Spengler auf Deutsch 76: Trump bewirkt einen Abwärtstrend für die Schwellenländer

Das Original erschien am 21. November 2016 unter dem Titel “Trump effect a downside for emerging markets” in Asia Times.

Anmerkung des Übersetzers: Es handelt sich bei dem Text um das Ergebnis einer Diskussion Spenglers mit anderen Spezialisten um die wirtschaftlichen Folgen von Trumps Wahl. Wenn also von „der Gruppe“ oder „den Teilnehmern“ die Rede ist, sind die Teilnehmer an dieser Diskussion gemeint.

Die Aktienmärkte der Industrienationen zeigen nach Donald Trumps Wahlsieg höhere Wachstumserwartungen, aber die Schwellenländer geben Anlass zur Sorge.

Während die Aktienkurse und Rohstoffpreise wegen der größeren Wachstumserwartungen seit den amerikanischen Wahlen am 8. November gestiegen sind, werden die Schwellenländer kontinuierlich schwächer.

Die langfristige Inflationserwartung ist von ihrem Tief Mitte 2016 angestiegen; sie bleibt aber immer noch sehr niedrig im Vergleich zum langfristigen Durchschnitt. Der Optimismus über die Entwicklung der Weltwirtschaft ist im Gefolge der amerikanischen Wahlen etwas gestiegen, bleibt aber vorsichtig und ungleich.

Der starke Anstieg in den dollargewichteten Indizes übt Druck auf die Ökonomien mit großen Auslandsschulden aus. Italien gibt Anlass zur Besorgnis. Während der europäischen Finanzkrise von 2011-2013, übertrafen die Renditen für italienische Staatsanleihen die für deutsche um mehr als 5 %.

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Die italienischen Staatsschulden betragen rund 130 % des Bruttoinlandsprodukts, das ist das Äquivalent von zusätzlichen 6,5 % für den Schuldendienst. Seit 2014 hat sich der Abstand zwischen den Zinsen für italienische und deutsche Staatsschulden im Maßstab von 1-2 % bewegt, aber er ist jetzt schon an der weiteren Grenze dieses Spektrums. Wenn die Zinsen steigen, wird Italien ein schweres finanzielles Problem bekommen.

Italien muss zudem mit dem Liquiditätsproblem seines Bankensystems fertig werden (wo nicht bediente Kredite etwa ein Fünftel der Gesamtkredite ausmachen). Obwohl die Regeln der Europäischen Kommission das untersagen, wird Italien wahrscheinlich intervenieren, um seine Banken zu retten, da Kleinanleger etwa 237 Milliarden Euro in Bankaktien investiert haben, und eine Rettungsaktion für Kleinanleger politischen Aufruhr verursachen würde.

Die italienischen Bankaktien fielen letzte Woche drastisch, da Versuche, italienische faule Kredite (non-performing loans NPLs) in Form von Finanzprodukten zu verkaufen, auf Schwierigkeiten stießen. Das Problem ist, dass die italienischen Banken die Regierung finanziell gerettet haben (sie besitzen 22 % der gesamten Staatsschuld), und wenn die Regierung die Banken retten soll, wer wird dann die Regierung retten?

Premierminister Matteo Renzi hat seine politische Karriere von einem Sieg in dem Referendum am 4. Dezember über die Verfassungsreform abhängig gemacht, die er nun wahrscheinlich verlieren wird. Das wird zu einem politischen Vakuum führen, in dem die Bankrisiken höher eingepreist werden.

Kenner glauben nicht, dass die Ausweitung des Zinsabstands von italienischen und deutschen Anleihen auf politische Veränderungen in Italien zurückzuführen ist, sondern eher auf Entwicklungen im globalen Umfeld.

Noch bedrohlicher für Italien als das Referendum vom 4. Dezember mag die Sitzung der Europäischen Zentralbank am 8. Dezember sein, die eine sechsmonatige Pause des Quantitative Easing beschließen und so die Nachfrage nach italienischen Staatsanleihen reduzieren könnte.

Die italienische Regierung ist auch besorgt über die Möglichkeit, dass die Europäische Kommission eine fiskalische Anpassung fordern könnte, um das italienische Haushaltsdefizit zu verringern, das die Richtlinien der Kommission bei weitem übertrifft. Sie ist auch besorgt über die Migrantenkrise, die sich von den Grenzen der europäischen Länder auf die Mittelmeerroute verlagert hat.

Wenn Renzi das Referendum verliert, wird er versuchen, als Premierminister zurückzutreten, während seine Gegner versuchen werden, ihn zum Bleiben zu nötigen und die Kritik für die unerfreulichen Konsequenzen auf sich zu nehmen. Das schafft kein Vertrauen in die italienische Regierung.

Die Gruppe ist ebenfalls besorgt über die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich im Mai 2017. Die Front National wird wahrscheinlich besser abschneiden als entweder das Rechte Zentrum, das keinen wirklich populären Kandidaten hat, oder die Sozialisten, berücksichtigt man das Präsident Francois Hollandes Zustimmungsrate auf 4 % gefallen ist.

Letztlich werden die Linke und das Rechte Zentrum sich vereinen, um die Kandidatin der Nationalen Front, Marine Le Pen, als Präsidentin zu verhindern, aber die doch vorhandene Möglichkeit einer populistischen Regierung in Frankreich wird das Land für einige Monate in Aufruhr versetzen.

In Anbetracht der Labilität der politischen Situation erwarten einige Teilnehmer, die europäische Zentralbank werde die Einführung neuer Kapital- und Liquiditätsregeln für europäische Banken aufschieben. Vom nächsten Jahr an werden von den europäischen Banken mehr flüssige Vermögenswerte gefordert, und 2018 werden neue Kapitalregeln der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wirksam werden. Nur wenige europäische Banken sind auf dieses strengere Regime vorbereitet und der Weg des geringsten Widerstands wäre, einfach darauf zu verzichten.

Auch die Schwellenländer geben Grund zur Sorge. Wie einige Teilnehmer betonten, reduziert die Verdoppelung der Schulden der Schwellenländer in ausländischer Valuta und der Anstieg der Renditen für Staatsanleihen in den Industrienationen die Attraktivität von Staatsanleihen der Schwellenländer und macht den Schuldendienst in Zukunft schwieriger. In Anbetracht der Stagnation bzw. des Rückgangs des Welthandels ist das besonders besorgniserregend.

Die Rede des chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf dem APEC Gipfel in Lima war in dieser Hinsicht bemerkenswert, insofern er sich für eine neue transpazifische Freihandelszone aussprach. In der Vergangenheit hat die Welt Chinas Protektionismus kritisiert, heute kommen die Einschränkungen des freien Austauschs von Gütern und Ideen von anderswo, insbesondere vom einstigen Vorkämpfer des Freihandels, den USA.

Xi fügte hinzu, China verpflichte sich, in den nächsten fünf Jahren amerikanische Importe in Höhe von 8 Billionen Dollar aufzunehmen und werde 750 Milliarden Dollar für überseeische Direktinvestitionen bereitstellen (Letztere Zahl ist konservativ, da Chinas ausländische Direktinvestitionen 2016 mehr als 170 Milliarden Dollar übersteigen dürften). Wir erwarten, dass die lateinamerikanischen Länder bestrebt sein werden, ihre wirtschaftlichen Beziehungen mit China neu auszurichten, eine Tendenz, die sich seit langem vorbereitet.

Drei Situationen sind besonders besorgniserregend:

Unter den Schwellenländern hat Mexiko gerade die drastischste Abwertung durchgemacht, und die Ratingagenturen werden Mexikos Schuldenbewertung wahrscheinlich herabstufen. Es besteht das Risiko eines Teufelskreises aus Währungsabwertung, steigenden Zinssätzen und höheren Kosten für den Schuldendienst. Der Niedergang des mexikanischen Pesos ist besonders alarmierend. Mexiko musste seine Zinssätze erhöhen (über Nacht auf eine Quote von 5,25 % letzte Woche) um den Niedergang des Pesos zu verlangsamen. Ausländische Direktinvestitionen in Mexiko und Geldüberweisungen der Arbeiter sind gefährdet.

Die indische Banknotenreform hat nicht nichtintendierte Konsequenzen gehabt. Die indische Regierung hat offensichtlich die Größe der Schattenwirtschaft unterschätzt. Statt der von der Regierung geschätzten 25 % trägt die Parallelwirtschaft wahrscheinlich eher mit 35 % zu Indiens wirtschaftlicher Aktivität bei. Die Entwertung der 500- und 1000 Rupienscheine hat bereits einen Crash im Markt für Wohnungseigentum verursacht; es werden jetzt Luxusimmobilien zu einem Preis angeboten, der 40 % unter dem Stand vor der Reform liegt.

Der Steuergewinn für die Regierung wird wahrscheinlich zwischen 70 bis 75 Milliarden Dollar betragen. Aber dieser Steuerschock für die Wirtschaft wird kurzfristig das Wachstum unterdrücken und wird unvorhersehbare Konsequenzen haben, da so viele wirtschaftlich Agierende praktisch enteignet wurden.

Südkoreas politische Krise ist eine weitere Sorge. Millionen von Demonstranten sind in Seoul auf die Straße gegangen, seit der Korruptionsskandal um Präsident Park „Geun-hye“ aufbrach. Koreanische Staatsanwälte behaupten nun, dass Park von der Korruption gewusst habe. Wenn die koreanischen Jaebeols[1] in den Skandal hineingezogen werden, besteht die Möglichkeit einer ernsthaften wirtschaftlichen Störung. Weniger als 10 Jaebeols kontrollieren etwa drei Viertel der Produktion des Landes.

Weiterhin leiden die Schwellenländer an höheren Kosten für den Schuldendienst al sein Resultat der steigenden Dollar- und Zinsraten.

Die Tafel unten zeigt die Abwertung der Währungen der Schwellenländer seit dem 8. November und seit Mitte 2014:

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[1] Jaebeol (deutsch: reiche Sippe) ist der koreanische Begriff für ein großes Familienunternehmen, das meist aus verschiedenen Sparten besteht, also ein Mischkonzern ist. (aus Wiki).

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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