Spengler auf Deutsch 79: Es wird Zeit, dass die Vereinigten Staaten der Türkei zuhören

Das Original erschien am 2. Dezember 2016 unter dem Titel “It’s time the US started listening to Turkey” in Asia Times.

Wie die Financial Times am Donnerstag berichtete, verhandelt Russland mit türkischer Hilfe direkt mit syrischen Rebellen. Die Financial Times schreibt, dass ein Vertreter der Opposition auf die Frage, warum er denke, dass Russland ein Abkommen mit den Rebellen anstrebe, gerade als Assad zu gewinnen scheine, sagte, Moskau habe “im Kern gesagt: ‘Leckt mich am Arsch, Amerikaner.‘“

Die Türkei sagt Washington tatsächlich dasselbe. Die in London beheimatete Zeitung erklärt:

Vier Mitglieder der Opposition aus dem von Rebellen gehaltenen Nordsyrien erklärten der Financial Times, dass die Türkei Gespräche in Ankara mit Moskau vermittelt hat, dessen militärische Intervention auf der Seite von Präsident Bashar al-Assad geholfen hat, eine Wende in dem seit fünf Jahren andauernden Bürgerkrieg zu Gunsten des Regimes einzuleiten. Russland unterstützt nun die Anstrengungen des Regimes, den letzten Stützpunkt der Rebellen in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo zurückzuerobern.

“Die Russen und Türken verhandeln jetzt ohne die USA. (Washington) ist aus diesen Gesprächen völlig ausgeschlossen und weiß nicht einmal was in Ankara vorgeht“, sagte ein Mitglied der Opposition, das nicht identifiziert werden wollte.

Das rückt den Lärm über General Michael Flynns Empfehlung in seinen Kontext, dass die Vereinigten Staaten dem türkischen Standpunkt mehr Beachtung schenken sollten, insbesondere in Bezug auf eine einheimische islamistische Bewegung mit terroristischen Tendenzen. Flynn, der designierte nationale Sicherheitsberater der Trump-Regierung, war früher Leiter der „Defense Intelligence Agency“ und der erste höhere Geheimdienstoffizier, der vor dem Aufkommen des ISIS warnte, in einer Zeit, in der Präsident Obama die islamistische Bewegung als „jugendliche Fußballmannschaft“ abtat.

Insbesondere zitierte der General das Erstaunen der türkischen Regierung über Amerikas Weigerung, den exilierten islamistischen Führer Fetullah Gülen auszuliefern, der einer türkischen Anklage wegen Subversion entflohen war und seit 1999 in Pennsylvania lebt. Am 15. Juli dieses Jahres versuchte eine Gruppe von türkischen Offizieren, die Gülen anscheinend loyal waren, die Regierung von Präsident Tayyip Recep Erdogan zu stürzen. Schon 2008 hatte Michael Rubin, heute ein Nahost-Experte am „American Enterprise Institute“, davor gewarnt, dass Gülen seine Millionen von Anhängern und Milliarden von Dollar an Vermögenswerten nützen werde, um einen islamistischen Staatsstreich zu lancieren. Das ist, was Gülen offensichtlich im letzten Juli getan hat, und Flynn argumentierte, das die Vereinigten Staaten den türkischen Regierungschef gegen die Verschwörer unterstützen sollten.

Dieser scheinbar unkontroverse Vorschlag löste einen Sturm im Wasserglas aus. Erstaunlicherweise zeigte sich Michael Rubin als einer der eifrigsten Unterstützer des fundamentalistischen Führers gegen die Erdogan-Regierung, zusammen mit Noah Rothman vom „Commentary Magazine“. Beide attackierten Flynn, für seine Unterstützung der Erdogan-Regierung gegen den gülenistischen Putsch. Rothman fügte hinzu, Flynn sei eine „zweifelhafte Wahl“ für einen nationalen Sicherheitsberater, weil ein türkisches Unternehmen Kunde seiner Beratungsgesellschaft war und andeutete, dass Flynns Sicht der Türken einen Interessenkonflikt heraufbeschwöre.

Das “Commentary Magazine”, früher eine konservative Stimme in der öffentlichen Diskussion, unterstützte Clintons Kandidatur gegen Donald Trump, und die Behauptung, dass Flynns Ansichten von einem einzigen Kunden beeinflusst wären, kann als normale politische Verleumdung vernachlässigt werden.

Aber es gibt eine dunkle Seite in dieser Geschichte. Gülen hat prominente amerikanische Unterstützer in der Politik wie auch in den Geheimdiensten. Einige von ihnen scheinen mit den üblichen Mitteln gewonnen worden zu sein. Gülens Anhänger haben enge Beziehungen zur Clinton-Stiftung hergestellt. Gülens Agent Recep Özkan, der frühere Leiter des türkischen Kulturzentrums in New York City, ist für 2015 aktenkundig als ein Spender der Clinton-Stiftung von 500.000 bis eine Million Dollar. Özkan war finanzieller Ko-Vorsitzender von “Ready For Hillary” (bereit für Hillary), die später “ReadyPac“ wurde, ein mit Clinton verbündetes politischen Aktionskomitee. Wie Flynn in einem am 8. November erschienenen Artikel beobachtet hat, nannte Bill Clinton in einem Video, das in der Gülen-Organisation zirkulierte, den türkischen fundamentalistischen Führer „meinen Freund“.

Interessanter ist die Gülen-Lobby in den amerikanischen Geheimdiensten. Unter früheren Geheimdienstoffizieren ist der ehemalige CIA-Sektionsleiter in Afghanistan Graham Fuller Gülens enthusiastischster Verteidiger. Fuller behauptet, dass der türkische Führer genau die Art von moderatem Islamist ist, welche die Vereinigten Staaten kultivieren sollten. Fuller war der CIA-Chef für den Nahen Osten und Südasien von 1982 bis 1986, als der CIA afghanische Islamisten gegen die sowjetischen Okkupanten von Afghanistan bewaffnete. 1986 wurde er stellvertretender Vorsitzender des CIA im „National Intelligence Council“.

Radikale Muslime zu nutzen, um Russland zu destabilisieren ist die fixe Idee von Fullers Karriere. Als die afghanischen Dschihadisten in den 1980ern russische Helikopter mit verdeckter Hilfe des CIA abschossen, war die Taktik gegen die Sowjetunion erfolgreich, obwohl sie den unwillkommenen Nebeneffekt hatte, islamische Terroristen wie Osama bin Laden zu trainieren, die später die Vereinigten Staaten angriffen. Ich bekenne: als ein Kalter Krieger der 1980iger denke ich, dass Fuller und seine Kollegen in dieser Zeit das Richtige taten.

Aber Fuller bleibt bei seiner Mission, Russland zu unterminieren. Es ist tatsächlich eine Familienaffäre geworden: Nach den Attentaten von Boston enthüllte der Investigativreporter Daniel Hopsicker, dass Fullers Tochter, Samantha Ankara Fuller, sich in den 1990ern mit Ruslan Tsarni (geborener Tsarnaev) verheiratet hatte, dem Onkel der Brüder, welche die Attacke ausführten, Dzhokhar and Tamerlan Tsarnaev.

Offensichtlich unterstützt Fuller Fetullah Gülen, weil der türkische Iman eine Gefahr für Russland ist. Erdogan ist ebenfalls ein Islamist, aber von ganz anderer Art: der türkische Präsident strebt nach der Wiederherstellung des Ruhmes (und vielleicht von einem Teil des Territoriums) des ottomanischen Reichs, während Gülen eine Missionar ist, dessen Ziel es ist, alle Muslime der Welt, insbesondere Angehörige des türkischen Volkes, in einer großen übernationalen Bewegung zu vereinen. Während Erdogan den türkischen Staat vergrößern will, hofft Gülen jede Autorität außer der des Islam unter den hundert Millionen Muslimen, die ethnische Türken sind, zu unterminieren. Es ist eine Sache die sowjetische Aggression in Afghanistan zu unterminieren und eine andere zur inneren Instabilität Russlands lange nach dem Fall der Sowjetunion beizutragen. Amerika hat Grund zu dem Wunsch, die russischen Ambitionen in einer Anzahl von Gebieten einzudämmen, aber diese Art von Spiel beschwört das Risiko einer sehr gefährlichen Konfrontation herauf.

Russland hasst und fürchtet Gülen. Seine Organisation baute Schulen in ethnisch türkischen Gebieten als Teil eines Langzeitprogramms, um eine islamistische Elite-Kaste hervorzubringen. Russland begrüßte die Schulen anfangs, aber wies die Gülenisten Ende der 1990er aus. Die früheren Sowjetstaaten Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan taten das Gleiche in den 2000ern. Der türkische stellvertretende Premierminister Numan Kurtulmus rühmte Russlands Vorgehen in einem Interview vom 14. November mit der russischen Website Sputnik. Kurtulmus sagte: “Russland ist in einer besseren Position, da es fähig war, die Gefahr dieser Organisation von Anfang an zu erkennen und ihre Aktivitäten auf russischem Territorium zu verhindern. Wir streben an, unsere Kooperation mit der russischen Seite im Kampf gegen die (Gülen-Organisation) künftig zu verbessern“.

Die Türkei denkt, dass die Vereinigten Staaten hinter dem versuchten Staatsstreich vom 15. Juli gestanden hat, wie die New York Times am 2. August berichtet hat. Warum sonst, fragen die Türken, würde die USA den wichtigsten Drahtzieher weiterhin schützen? Es ist nicht klar, was die Obama-Regierung getan hat. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass das Weiße Haus den Coup wirklich gefördert hat. Unter Susan Rice ist der Nationale Sicherheitsrat eine Art Selbstbedienungsladen geworden. Es ist wahrscheinlicher, dass die Gülenisten selbständig agierten und dass einige Stimmen in den amerikanischen Geheimdiensten nach der Tat ihre Sympathie für sie ausdrückten.

Man kann das besser mit Inkompetenz als mit Konspiration erklären. Aber der Vorschlag, Amerika solle Gülen den Rücken stärken, hat Ankara wie Moskau überzeugt, dass die USA ein gefährliches Spiel der Destabilisierung spielte (oder es zumindest erwog). Das Ausmaß an Schmähungen gegen Flynn nach seinen Enthüllungen über Gülen legt nahe, dass ein Teil der Regierung und der Geheimdienste nach dem 16 Juli mit heruntergelassenen Hosen dastand und dann den leichtgläubigen Rothman vom „Commentary Magazine“ nutze, um Flynn zu attackieren.

Das Endresultat des Fehlers der Obama-Regierung könnte der Austritt der Türkei aus der westlichen Allianz sein. Ankara droht nun, ein Vollmitglied der „Shanghai Cooperation Organization” zu werden, der russisch-chinesischen Dachorganisation, die ein Gegengewicht gegen die NATO werden könnte. Im letzten Monat äußerte China seine Sympathie für die türkische Orientierung nach Osten aus. Mittlerweile verhandelt die Türkei über den Ankauf von Russlands fortgeschrittenem S-400 Flugabwehr-System, ein Schlag ins Gesicht der NATO.

Das ist der Grund, warum die von der Türkei unterstützten direkten Verhandlungen zwischen Russland und den syrischen Rebellen solch eine bedenkliche Entwicklung ist. Sie zeigen wieviel Einfluss die USA in dieser Region eingebüßt haben. Flynn hat vorgeschlagen, den Schaden zu beheben und den amerikanischen Einfluss wiederherzustellen. Der Fakt, dass seine Vorschläge umstritten sind, zeigt wieviel Arbeit nötig ist, um die amerikanischen Geheimdienste und Amerikas Diplomatie wiederherzustellen.

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Spengler auf Deutsch 64: Was will Putin?

Das Original erschien am 21. Oktober 2016 unter dem Titel „What does Putin want?“ In PJMedia

Ich hatte geplant, etwas Längeres über Putin zu schreiben, aber die jüdischen Feiertage kamen mir dazwischen. Darum nur eine schnelle Antwort auf die Frage: Was will Putin? Russland hat große Ambitionen und eine gescheiterte Wirtschaft, aber es hatte schon immer große Ambitionen und eine gescheiterte Wirtschaft (der Erste Weltkrieg rührt teilweise daher, dass Russland Steuern von seinen westlichen Provinzen verlangte, um seine Abenteuer im Osten zu finanzieren). Während des größten Teils seiner Geschichte hinkte Russland dem Westen technologisch hinterher, insbesondere in innovativer Militärtechnologie, und war daher vorsichtig – mit zwei Ausnahmen. Die erste Ausnahme war von 1957 bis in die frühen 1960er, nachdem Russland mit dem Sputnik bei dem Wettlauf ins Weltall in Führung gegangen war; Russlands Erfolg trug zu der Euphorie bei, welche die Berlin- und die Kubakrise hervorrief. Die zweite Ausnahme ist jetzt, seit Russlands Flugabwehr uns effektiv aus Syrien ausschließt. Wie ein Witzbold schrieb: Es gibt kein Flugverbot in Syrien, außer es wird von den Russen verhängt. Putins Interesse besteht darin, die Vereinigten Staaten zu demütigen und seinen chinesischen Partnern seine Wichtigkeit zu beweisen, die immer noch russische Technologie für Flugabwehr, Düsenjägertriebwerke und ähnliches benötigen.

Zudem will Putin auch weiterhin die Schaffung einer sunnitischen islamistischen Regierung in Syrien verhindern, da diese Dschihadisten in Russland unterstützen würde. Was die Türkei betrifft: Putin hält zu seinen Freunden und noch mehr zu seinen Feinden. Sein Abkommen mit der Türkei über Syrien ist ein Meisterstreich und ein Maßstab für Amerikas Impotenz und Inkompetenz. Was die Europäer betrifft: Die Italiener (!) legten beim europäischen Gipfeltreffen letzte Nacht ihr Veto gegen eine Resolution ein, die Russland Sanktionen androhte, und die Deutschen und Franzosen bissen sich in die Zunge. Wie „Il Foglio“ beobachtet: Die italienische Öffentlichkeit denkt, dass für das Chaos im östlichen Mittelmeer die Politik der Vereinigten Staaten (und Frankreichs und Englands) verantwortlich ist – was größtenteils zutreffend ist.

Bis vor einigen Monaten bestand noch die Möglichkeit, die Situation in der Levante zu stabilisieren. Jetzt nicht mehr: Putin spielt jetzt Richelieu. Er hält den Krieg im Gang mit dem Ziel, genug von der dortigen Bevölkerung auszurotten, um die Langzeitbedrohung zu beseitigen. Das ist genau das, was ich in seiner Lage tun würde, wenn ich damit davon kommen könnte – und er kann es.

Ich denke nicht, dass Russland eingedämmt werden kann, solange die Vereinigten Staaten nicht ihre Überlegenheit in der Flugabwehr wiederherstellen, und das wird selbst nach der günstigsten Annahme Jahre dauern (mittlerweile werden die Russen lernen, wie man unsere Tarnkappenbomber abschießt). Das Resultat wird unweigerlich ekelerregend sein.

Diejenigen, die sagen, wir sollten härter gegen Putin vorgehen, frage ich: “Wie?” Der Mainstream beider Parteien hat uns in dieses Chaos geführt und Putin die Möglichkeit geschaffen, Verwüstungen anzurichten.

Spengler auf Deutsch 46: Güte ist grausam und Grausamkeit ist Güte

Das Original erschien am 14. April 2016 unter dem Titel „To be kind is to be cruel, to be cruel is to be kind” in Asia Times.

Unmittelbar nach dem Angriff auf das World-Trade-Center im September 2001 habe ich gewarnt, dass der radikale Islam den Westen durch Schrecken unterwerfen werde. In Europa ist er seinem Ziel einen riesigen Schritt nähergekommen. Das Erschrecken Europas vor der Aussicht auf menschliches Leiden hat Europa die Kraft geraubt. Je mehr aber die Europäer ihrem humanitären Drang nachgeben, desto mehr werden Muslime leiden. Gut zu sein, heißt grausam sein.

Die Daily Mail hat kürzlich über einen Vorfall an der italienischen Küste berichtet:

Das 240 Fuß lange Boot “Monica” war während der Nacht in internationalen Gewässern gesichtet worden.

Als Boote der italienischen Küstenwache längsseits gingen, waren die Besatzungen schockiert, zu sehen, dass Männer und Frauen an Bord begannen, ihre Babys über dem Wasser hängen zu lassen.

Die Flüchtlinge – meist Kurden, die größtenteils nach England wollten – beruhigten sich erst, als man ihnen versicherte, sie würden nicht aus Italien abgeschoben.

Was sind das für Leute, die drohen, ihre eigenen Babys zu ermorden? Die normale Reaktion wäre, sie zu verhaften und wegen Gefährdung der Kinder ins Gefängnis zu stecken. Stattdessen berichtet die britische Zeitung: „Der Erzbischof von Catania, Luigi Bommarito, war an der Anlegestelle, um die Monica mit – wie er es nannte – ‚einer Geste der Solidarität‘ zu begrüßen‘. Er sagte: ‚Ich bin hier, um an die Menschen zu appellieren, ihre Herzen und Türen nicht vor Menschen zu verschließen, die zu überleben versuchen. Wir dürfen nicht vergessen, dass im letzten Jahrhundert auch viele Emigranten Italien verlassen haben‘“.

Der Monica-Vorfall vervielfältigt sich zehntausendfach auf diplomatischer Ebene. Der türkische Präsident und De-facto-Diktator Recep Tayyip Erdogan drohte im letzten Oktober europäischen Diplomaten mit 10.000 bis 15.000 ertrunkenen Migranten, wie Protokolle zeigen, die einer griechischen Nachrichten-Seite zugespielt wurden und über die in europäischen Mainstreammedien umfassend berichtet wurde – ohne das ein offizielles Dementi erfolgte. Erdogan verlangte sechs Milliarden Euros sofort und drei Milliarden pro Jahr, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, berichten europäische Diplomaten. „Wir können die Tore nach Griechenland und Bulgarien jederzeit öffnen und wir können die Flüchtlinge in Busse setzten. Was wollen Sie mit den Flüchtlingen machen, wenn wir keine Einigung erzielen. Die Flüchtlinge erschießen? Die EU wird mit mehr als einem toten Jungen an der türkischen Küste konfrontiert werden. Da werden 10.000 oder 15.000 sein. Wie wollen Sie damit umgehen?“

Der Führer eines wichtigen muslimischen Landes, der beansprucht für die muslimische Welt zu sprechen, bedroht die Europäer mit 10.000 oder 15.000 muslimischen Toten. Wann in der Weltgeschichte hat in Verhandlungen die eine Seite gedroht, die eigenen Leute zu töten, um einen Vorteil zu erlangen?

Einige Europäer argwöhnen, dass die Türkei bewusst die massenhafte Migration ermutigt hat, welche im Sommer 2015 nach Europa aufbrach, indem sie kriminellen Banden freie Durchreise durch ihr Territorium und über ihre Grenzen gestattete. Das ist schwer zu beweisen, aber es ist kaum zu verstehen, wie Zehntausende von Afghanen, Irakern und Pakistanis durch die Türkei nach Europa hätten reisen können, ohne ein gewisses Maß an türkischer Zusammenarbeit. Künftige Untersuchungen werden diese Frage zu klären haben, was aber aus den genannten Protokollen klar hervorgeht, ist, dass die Türkei die Flüchtlingskrise benutzt, um den Schrecken in eine Waffe zu verwandeln.

Die gleiche grausige Farce wird seit Jahren in Gaza aufgeführt, wo die Hamas Raketen auf israelische Bevölkerungszentren abfeuert, und zwar von zivilen Standorten aus, einschließlich Schulen und Hospitälern, und sich dann über Menschenrechtsverletzungen beklagt, wenn Israel reagiert und gelegentlich Zivilisten tötet. Wie Oberst Richard Kemp, der frühere Befehlshaber der britischen Truppen in Afghanistan und ein Experte für dir Kriegsführung an der israelischen Grenze, beobachtet hat, sind die Zivilisten im Gazastreifen keine menschlichen Schutzschilde, denn ihr Zweck ist nicht, irgendetwas zu schützen, sondern Menschenopfer, die sterben sollen.

Das ist das erste Mal in der Geschichte der Kriegsführung, dass die eine Partei absichtlich anstrebt, ihre eigenen zivilen Verluste zu maximieren, um einen diplomatischen Vorteil zu erlangen. Die Hamas hat den Westen gut verstanden: die reflexartige Antwort des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, der Europäischen Kommission, des Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und des Rests er aufgeklärten Weltmeinung besteht darin, sich in Schrecken von Hunderten von zivilen Todesfällen abzuwenden, und Israel der exzessiven Gewaltanwendung zu beschuldigen. Die Hamas weiß, was aus dem Mund von Bank Ki-Moon oder Senator Sanders kommen wird, ebenso sicher, wie ich weiß, dass ein Kaugummi aus dem Automat kommen wird, wenn ich einen Vierteldollar einwerfe.

In einem Essay von 15. Oktober 2015 hat der Analyst der “Times of Israel” Haviv Rettig Gur bemerkt, dass die palästinensische Strategie darauf abzielt, Israel auszumanövrieren, indem sie die Weltmeinung gegen die Kollateralschäden aufbrachten, die sie selbst herbeigeführt hatten, um so eine Reaktion hervorzurufen. Er zitiert den palästinensischen Journalisten Mohammed Daraghmeh:

Palästina ist ein internationales Problem. [Dieses Problem] wird nicht gelöst werden durch Messerangriffe oder Akte der Selbstaufopferung [Selbstmordattentate] oder durch Proteste oder Demonstrationen. Es wird nur gelöst werden, wenn die Welt versteht, dass sie die Pflicht hat, zu intervenieren und Grenzen und Linien zu ziehen, so wie sie es in Bosnien-Herzegowina, in Kosowo … tat. Sie mögen fragen: Wie lange? Und ich sage: Der Tag wird kommen. … Sie mögen fragen: Wird der friedliche Kampf ein Ende der Besatzung bringen? Und ich sage: Hat der militärische und bewaffnete Kampf ein Ende gebracht? … Nur die Welt kann eine Lösung herbeiführen.

Der Westen hat Israel lediglich deshalb keine Lösung aufgezwungen, weil Amerikaner auf als Waffe gebrauchten Schrecken anders reagieren als die UN-Bürokratie, der Vatikan oder die Regierung von Schweden. Rund die Hälfte der Amerikaner befürwortet ein Verbot jeglicher muslimischer Immigration in die Vereinigten Staaten. Anderswo in der angelsächsischen Welt mag die Flut muslimischer Migranten den Ausschlag in dem bevorstehenden Juni-Referendum über die britische Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Perverserweise waren es die Vereinigten Staaten, die ein Monster schufen, als die Clinton-Regierung 1998 in den Krieg mit Serbien zog, um die UCK (Befreiungsarmee des Kosovo) – eine fragwürdige Bande albanischer Ganoven, die sich mit Drogen- und Menschenhandel beschäftigte – vor der scharfen Reaktion der Serben auf ihre Provokationen zu bewahren. Muslime wie Mohammed Daraghmeh lernten, dass zumindest ein Teil des Westens ihre Partei ergreifen werde, um humanitäre Katastrophen zu verhindern, selbst dann, wenn die Muslime selbst diese Katastrophen herbeigeführt hätten. Der Papst, der UN-Generalsekretär und Senator Sanders ermutigen die Herbeiführung solcher Katastrophen, indem sie wunschgemäß reagieren.

Schon im Oktober 2001 habe ich argumentiert, dass die massenhafte Opferung mulimischen Lebens der Kern des Schlachtplans des radikalen Islam ist.

Al-Kaida will keine Territorien, keine Konversionen, keine Beute, keine Sklaven. Sie will den Westen zerstören und wird gern Millionen von Muslimen opfern, um das zu erreichen. Tatsächlich dürfte die massenhafte Opferung muslimischen Lebens der Kern ihres Schlachtplans sein. Sie hat mehr gemein mit Dostojewskis „Idiot“ oder Wagners „Götterdämmerung“ als mit den muslimischen Eroberern des Mittelalters.

Das Böse um seiner selbst willen wird nur vorstellbar wenn die christliche Zivilisation des Westens sich vom Christentum abkehrt und in den Abgrund ihrer eigenen Zerstörung starrt. … Die Achillesverse des westlichen Geistes ist der Schrecken. Die Nazis haben das verstanden und verfolgten eine Politik „des Schreckens“ (auch im Original deutsch) und „Entsetzens“ (auch im Original deutsch). Der Schrecken war nicht bloß ein Instrument der Kriegführung im traditionellen Sinne, sondern eine Form wagnerianischen Theaters oder psychologischer Kriegsführung großen Ausmaßes. Hitlers taktischer Vorteil lag in seiner Fähigkeit schrecklicher zu sein, als seine Gegner es sich vorstellen konnten.

Je mehr der Westen seinen humanitären Gefühlen nachgibt – das heißt: seiner Überempfindlichkeit im Angesicht der absolut Bösen – desto mehr werden muslimische Zivilisten leiden müssen, da muslimische Führer von Rakka bis Ankara gelernt haben, Schrecken als Waffe zu gebrauchen. Die Strategie, humanitäre Katastrophen auszulösen, um den Westen zu erpressen, war vielfach erfolgreich. Was wäre nötig, um Leute wie Präsident Erdogan zu überzeugen, dass der Westen Erpressungen nicht nachgeben wird? Die traurige Antwort: Der Westen müsste dem sich ausbreitenden Schrecken an seinen Grenzen mit Indifferenz begegnen. Der Pakistaner, der sich zu Beginn dieses Monats in einem Flüchtlingslager in Lesbos aufzuhängen drohte, wird nicht zu einem elenden Dasein in Pakistan zurückkehren, solange wie ein europäisches Flüchtlingslager nicht noch schlimmer ist. Gütig zu sein, ist grausam sein: es ermutigt schreckliche Ereignisse, herbeigeführt, um das Gewissen des Westens zu manipulieren. Paradoxerweise: grausam sein, ist gütig sein.

Die deutsche Haltung den Flüchtlingen gegenüber ist verständlich, in Anbetracht des anhaltenden Traumas des Zweiten Weltkriegs, wie ich kürzlich hier schrieb. Nichtsdestoweniger sollte Deutschland die meisten seiner Einwanderer zusammentreiben und in ihre eigenen Länder zurückschicken. Das wäre ein schwieriges und schmutziges Geschäft. Die Deutschen wenden ein, dass sie keine Aufseher in Konzentrationslagern sein wollen. Aber das ist keine Entschuldigung; sie könnten Ukrainer anheuern, so wie letztes Mal.

Eine andere perverse Entwicklung ist das Wiedererscheinen von Russland als einer Nah-Ost-Macht. Präsident Wladimir Putin ist kein neuer Stalin, sondern eher der letzte europäische Führer in der nationalistischen Art des 19. Jahrhunderts. Sein relativer Erfolg in Syrien rührt teilweise von seiner Indifferenz gegenüber Kollateralschäden her und seiner Bereitschaft, Russlands Arsenal an kalten Kriegs-Waffen, insbesondere ungelenkte Bomben, zu nutzen. Es wäre eine Tragödie für den Westen, wenn die Initiative in Krisenbewältigung an Russland (und vielleicht China) übergehen würde, einfach deshalb, weil diese Mächte die Skrupel nicht haben, welche den Westen zurückhalten.

Spengler auf Deutsch 2: Das Gleichgewicht der Mächte – ein Brettspiel

Der Originaltext erschien am 20. Oktober 2015 unter dem Titel “Balance of power – the board game” in Asia Times. Übersetzt von Stefan O. W. Weiß

Henry Kissingers brillante Karriere wurde nur durch eine tiefe Enttäuschung unterbrochen, nämlich seine Unfähigkeit, den Zusammenbruch des Sowjetsystems vorherzusehen und den Untergang eines außenpolitischen Systems, dem er sich sein Leben lang gewidmet hatte. Das erinnert an den alten Witz: „Aber abgesehen davon, Frau Lincoln, wie war das Stück?“[1] Kissinger war eher ein Igel als ein Fuchs. Der Fuchs weiß viele Sachen, lehrte Archilochus, aber der Igel weiß eine wichtige Sache. Kissinger wusste eine wichtige Sache, die nur den Nachteil hatte, dass sie falsch war. Wie die Bourbonen hat Dr. Kissinger nichts gelernt und nichts vergessen, wie er in einem am 16. Oktober erschienen Essay im „Wall Street Journal“ zeigt: „Ein Ausweg aus dem Kollaps des Nahen Ostens“. Kissinger beklagt den “Zerfall von Amerikas Rolle als stabilisierender Faktor im Nahen Osten” und wünscht diese wiederherzustellen.

Wie Angelo Codevilla in seiner Besprechung einer neuen Biographie Kissingers bemerkt hat, hielt der große Mann es für eine offensichtliche Tatsache, dass der Kalte Krieg nicht zu gewinnen war, und daher „das Kriegsziel nicht länger ein militärischer Sieg sein kann“, sondern eher „bestimmte politische Bedingungen, die von der anderen Seite vollständig verstanden werden“, und dass zu diesem Zweck die Vereinigten Staaten „(dem Gegner) an jedem Punkt eine Möglichkeit für eine Einigung präsentieren“ würden.

Ronald Reagan dagegen sagte beim ersten Treffen mit seinem Nationalen Sicherheitsrat: “Hier ist meine Strategie für den Kalten Krieg: Wir gewinnen, die verlieren.” Er und seine Berater – Richard Allen, William Clark, William J. Casey, Jeanne Kirkpatrick und – damals – junge Männer wie Angelo Codevilla, Herbert Meyer und Norman Bailey – sahen einen Gezeitenwechsel, wenn er ihnen ins Auge sprang.

Kissingers letzte Veröffentlichung hat immerhin den Vorzug aufzuzeigen, wie absurd das Denken des Außenpolitischen Establishments ist. Kissinger sah die großen Mächte als Figuren auf einem geopolitischen Schachbrett, in einer „Parker Brothers“-Version (bekannter amerikanischer Hersteller von Brettspielen) des Wiener oder Berliner Kongresses. Ihm entging der schleichende Niedergang der sowjetischen Wirtschaft und seine strategischen Folgen – die russische Einsicht in der Mitte der 80iger, dass sie mit der amerikanischen Wirtschaft und ihrer Fähigkeit, neue Militärtechnologien zu entwickeln, nicht mithalten konnten. Das war nicht bloßes „Stratego“; Kissinger bezog sich auf hochentwickelte Mathematik, beispielsweise Thomas Schellings Spieltheorie. Aber ob nun Variablen in einer Gleichung oder Steine auf einem Schachbrett, beide bleiben fixe Einheiten, die sich nach gegebenen Regeln bewegen. Manchmal aber überspielen langfristige Entwicklungen kurzfristige.

Der innere Verfall von gegenwärtigen und früheren Nationalstaaten von Libyen bis Afghanistan ist noch offensichtlicher und noch relevanter für die Politik in dieser Region. Kissingers aktuelle Empfehlungen für den Nahen Osten, wie er sie in seinem Wall Street Journal-Essay vom 16. Oktober skizziert, behandelt die Mächte in dieser Region wie feste Größen, die in ein stabiles Gleichgewicht der Kräfte manipuliert werden können.

Offensichtlich aber ist nichts fest an diesen Größen, und infolgedessen foltert Kissinger die Logik, bis sie auf der Streckbank verreckt. Man nehme beispielsweise seine Charakteristik des Irans: „Auf der einen Seite handelt der Iran als legitimer Westfälischer Staat[2] im Rahmen der traditionellen Diplomatie. Er beruft sich gar auf die Sicherungen des internationalen Systems. Zur gleichen Zeit aber organisiert und leitet er nichtstaatliche Akteure, die eine regionale Hegemonie basierend auf dschihadistischen Prinzipien anstreben. … Die Vereinigten Staaten sollten bereit sein für einen Dialog mit einem Iran, der zu seiner Rolle als Westfälischer Staat innerhalb etablierter Grenzen zurückkehrt“.

Man stelle sich Irans obersten Führer vor, wie er versucht sich Kissingers Logik zu übersetzten. „Westfälisch? Was ist westfälisch? Ich habe es gegoogelt und siehe da! Es ist eine Schinkensorte! Dieser ungläubige Kissinger vergleicht uns mit Schinken!“ Der Iran ist wohl die am wenigsten westfälische politische Einheit auf diesem Planeten. Er ist kein Nationalstaat in einem wie auch immer gearteten Sinn des Wortes, sondern der Rumpf eines kollabierten Imperiums, in dem Perser kaum die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, während der Rest laut Wikipedia aus Aserbeidschanern (16-25+ %), Kurden (7-10 %), Luren (c. 7%), Masanderanern und Gilakern (c. 7 %), Arabern (2-3 %), Belutschen (c. 2 %) und Turkmenen (c. 2 %) besteht. Schiitischer Messianismus und dazugehörige imperiale Ambitionen sind seine Raison d’être. Man könnte sagen: „Entschuldigen sie, Mr. Hyde, ist Dr. Jekyll zu Hause?“

Und was sollen nun die Vereinigten Staaten mit dem Iran in seiner “westfälischen” Inkarnation anstellen? „Für ISIS-besetztes Gebiet ist es vorzuziehen, entweder von moderaten sunnitischen Streitkräften oder von auswärtigen Mächten als von iranischen Dschihadisten oder imperialen (iranischen) Streitkräften zurückerobert zu werden.“ Wenn wir etwas westfälischen Schinken hätten, könnten wir Eier mit Schinken zubereiten, wenn wir einige Eier hätten. Wenn wir „moderate sunnitische Streitkräfte“ hätten, könnten wir den „westfälischen“ Iran überreden, die „iranischen Dschihadisten oder imperialen Streitkräfte“ zurückzuziehen und der Rückeroberung von ISIS-gehaltenem Territorium durch Sunniten zuzustimmen.

Dann: „Die rückeroberten Territorien sollten der lokalen sunnitischen Regierung übergeben werden, die dort vor der Desintegration der irakischen wie syrischen Souveränität existierte“. Irgendjemand sollte Dr. Kissinger die Nachricht überbringen, dass Saddam Hussein tot und dass die frühere sunnitische Regierung nicht mehr vorhanden ist.

Und wer soll die Sunniten moderat halten? „Nach der Lösung ihrer Verfassungskrise könnte die Türkei kreativ zu solch einem Prozess beitragen“, schreibt Kissinger. Unglücklicherweise erscheint das Wort „Kurde“ nirgends in seinem Essay. Angesichts eines entstehenden kurdischen Staates dort, wo ihre Grenze mit dem Irak und Syrien ist, scheint er die Türkei schon für außerordentlich kreativ zu halten.

Ein heilsames Stück Realismus enthält der Essay in Bezug auf Russland. Kissinger schreibt, „Russlands Hauptsorge ist, dass der Kollaps des Assad-Regimes ein Chaos wie in Libyen heraufbeschwören, ISIS in Damaskus an die Macht bringen und ganz Syrien in eine Basis für terroristische Operationen verwandeln und so die muslimischen Regionen innerhalb der russischen Südgrenze, im Kaukasus und anderswo erreichen könnte“. Die russische Intervention ist eine Tatsache, aber Kissinger denkt, sie könne eingedämmt werden. „Russland könnte durch eine Begrenzung seiner militärischen Rolle auf eine Anti-ISIS-Kampagne eine Rückkehr zu den Beziehungen des Kalten Krieges mit den Vereinigten Staaten vermeiden”. Wenn „Beziehungen des Kalten Krieges“ Russland nicht von einer Intervention in der Ukraine abhalten konnten, warum sollte Russland sich um die westliche Antwort auf Bombardierungen in Syrien sorgen?

Zbigniew Brzezinski, der 1977 als Jimmy Carters strategischer Guru berufen wurde, als Kissinger mit der Ford-Regierung ausschied, will den Russen entgegentreten; er schrieb letzte Woche in der Financial Times, dass Washington “Moskau die Forderung übermitteln solle, dass es keine militärischen Aktionen unternimmt, die direkt amerikanische Interesse berühren. … Die russische Marine- und Luftpräsenz in Syrien sind verwundbar, geographisch isoliert von ihrem Heimatland. Sie könnten ‚entwaffnet‘ werden, wenn sie fortfahren, die USA zu provozieren”. Das sind Phantastereien.

Kissingers moderate sunnitische Streitkräfte sind offensichtlich die Dschaisch al-Fatah, einschließlich al-Qaida (die al-Nusra Front); sie werden unterstützt durch die Türkei, Saudi-Arabien und Katar. Russland hat sie bombardiert, weil sie das Assad-Regime direkter bedrohen als ISIS. Wie Jackson Diehl letzte Woche in der Washington Post beobachtete, bestand Putins Erfolgsmodell in der Verwüstung von Tschetschenien unter völliger Missachtung ziviler Opfer.

Für den größten Teil der Welt, und insbesondere für Russland und China, ist ISIS ein amerikanisches Frankenstein-Monster. Viele Russen sind davon überzeugt, dass Washington half, ISIS zu schaffen, um Russland zu destabilisieren. „Paranoide Russen“ mag ein Pleonasmus sein, aber selbst die Russen haben Feinde. Es ist schwer, unsere Konkurrenten davon zu überzeugen, dass Amerika die Entstehung von ISIS aus reiner Dummheit förderte und nicht aus boshafter Voraussicht. Sie werden nie glauben, dass wir derartig dumm sind.

Angenommen, dass Washington 1) “moderate” Sunniten finden kann, 2) den Iran überreden kann, als ein “westfälischer Staat” zu handeln, 3) die Russen überreden kann, auf niemanden als auf ISIS zu schießen, und 4) die Türkei „kreativ“ beiträgt, was soll Amerika tun? Kissinger zufolge: „Die amerikanische Rolle in solch einem Nahen Osten bestände darin, den traditionell sunnitischen Staaten den militärischen Beistand zuzugestehen, den die Regierung ihnen bereits während der Debatte um das iranische Nuklearabkommen versprach“. Dieses Kamel hat die Oase seit langem verlassen; amerikanische Sicherheitsgarantien haben in den sunnitischen Golfstaaten keine Glaubwürdigkeit mehr.

Es gibt Dinge, die Amerika tun könnte, wäre es skrupellos genug. Das erste wäre, die Entstehung eines kurdischen Staates im heutigen Irak und Syrien zu ermöglichen und die iranischen Kurden verdeckt zu unterstützen. Das wird die Türkei erbosen, aber was soll’s? Zweitens sollte es Russland erlauben, einen Nachfolger für Assad zu ernennen, vorausgesetzt er tritt zurück. Sobald Assad beseitigt ist, sollte es eine Waffenruhe erzwingen und Syrien erlauben, sich in einzelne Provinzen aufzulösen, nämlich ein sunnitisches Territorium im Süden und Osten, ein Alewitistan an der Nordküste und eine kurdische Enklave im Norden an der türkischen Grenze. Drittens könnte es die Finanzierungsquellen von ISIS, Ölquellen und Raffinerien, auslöschen, ohne sich übermäßig um Kollateralschäden zu sorgen. Viertens sollte es dem Iran ein Ultimatum im Hinblick auf staatliche Terroraktivitäten stellen und, wenn nötig, einige Basen der Revolutionären Garden zu zerstören. Fünftens sollte es den Kataris klarmachen, dass sie kein Staat sind, sondern ein Volksstamm, der – sehr gefährlich – auf einer Gasblase sitzt, und dass jemand, der im Glashaus sitzt, keine Terroristen finanzieren sollte.

Um es kurz zu machen: Man neutralisiere rasch die übelsten der streitenden Faktionen, mag das auch schmutziges Geschäft sein, und beende das Abschlachten so schnell wie möglich, ohne sich allzu sehr um Bündnisse, Gewaltenteilung oder illusorische verfassungsmäßige Regelungen für nichtexistierende Staaten zu sorgen. Das ist keine Kryochirurgie, sondern Selektion auf dem Schlachtfeld, und es ist der beste Weg, das Blutvergießen rasch zu beenden.

 

[1] Anspielung auf die Ermordung Abraham Lincolns während eines Theaterbesuchs in Anwesenheit seiner Frau.

[2] Kissinger spielt an auf den Westfälischen Frieden (1648), der den Dreißigjährigen Krieg beendete. In ihm erhielten die einzelnen Staaten des alten Reichs das Recht, selbständige Außenpolitik zu treiben.