan zu unterminieren und eine andere zur inneren Instabilität Russlands lange nach dem Fall der Sowjetunion beizutragen. Amerika hat Grund zu dem Wunsch, die russischen Ambitionen in einer Anzahl von Gebieten einzudämmen, aber diese Art von Spiel beschwört das Risiko einer sehr gefährlichen Konfrontation herauf.

Russland hasst und fürchtet Gülen. Seine Organisation baute Schulen in ethnisch türkischen Gebieten als Teil eines Langzeitprogramms, um eine islamistische Elite-Kaste hervorzubringen. Russland begrüßte die Schulen anfangs, aber wies die Gülenisten Ende der 1990er aus. Die früheren Sowjetstaaten Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan taten das Gleiche in den 2000ern. Der türkische stellvertretende Premierminister Numan Kurtulmus rühmte Russlands Vorgehen in einem Interview vom 14. November mit der russischen Website Sputnik. Kurtulmus sagte: “Russland ist in einer besseren Position, da es fähig war, die Gefahr dieser Organisation von Anfang an zu erkennen und ihre Aktivitäten auf russischem Territorium zu verhindern. Wir streben an, unsere Kooperation mit der russischen Seite im Kampf gegen die (Gülen-Organisation) künftig zu verbessern“.

Die Türkei denkt, dass die Vereinigten Staaten hinter dem versuchten Staatsstreich vom 15. Juli gestanden hat, wie die New York Times am 2. August berichtet hat. Warum sonst, fragen die Türken, würde die USA den wichtigsten Drahtzieher weiterhin schützen? Es ist nicht klar, was die Obama-Regierung getan hat. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass das Weiße Haus den Coup wirklich gefördert hat. Unter Susan Rice ist der Nationale Sicherheitsrat eine Art Selbstbedienungsladen geworden. Es ist wahrscheinlicher, dass die Gülenisten selbständig agierten und dass einige Stimmen in den amerikanischen Geheimdiensten nach der Tat ihre Sympathie für sie ausdrückten.

Man kann das besser mit Inkompetenz als mit Konspiration erklären. Aber der Vorschlag, Amerika solle Gülen den Rücken stärken, hat Ankara wie Moskau überzeugt, dass die USA ein gefährliches Spiel der Destabilisierung spielte (oder es zumindest erwog). Das Ausmaß an Schmähungen gegen Flynn nach seinen Enthüllungen über Gülen legt nahe, dass ein Teil der Regierung und der Geheimdienste nach dem 16 Juli mit heruntergelassenen Hosen dastand und dann den leichtgläubigen Rothman vom „Commentary Magazine“ nutze, um Flynn zu attackieren.

Das Endresultat des Fehlers der Obama-Regierung könnte der Austritt der Türkei aus der westlichen Allianz sein. Ankara droht nun, ein Vollmitglied der „Shanghai Cooperation Organization” zu werden, der russisch-chinesischen Dachorganisation, die ein Gegengewicht gegen die NATO werden könnte. Im letzten Monat äußerte China seine Sympathie für die türkische Orientierung nach Osten aus. Mittlerweile verhandelt die Türkei über den Ankauf von Russlands fortgeschrittenem S-400 Flugabwehr-System, ein Schlag ins Gesicht der NATO.

Das ist der Grund, warum die von der Türkei unterstützten direkten Verhandlungen zwischen Russland und den syrischen Rebellen solch eine bedenkliche Entwicklung ist. Sie zeigen wieviel Einfluss die USA in dieser Region eingebüßt haben. Flynn hat vorgeschlagen, den Schaden zu beheben und den amerikanischen Einfluss wiederherzustellen. Der Fakt, dass seine Vorschläge umstritten sind, zeigt wieviel Arbeit nötig ist, um die amerikanischen Geheimdienste und Amerikas Diplomatie wiederherzustellen.

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Spengler auf Deutsch 48: Abermals ist die Türkei der kranke Mann Europas

Das Original erschien am 15. Juli 2016 unter dem Titel „Turkey: The sick man of Europe – once again“ in Asia Times.

Der Ausgang des nächtlichen Putschversuchs in der Türkei bleibt unklar, aber Motive für einen Wechsel des Regimes in der Türkei haben sich unter der Oberfläche seit Jahren angestaut. Die Türkei sieht sich einem wahren Sturm wirtschaftlicher, politischer und außenpolitischer Probleme gegenüber.

Erstens: Der vielgerühmte wirtschaftliche Aufschwung der 2000er ist an sein Ende gelangt. Der Erdogan-Boom, der Vorhersagen inspirierte, die Türkei werde sich als ein neues China erweisen, ähnelt weniger dem asiatischen Model als vielmehr der lateinamerikanischen Kreditblase der 1980iger oder der amerikanischen Subprime-Blase der 2000er. Bereits am 25. April habe ich ausgeführt:

Die türkische Wirtschaft scheint den Gesetzen der Schwerkraft zu widersprechen: Mit einem jährlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 5,7 % ist sie unter den aufstrebenden Märkten diejenige, welche sich unter den angespannten weltwirtschaftlichen Bedingungen am besten hält. Aber das liegt am Wachstum des Inlandsverbrauchs. Die türkischen Exporte stagnieren, trotz einer scharfen Abwertung der Landeswährung. Und der Inlandsverbrauch ist abhängig von dem Zufluss von hochverzinslichen Konsumentenkrediten.

Angaben der türkischen Zentralbank zufolge, ist die Konsumentenverschuldung in der Türkei jetzt fast gleich mit dem Privateinkommen, während sie in den Vereinigten Staaten nur 20 % beträgt. Der durchschnittliche Zinssatz für Konsumentenkredite liegt gemäß dem Bericht der Zentralbank knapp unter 17 %.

Konsumentenkredite/Privateinkommen:

debtincomeusturkey

Das heißt, Türken wenden etwa 14 % ihres Privateinkommens für Schuldendienst auf, während von zehn Jahren diese Quote nur 5 % betrug (zum Vergleich: In Amerika macht der Schuldendienst nur 10 % des verfügbaren Einkommens aus, das zudem geringer als das Privateinkommen ist. 2007 dagegen, vor dem Krach, betrug die Rate 14 %).

Türkei: Schuldendienst für Konsumentenkredite/Privateinkommen

Der Kollaps des Ölpreises hat die Kosten für türkische Importe reduziert, die Jahr für Jahr um 8 % gefallen waren. Das hätte zu einem Rückgang der Auslandsverschuldung führen sollen. Stattdessen hat die Auslandsverschuldung – gemäß der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – während des letzten Jahres um mehr als 20 % zugenommen. Es ist schwierig, diese Daten der BIZ (die sehr genau sein dürften) über die Auslandsverschuldung in den Angaben der Türkischen Zentralbank wiederzufinden.

Türkische Banken finanzieren ihre Bilanzen auf dem globalen Kapitalmarkt, was die Ratingagentur Moody’s für riskant hält. In einem Bericht vom 9. April hat Moody’s gewarnt: “Die Abhängigkeit des türkischen Banksektors von auswärtigen Kapitalmärkten könnte zu höheren Finanzierungskosten führen, da das Vertrauen der internationalen Investoren geringer wird. Zudem sehen sich die Banken durch langsameres wirtschaftliches Wachstum herausgefordert, wie auch durch die zunehmende Dollarisierung von Verbindlichkeiten und volatile Stimmungen in Bezug auf aufstrebende Märkte. All das führt für das Banksystem zu negativen Aussichten.”

Moody’s mag sich um das falsche Problem gekümmert haben. Zu viele Länder sind an der türkischen Stabilität interessiert, um eine Bankenkrise zuzulassen. Anscheinend haben die Golfstaaten die Türkei 2013-2014 finanziert, als das Land ein enormes Leistungsbilanzdefizit hatte. Die Europäer werden vorerst damit fortfahren, die Türkei zu finanzieren. Bankbilanzen sind fragil, aber es gibt politische Gründe, die Banken liquide zu halten. Die türkischen Konsumenten haben ein anderes Problem: Der Schuldendienst verzehrt so viel von ihrem Einkommen, dass sie ihr aktuelles Konsumniveau nicht mehr lange halten können.

Die türkische Finanzblase wird schließlich platzen, trotz aller Anstrengungen der Geldgeber, das Problem zu hinauszuzögern. In der Zwischenzeit führt die Unterstützung Ankaras zu kontinuierlicher Instabilität in der Region, mehr humanitären Krisen und mehr Flüchtlingen.

Zweitens: Der innere Zusammenhalt der Türkei ist bedroht durch das rapide Anwachsen ihrer kurdisch sprechenden Minderheit und dem relativen Niedergang der ethnisch-türkischen Bevölkerung. Schon am 31 Mai habe ich ein einer Besprechung der letzten demographischen Daten der Türkei argumentiert, dass die Türkei nicht hoffen kann, ihre gegenwärtigen Grenzen noch lange zu bewahren:

Eine Übersicht über die kürzlich veröffentlichten Bevölkerungsdaten zeigt, dass die demographische Schere zwischen Kurden und Türken sich ausweitet. Trotz Erdogans Aufrufen, die türkische Fruchtbarkeit zu steigern, geht die Geburtenrate in mehrheitlich türkischen Provinzen kontinuierlich zurück, während die Kurden eine der höchsten Geburtenraten der Welt haben. Schlimmer noch: die Eheschließungsrate des Landes ist außerhalb des kurdischen Südostens kollabiert, was für die Zukunft weiter absinkende Geburtenzahlen verheißt.

Turkstat, der offiziellen Statistikagentur, zufolge, befinden sich die türkischen Provinzen mit der niedrigsten Geburtenrate sämtlich in Norden und Nordwesten des Landes, wo Frauen durchschnittlich nur 1,5 Kinder haben. Die südöstlichen Provinzen weisen dagegen Geburtenraten zwischen 3,2 und 4,2 Kindern pro Frau auf.

Türkische Provinzen mit höchster und niedrigster Geburtenrate:

Turkish Fertility, Highest and Lowest Provinces

Noch alarmierender ist die Statistik der Eheschließungen, wie sie von Turkstat mitgeteilt wird. Zwischen 2001 und 2015 ist die Zahl der Eheschließungen in Istanbul, der größten Stadt des Landes, um mehr als 30 % gefallen, und um mehr als 40 % in der Hauptstadt Ankara. Die meisten der nördlichen und nordwestlichen Provinzen berichten über einen Rückgang der Eheschließungen um mehr als die Hälfte. Nicht nur weigern sich türkische Frauen, Kinder zu bekommen, sie weigern sich auch, eine Ehe einzugehen. Der Einbruch der Eheschließungsrate unter ethnischen Türken macht einen weiteren scharfen Rückgang der Geburtenrate unvermeidlich.

Marriages by Province (% Change 2001-2015)

Wie ich 2011 in meinem Buch “Why Civilizations Die and Why Islam is Dying, Too“ (Warum Zivilisationen untergehen und Warum der Islam ebenfalls untergeht) dargelegt habe, springen muslimische Länder, die einen hohen Grad an alphabetisierten Erwachsenen aufweisen, von der Kindheit ins Greisenalter, ohne das Erwachsenenalter durchlebt zu haben. Wie ihre iranischen, algerischen und tunesischen Gegenstücke verweigern sich türkische Frauen den Einschränkungen, welche das muslimische Familienleben mit sich bringt, sobald sie eine weiterführende Bildung erlangen können. Der Schock vom plötzlichen Übergang von der traditionellen Gesellschaft in die moderne Welt hat die am schnellsten fallenden Geburtenraten in der muslimischen Welt hervorgebracht.

Der Iran, dessen Geburtenrate von 7 Kindern pro Frau im Jahre 1979 auf weniger als 1,8 heute gefallen ist, hat die am schnellsten alternde Bevölkerung aller Länder dieser Welt. Die Türkei hat eine durchschnittliche Geburtenrate von 2,18, reproduziert sich also gerade selbst, aber die Spaltung zwischen ethnischen Türken und ethnischen Kurden wird die gegenwärtige geographische Konfiguration unhaltbar machen.

Die demographische Problematik hat Erdogan in einen politischen Sumpf gezogen, aus dem er sich vielleicht nicht mehr wird befreien können. Er gewann die Präsidentschaftswahl des letzten Jahres, indem er das Nationalgefühl gegen die kurdische Minderheit anheizte, seither führt er einen Bürgerkrieg auf niedrigem Niveau gegen die Kurden im Südosten des Landes. Der Vorsitzende der kurdischen demokratischen Volkspartei warnte bereits im letzten März, dass Erdogan die Türkei an die Schwelle eines völkischen Krieges geführt habe.

Um die syrischen Kurden daran zu hindern, die nördliche Grenze ihres Landes zu kontrollieren und sich mit ihren irakischen Landsleuten zu vereinen, hat Erdogan verdeckt sunnitische Terroristen, einschließlich ISIS, unterstützt, wie Michael Rubin letzten März in Newsweek dargelegt hat. Erdogans heimliche Allianz mit ISIS explodierte der Türkei förmlich ins Gesicht, als Selbstmordattentäter des ISIS am 29. Juni am Flughafen von Istanbul 42 Personen töteten und Hunderte verletzten.

Seit dem Kollaps des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung eines modernen Staates hat sich die türkische Armee als Garant des säkularen Charakters des Staates gesehen. Der Islamist Erdogan hat versucht, das zu ändern, indem er 2012 Hunderte von Offizieren unter dem Vorwand, sie hätten sich verschworen, einsperrte. Die meisten wurden 2014 entlassen. Erdogan verfehlte Außenpolitik machte ihn abhängig von der türkischen Armee, die ihren Einfluß in diesem Jahr unterstrich. Erdogan nennt sich selbst stolz einen „schwarzen Türken“, das heißt einen frommen Muslim aus dem anatolischen Hinterland, im Gegensatz zu den „weißen Türken“, der europäisierten und säkularen Partei, die unter Kemal Atatürk an die Macht kam und das Land bis in die 2000er regierte.

Die politische Krise der Türkei hat ihre Wurzel in wirtschaftlicher Schwäche, demographischem Ungleichgewicht sowie konfessionellen, sozialen und ethnischen Brüchen. Was auch immer bei diesem Staatsstreich herauskommen mag, es wird sehr viel mehr Wandel brauchen, um den kranken Mann Europas zu kurieren.

Spengler auf Deutsch 46: Güte ist grausam und Grausamkeit ist Güte

Das Original erschien am 14. April 2016 unter dem Titel „To be kind is to be cruel, to be cruel is to be kind” in Asia Times.

Unmittelbar nach dem Angriff auf das World-Trade-Center im September 2001 habe ich gewarnt, dass der radikale Islam den Westen durch Schrecken unterwerfen werde. In Europa ist er seinem Ziel einen riesigen Schritt nähergekommen. Das Erschrecken Europas vor der Aussicht auf menschliches Leiden hat Europa die Kraft geraubt. Je mehr aber die Europäer ihrem humanitären Drang nachgeben, desto mehr werden Muslime leiden. Gut zu sein, heißt grausam sein.

Die Daily Mail hat kürzlich über einen Vorfall an der italienischen Küste berichtet:

Das 240 Fuß lange Boot “Monica” war während der Nacht in internationalen Gewässern gesichtet worden.

Als Boote der italienischen Küstenwache längsseits gingen, waren die Besatzungen schockiert, zu sehen, dass Männer und Frauen an Bord begannen, ihre Babys über dem Wasser hängen zu lassen.

Die Flüchtlinge – meist Kurden, die größtenteils nach England wollten – beruhigten sich erst, als man ihnen versicherte, sie würden nicht aus Italien abgeschoben.

Was sind das für Leute, die drohen, ihre eigenen Babys zu ermorden? Die normale Reaktion wäre, sie zu verhaften und wegen Gefährdung der Kinder ins Gefängnis zu stecken. Stattdessen berichtet die britische Zeitung: „Der Erzbischof von Catania, Luigi Bommarito, war an der Anlegestelle, um die Monica mit – wie er es nannte – ‚einer Geste der Solidarität‘ zu begrüßen‘. Er sagte: ‚Ich bin hier, um an die Menschen zu appellieren, ihre Herzen und Türen nicht vor Menschen zu verschließen, die zu überleben versuchen. Wir dürfen nicht vergessen, dass im letzten Jahrhundert auch viele Emigranten Italien verlassen haben‘“.

Der Monica-Vorfall vervielfältigt sich zehntausendfach auf diplomatischer Ebene. Der türkische Präsident und De-facto-Diktator Recep Tayyip Erdogan drohte im letzten Oktober europäischen Diplomaten mit 10.000 bis 15.000 ertrunkenen Migranten, wie Protokolle zeigen, die einer griechischen Nachrichten-Seite zugespielt wurden und über die in europäischen Mainstreammedien umfassend berichtet wurde – ohne das ein offizielles Dementi erfolgte. Erdogan verlangte sechs Milliarden Euros sofort und drei Milliarden pro Jahr, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, berichten europäische Diplomaten. „Wir können die Tore nach Griechenland und Bulgarien jederzeit öffnen und wir können die Flüchtlinge in Busse setzten. Was wollen Sie mit den Flüchtlingen machen, wenn wir keine Einigung erzielen. Die Flüchtlinge erschießen? Die EU wird mit mehr als einem toten Jungen an der türkischen Küste konfrontiert werden. Da werden 10.000 oder 15.000 sein. Wie wollen Sie damit umgehen?“

Der Führer eines wichtigen muslimischen Landes, der beansprucht für die muslimische Welt zu sprechen, bedroht die Europäer mit 10.000 oder 15.000 muslimischen Toten. Wann in der Weltgeschichte hat in Verhandlungen die eine Seite gedroht, die eigenen Leute zu töten, um einen Vorteil zu erlangen?

Einige Europäer argwöhnen, dass die Türkei bewusst die massenhafte Migration ermutigt hat, welche im Sommer 2015 nach Europa aufbrach, indem sie kriminellen Banden freie Durchreise durch ihr Territorium und über ihre Grenzen gestattete. Das ist schwer zu beweisen, aber es ist kaum zu verstehen, wie Zehntausende von Afghanen, Irakern und Pakistanis durch die Türkei nach Europa hätten reisen können, ohne ein gewisses Maß an türkischer Zusammenarbeit. Künftige Untersuchungen werden diese Frage zu klären haben, was aber aus den genannten Protokollen klar hervorgeht, ist, dass die Türkei die Flüchtlingskrise benutzt, um den Schrecken in eine Waffe zu verwandeln.

Die gleiche grausige Farce wird seit Jahren in Gaza aufgeführt, wo die Hamas Raketen auf israelische Bevölkerungszentren abfeuert, und zwar von zivilen Standorten aus, einschließlich Schulen und Hospitälern, und sich dann über Menschenrechtsverletzungen beklagt, wenn Israel reagiert und gelegentlich Zivilisten tötet. Wie Oberst Richard Kemp, der frühere Befehlshaber der britischen Truppen in Afghanistan und ein Experte für dir Kriegsführung an der israelischen Grenze, beobachtet hat, sind die Zivilisten im Gazastreifen keine menschlichen Schutzschilde, denn ihr Zweck ist nicht, irgendetwas zu schützen, sondern Menschenopfer, die sterben sollen.

Das ist das erste Mal in der Geschichte der Kriegsführung, dass die eine Partei absichtlich anstrebt, ihre eigenen zivilen Verluste zu maximieren, um einen diplomatischen Vorteil zu erlangen. Die Hamas hat den Westen gut verstanden: die reflexartige Antwort des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, der Europäischen Kommission, des Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und des Rests er aufgeklärten Weltmeinung besteht darin, sich in Schrecken von Hunderten von zivilen Todesfällen abzuwenden, und Israel der exzessiven Gewaltanwendung zu beschuldigen. Die Hamas weiß, was aus dem Mund von Bank Ki-Moon oder Senator Sanders kommen wird, ebenso sicher, wie ich weiß, dass ein Kaugummi aus dem Automat kommen wird, wenn ich einen Vierteldollar einwerfe.

In einem Essay von 15. Oktober 2015 hat der Analyst der “Times of Israel” Haviv Rettig Gur bemerkt, dass die palästinensische Strategie darauf abzielt, Israel auszumanövrieren, indem sie die Weltmeinung gegen die Kollateralschäden aufbrachten, die sie selbst herbeigeführt hatten, um so eine Reaktion hervorzurufen. Er zitiert den palästinensischen Journalisten Mohammed Daraghmeh:

Palästina ist ein internationales Problem. [Dieses Problem] wird nicht gelöst werden durch Messerangriffe oder Akte der Selbstaufopferung [Selbstmordattentate] oder durch Proteste oder Demonstrationen. Es wird nur gelöst werden, wenn die Welt versteht, dass sie die Pflicht hat, zu intervenieren und Grenzen und Linien zu ziehen, so wie sie es in Bosnien-Herzegowina, in Kosowo … tat. Sie mögen fragen: Wie lange? Und ich sage: Der Tag wird kommen. … Sie mögen fragen: Wird der friedliche Kampf ein Ende der Besatzung bringen? Und ich sage: Hat der militärische und bewaffnete Kampf ein Ende gebracht? … Nur die Welt kann eine Lösung herbeiführen.

Der Westen hat Israel lediglich deshalb keine Lösung aufgezwungen, weil Amerikaner auf als Waffe gebrauchten Schrecken anders reagieren als die UN-Bürokratie, der Vatikan oder die Regierung von Schweden. Rund die Hälfte der Amerikaner befürwortet ein Verbot jeglicher muslimischer Immigration in die Vereinigten Staaten. Anderswo in der angelsächsischen Welt mag die Flut muslimischer Migranten den Ausschlag in dem bevorstehenden Juni-Referendum über die britische Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Perverserweise waren es die Vereinigten Staaten, die ein Monster schufen, als die Clinton-Regierung 1998 in den Krieg mit Serbien zog, um die UCK (Befreiungsarmee des Kosovo) – eine fragwürdige Bande albanischer Ganoven, die sich mit Drogen- und Menschenhandel beschäftigte – vor der scharfen Reaktion der Serben auf ihre Provokationen zu bewahren. Muslime wie Mohammed Daraghmeh lernten, dass zumindest ein Teil des Westens ihre Partei ergreifen werde, um humanitäre Katastrophen zu verhindern, selbst dann, wenn die Muslime selbst diese Katastrophen herbeigeführt hätten. Der Papst, der UN-Generalsekretär und Senator Sanders ermutigen die Herbeiführung solcher Katastrophen, indem sie wunschgemäß reagieren.

Schon im Oktober 2001 habe ich argumentiert, dass die massenhafte Opferung mulimischen Lebens der Kern des Schlachtplans des radikalen Islam ist.

Al-Kaida will keine Territorien, keine Konversionen, keine Beute, keine Sklaven. Sie will den Westen zerstören und wird gern Millionen von Muslimen opfern, um das zu erreichen. Tatsächlich dürfte die massenhafte Opferung muslimischen Lebens der Kern ihres Schlachtplans sein. Sie hat mehr gemein mit Dostojewskis „Idiot“ oder Wagners „Götterdämmerung“ als mit den muslimischen Eroberern des Mittelalters.

Das Böse um seiner selbst willen wird nur vorstellbar wenn die christliche Zivilisation des Westens sich vom Christentum abkehrt und in den Abgrund ihrer eigenen Zerstörung starrt. … Die Achillesverse des westlichen Geistes ist der Schrecken. Die Nazis haben das verstanden und verfolgten eine Politik „des Schreckens“ (auch im Original deutsch) und „Entsetzens“ (auch im Original deutsch). Der Schrecken war nicht bloß ein Instrument der Kriegführung im traditionellen Sinne, sondern eine Form wagnerianischen Theaters oder psychologischer Kriegsführung großen Ausmaßes. Hitlers taktischer Vorteil lag in seiner Fähigkeit schrecklicher zu sein, als seine Gegner es sich vorstellen konnten.

Je mehr der Westen seinen humanitären Gefühlen nachgibt – das heißt: seiner Überempfindlichkeit im Angesicht der absolut Bösen – desto mehr werden muslimische Zivilisten leiden müssen, da muslimische Führer von Rakka bis Ankara gelernt haben, Schrecken als Waffe zu gebrauchen. Die Strategie, humanitäre Katastrophen auszulösen, um den Westen zu erpressen, war vielfach erfolgreich. Was wäre nötig, um Leute wie Präsident Erdogan zu überzeugen, dass der Westen Erpressungen nicht nachgeben wird? Die traurige Antwort: Der Westen müsste dem sich ausbreitenden Schrecken an seinen Grenzen mit Indifferenz begegnen. Der Pakistaner, der sich zu Beginn dieses Monats in einem Flüchtlingslager in Lesbos aufzuhängen drohte, wird nicht zu einem elenden Dasein in Pakistan zurückkehren, solange wie ein europäisches Flüchtlingslager nicht noch schlimmer ist. Gütig zu sein, ist grausam sein: es ermutigt schreckliche Ereignisse, herbeigeführt, um das Gewissen des Westens zu manipulieren. Paradoxerweise: grausam sein, ist gütig sein.

Die deutsche Haltung den Flüchtlingen gegenüber ist verständlich, in Anbetracht des anhaltenden Traumas des Zweiten Weltkriegs, wie ich kürzlich hier schrieb. Nichtsdestoweniger sollte Deutschland die meisten seiner Einwanderer zusammentreiben und in ihre eigenen Länder zurückschicken. Das wäre ein schwieriges und schmutziges Geschäft. Die Deutschen wenden ein, dass sie keine Aufseher in Konzentrationslagern sein wollen. Aber das ist keine Entschuldigung; sie könnten Ukrainer anheuern, so wie letztes Mal.

Eine andere perverse Entwicklung ist das Wiedererscheinen von Russland als einer Nah-Ost-Macht. Präsident Wladimir Putin ist kein neuer Stalin, sondern eher der letzte europäische Führer in der nationalistischen Art des 19. Jahrhunderts. Sein relativer Erfolg in Syrien rührt teilweise von seiner Indifferenz gegenüber Kollateralschäden her und seiner Bereitschaft, Russlands Arsenal an kalten Kriegs-Waffen, insbesondere ungelenkte Bomben, zu nutzen. Es wäre eine Tragödie für den Westen, wenn die Initiative in Krisenbewältigung an Russland (und vielleicht China) übergehen würde, einfach deshalb, weil diese Mächte die Skrupel nicht haben, welche den Westen zurückhalten.