Spengler auf Deutsch 7: Hexen an Eliteuniversitäten

 

Die Originalfassung erschien am 23. November 2015 unter dem Titel: „The witches of the Ivy League“ in Asia Times.

Übersetzt von Stefan O. W. Weiß

Der Krawall über gefühlten Rassismus an amerikanischen Universitäten, mit Forderungen nach „trigger warnings“ (Vorwarnungen) vor möglicherweise schmerzhaften Behauptungen, nach “safe spaces“ (Sicherheitsräumen), um Minoritäten gegen gefühlte Feindschaft zu schützen, und „speech codes“ (Sprachregelungen), die Behauptungen verbieten, welche selbsternannte Opfer kränken könnten, hat sich in eine Art Zirkus verwandelt. Eine schwarze, weibliche Universitätsangestellte provozierte Demonstrationen, als sie sich weigerte, gegen möglicherweise anstößige Halloweenkostüme einzuschreiten. Eine Professorin der Universität von Kansas wurde vom Dienst suspendiert, nachdem sie das „N“-Wort (nigger) benutzt hatte, um Rassismus zu charakterisieren.

Professor Andrea Quenette sagte lediglich: “Als eine weiße Frau habe ich nie Rassismus gesehen. Es ist nicht so, dass ich N*****r an die Wand gesprüht gesehen hätte“. Jeder Student in ihrer Klasse unterzeichnete eine Petition, die ihre Entlassung forderte. Es begann letzten Monat an der Universität von Missouri, wo rassistische Beschimpfungen, die ein nichtidentifizierter Mann in einem Pritschenwagen einem schwarzen Studentenvertreter zurief, zum Streik der Fußballmannschaft, Campusdemonstrationen und zum Rücktritt der zwei höchsten Universitätsbeamten führten – wegen unzureichenden Eifers bei der Unterdrückung von Rassismus. Ziel der Angriffe sind Universitätsangehörige, die ausnahmslos engagierte Linke und bekennende Feinde von Rassismus, die aber nicht hinreichend wachsam gegen „beiläufige alltägliche Kränkungen und Taktlosigkeiten“ sind, wie ein „US News“-Kommentator bemerkte. Es ist eine Sache, die studentischen Protestierenden als „Brutalo-Heulsusen“ zu beschimpfen, wie mein Freund Roger Kimball kürzlich im „Wall Street Journal“, eine andere im Haus des Gehenkten vom Strick zu reden.

Kimball sieht die Proteste als Triumph der Radikalisierung in den 1960ern, die an den Universitäten Wurzel fasste, und nun die herrschende Ideologie des akademischen Establishments ist. Ein vielgelesener Kommentar von Professor Jonathan Haidt im „Atlantic Magazine“ macht einen Wandel in der Kindererziehung während der 1980er verantwortlich. Aber die Hysterie an amerikanischen Universitäten ist leicht als eine (von vielen) mittlerweile aufgegebene Praxis der europäischen Kultur erkennbar, nämlich der Hexenjagd. Die Opfer der Hexenprozesse in Salem im Jahre 1692 sind Stoff der amerikanischen Legende geworden, aber die Inquisitoren von Massachusetts stehen nicht an der Spitze der Tabelle: Bis zu 100.000 angebliche Hexen wurden in Europa zwischen 1450 und 1750 hingerichtet, während des Aufstiegs des Zeitalters der Vernunft. Der Heilige Augustinus hatte das ganze Konzept der Zauberei im fünften Jahrhundert für absurd gehalten, aber der Heilige Thomas von Aquin, der Kirchenvater des 13. Jahrhundert, ließ die Vorstellung von Dämonen, die arme Seelen in die Verdammnis führen, wiederaufleben.

Irgendwo hier muss eine Hexe sein: Eine Frau kriegt kein Kind, die Milch ist sauer, die Ernte ist schlecht, heranwachsende Mädchen werden hysterisch. Wenn wir annehmen, dass diese Ereignisse die Folge von Hexerei sind, bleibt nur eins: Die Hexe (oder Zauberer) zu entdecken und zu töten. Wenn wir eine Hexe töten und die Milch bleibt sauer, bedeutet das, dass eine andere Hexe sich im Schuppen versteckt, und auch diese Hexe muss ausgetrieben werden. Hexen sind listig und versuchen der Entdeckung zu entgehen, aber sie verraten sich durch ungenügenden Eifer im Aufspüren von Hexerei. Diejenigen, die ungenügende Betroffenheit über gegen Mikro-Aggressionen zeigen (so wie die unglückliche Yale-Angestellte, die es ablehnte, im Voraus eine Kommission zur Kontrolle von Halloweenkostümen einzusetzen), müssen Hexen sein. Das ist der Grund, warum die unglückliche Frau Prof. Quenette von der Universität von Kansas ihre Karriere auf dem Scheiterhaufen verbrennen sah: Sie war der am leichtesten greifbare Verdächtige.

Anders als bei früheren Hexenjagden bleibt der Grund, der diese Aktionen motiviert, unausgesprochen. Aber er ist leicht zu erkennen: Schwarze amerikanische Studenten, insbesondere Männer, scheitern im Studium mit einer katastrophalen Rate.

Abschlussrate nach sechsjährigem Universitätsstudium:

graduation

 

Kaum mehr als ein Drittel der schwarzen männlichen Studenten erreicht nach sechsjährigem Universitätsbesuch den Bachelorabschluss (eigentlich ein auf vier Jahre angelegter Studiengang). Die Universitätseintrittsrate ist für weiße und schwarze Abiturienten mit rund 70 % identisch, aber die Abschlussrate weicht ab. Sechzig Prozent der weißen männlichen Studenten beenden ihr Studium erfolgreich innerhalb von sechs Jahren, fast das Doppelte der schwarzen männlichen Studenten.

Eine 2006 erschienene Studie im “Journal of Blacks in Higher Education” nennt eine Reihe von möglichen Erklärungen. Die erste unter mehreren – schreibt die Zeitschrift – ist, wie willkommen schwarze Studenten sich an einer bestimmten Universität fühlen:

“Offensichtlich ist das rassische Klima an einigen Universitäten für Afroamerikaner günstiger als an anderen. Ein fürsorgliches Milieu für schwarze Studenten hat fast mit Sicherheit positive Auswirkungen auf Studiendauer und –erfolg von schwarzen Studenten. Beispielsweise ist die Brown-Universität, obwohl oft geplagt von rassischen Zwischenfällen, bekannt für ihre Anstrengungen, den Campus zu einem angenehmen Ort für Afroamerikaner zu machen. Dagegen hat die Universität von Kalifornien in Berkeley in den letzten Jahren ihren Anteil an Rassenunruhen gehabt. Die geringe Anzahl von schwarzen Studenten auf dem Campus – das Resultat der Abschaffung von Quoten für farbige Studenten, hat dazu geführt, dass viele Afroamerikaner sich auf dem Campus unwillkommen fühlen. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe für die niedrige Abschlussrate schwarzer Studenten in Berkeley.”

Gleichwohl fügt die Zeitschrift hinzu: “Hohe Abbrecherquoten scheinen primär durch unzureichende schulische Vorbereitung und die Abwesenheit familiärer Universitätstradition verursacht zu sein, Bedingungen, die auf einen sehr großen Prozentsatz der heutigen studentischen Afroamerikaner zutreffen“. Das scheint eine vernünftige Einschätzung zu sein. An den meisten amerikanischen Universitäten aber würde schon die bloße Wiederholung dieses Statements, das ursprünglich in einer angesehenen Zeitschrift schwarzer Universitätslehrer erschienen ist, als offensichtlicher Beweis für Hexerei angesehen werden.

Als die zitierte Zeitschrift im Jahre 2006 den Schaden begutachtete, war die Alterskohorte der schwarzen Studenten, welche ihren Abschluss nach sechs Jahren nicht schafften, in den späten 1970er oder frühen 1980er Jahren geboren, als der Anteil von Kindern, welche von nichtverheirateten nichthispanischen schwarzen Müttern geboren waren, etwas unter 50 % lag. 2013 ist dieser Anteil auf 72 % angestiegen. Ohne nichtverheiratete Mütter stigmatisieren zu wollen, steht doch fest, dass Kinder, die in Einpersonenhaushalten geboren werden, mit weit größerer Wahrscheinlichkeit durch „unzureichende schulische Vorbereitung und die Abwesenheit familiärer Universitätstradition“ gehandicapt sind. Die Lage hat sich für schwarze Kinder nicht nur verschlechtert, sie hat sich sehr verschlechtert.

Der Fehlschlag der Universitäten mehr schwarze Männer zum Abschluss zu führen, hat schwerwiegende Folgen. Der Anteil unverheirateter schwarzer Mütter ist teilweise deshalb so hoch, weil so viele schwarze Männer im heiratsfähigen Alter eingesperrt sind – wie die „New York Times“ in einer vielzitierten Studie vom Anfang dieses Jahres bemerkt hat: „Schwarze Frauen zwischen 25 und 54, die nicht im Gefängnis sitzen, übertreffen schwarze Männer in dieser Kategorie um 1,5 Millionen. Für jeweils 100 schwarze Frauen in dieser Altersgruppe, die nicht eingesperrt sind, gibt es nur 83 schwarze Männer. Unter Weißen ist die entsprechende Zahl 99, also nahezu Gleichstand.“ Schwarze Universitätsstudenten sind diejenigen, die dem Teufelskreis aus Gewalt und Inhaftierung entkommen sind, und die niedrige Abschlussrate ist tragisch. Sie bedeutet, dass die wohlmeinenden Anstrengungen der Universitäten, minoritäre Studenten einzubeziehen, zu oft fehlgeschlagen sind, und dass das Erziehungssystem den kontinuierlichen Niedergang der Lebensbedingungen der schwarzen amerikanischen Minderheit nicht wird durchbrechen können. In diesem Fall kann man ebenso gut Hexen jagen. Das ist eben so gut wie alles Andere.

Das Problem ist, dass Generationen von Universitätsstudenten in der Annahme aufgezogen worden sind, dass kluge und wohltätige Sozialwissenschaftler wünschenswerte Ergebnisse konstruieren können. Wenn das Ergebnis unerwünscht ist, dann muss Rassismus schuld sein; wenn der Rassismus nicht offensichtlich ist, dann muss er versteckt sein; wenn die Schwarzen keiner rassistischen Aggression ausgesetzt sind, dann der „Mikroaggression“ subtiler Missbilligung. Das reduziert sich schnell auf Absurde. Die neue Sprachregelung (speech code) der Universität von Wisconsin erklärt, dass die Äußerung „Ich glaube, die am höchsten qualifizierte Person sollte den Job bekommen“ rassistisch ist. Die Universität sagt, dies sei eine verschlüsselte Behauptung für „Farbige werden unfair bevorzugt wegen ihrer Rasse“. Es sei auch rassistisch zu sagen, dass „Jedermann kann in dieser Gesellschaft Erfolg haben, wenn er hart genug arbeitet“, weil es in Wahrheit meine „Farbige sind faul und/oder inkompetent und sollten härter arbeiten.“

Leute, die derartige Allgemeinplätze von sich geben, sind, wie es scheint, Hexen, die schwarze Studenten verhexen, damit sie sich schlecht fühlen und darum keinen Erfolg haben. Die Lösung besteht darin, die Hexen (oder ihre Karrieren) zu verbrennen und minoritäre Studenten in „save spaces“ zu isolieren, wo niemand ihre Gefühle verletzten wird. Natürlich werden derartige Maßnahmen die Zahl schwarzer Studienerfolge ebenso wenig erhöhen, wie das Verbrennen von Hexen die Qualität von Kuhmilch im vormodernen Europa verbessert hat. Gleichwohl fuhren die Europäer über Jahrhunderte hinweg fort, Hexen zu verbrennen, bis sie es schließlich müde waren. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass die Hexenjagden an amerikanischen Universitäten früher enden werden.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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