Spengler auf Deutsch 50: Trump fehlt Erfahrung, aber seinen Kritikern fehlt gesunder Menschenverstand

Das Original erschien am 9. August 2016 unter dem Titel “Trump lacks experience but his detractors lack common sense” in Asia Times.

Letztes Jahr kam ich zu früh zu einem Vortrag von General Michael Hayden, der die „National Security Agency“ und später die „Central Intelligence Agency“ in der George W. Bush-Regierung geleitet hatte. Hayden war schon da, und freute sich über ein Schwätzchen. Wir kamen auf Ägypten, und ich fragte Hayden, warum die Mehrheit der Republikaner die Muslimbruderschaft der Militärregierung von Präsident Al-Sisi vorgezogen habe. Dieser sei doch ein in Amerika ausgebildeter Soldat, der einen reformierten Islam, welcher Terrorismus ablehnt, fördert. „Wir haben es bedauert, dass (der Führer der Muslimbruderschaft Mohamed) Morsi im Juli 2013 gestürzt wurde“, erklärte Hayden. „Wir wollten sehen, was passiert, wenn die Muslimbruderschaft Verantwortung für die Müllabfuhr übernehmen muss“.

“General,” wandte ich ein, “als Morsi gestürzt wurde, verfügte Ägypten nur noch über Getreide für drei Wochen. Das Land war am Rande einer Hungersnot!”

“Ich schätze, das Experiment wäre hart für den durchschnittlichen Ägypter gewesen,” antwortete Hayden ohne eine Spur von Ironie. Wie Tommy Lee Jones es in „Man in Black“ ausdrückte: General Hayden kennt seinen eigenen Sinn für Humor nicht. Er wiederholte das gleiche Argument wörtlich einige Minuten später in seiner Rede: Es sei eine Schande, dass die Regierung der Muslimbruderschaft in Ägypten gestürzt worden ist, und zwar mit der Zustimmung der Majorität von Ägyptens erwachsener Bevölkerung, die auf die Straße ging, als das Land in den Ruin zusteuerte. Wie Senator John McCain, der „Weekly Standard“ und die Mehrheit des republikanischen außenpolitischen Establishments, glaubt Hayden, dass Amerika eine Art demokratischer Version des politischen Islam unterstützen soll. Es umarmte Morsis Muslimbruderschaft in Washington, hätschelte den türkischen Diktator Recep Tayyip Erdogan und bewaffnete „moderate Islamisten“ in Syrien als eine demokratische Alternative zu Assads Regime. Haydens Spezialgebiet war Elektronische Aufklärung und nach allem, was man hört, war er gut in seinem Job. Aber er hat keine Ahnung von Außenpolitik.

General Hayden war vielleicht der prominenteste Unterzeichner des “letter from fifty former national security officials” (Brief von 50 früheren nationalen Sicherheitsberatern), die in republikanischen Regierungen im Amt waren. Sie erklären, Donald Trump “fehlten der Charakter, die Werte und die Erfahrung”, die für einen Präsidenten nötig sind und, wenn gewählt “würde er eine Gefahr für die nationale Sicherheit und das Wohlergehen des Landes sein“.

Trump antwortete: „Die Namen auf diesem Brief sind diejenigen, an die das amerikanische Volk sich wenden sollte, wenn es fragt, warum in der Welt das Chaos herrscht, und wir danken Ihnen, hervorgetreten zu sein, so dass jeder im Land weiß, wer verantwortlich dafür ist, das die Welt so ein gefährlicher Ort ist“. Das ist völlig richtig. Er hätte hinzufügen können, dass sie unfähig sind, aus ihren Fehlern zu lernen, und verdammt sind, sie bei jeder Gelegenheit zu wiederholen.

Das republikanische Establishment glaubte voll Eifer an den Arabischen Frühling. Der Gründer des „Weekly Standard“, Bill Kristol, ging so weit, die diversen Rebellionen mit der Gründung der Vereinigten Staaten zu vergleichen. Es unterstützte die Sturz und die Ermordung des libyschen Diktators Muhammed Gaddafi, was ein unappetitliches aber stabiles Land in eine Petrischale für Terrorismus verwandelte. Es glaubte, dass eine Mehrheitsregierung im Irak zu einer stabilen, proamerikanischen Regierung führen werde, und das in einem Frankensteinmonster von Land, zusammengefügt aus Teilen des Leichnams des Osmanischen Reichs. Stattdessen bekam es ein sektirisches schiitisches Regime, verbündet mit dem Iran, und eine sunnitische Rebellion, die sich von Mesopotamien bis zum Libanon erstreckt und von ISIS und Al-Kaida geführt wird.

Trump ist vulgär, schlecht informiert und spricht nicht gut. Er hat keine außenpolitische Erfahrung und die verwirrende Neigung, dem russischen Präsidenten Putin unnötigen Kredit einzuräumen. Aber er hat eines, das den fünfzig früheren Beratern abgeht, nämlich gesunden Menschenverstand. Der ist es, dem er die Nominierung durch die Republikaner verdankt. Das amerikanische Volk hat wahrgenommen, dass das „Experiment“, von dem General Hayden so bewundernd sprach, nicht nur für den einfachen Ägypter, sondern auch für den einfachen Amerikaner eine Plage werden würde. Die Amerikaner sind bereit, für ihr Land zu kämpfen und zu sterben, aber sie wollen keine Opfer für soziale Experimente bringen, die ihnen von einer selbsternannten Elite aufgedrängt werden. Das ist der Grund, warum die einzigen zwei Kandidaten in den republikanischen Vorwahlen, die über die Anfangsphase hinauskamen, die Außenpolitik der Bush-Regierung ablehnten.

Sicher, gesunder Menschenverstand ist nicht genug. Trump kann nicht gleichzeitig mit Putin knutschen und den Hexenkessel im Nahen Osten vor sich hin kochen lassen ohne ernste Konsequenzen. Bret Stephens beklagte am 8. Aug. im “Wall Street Journal“, einige von Trumps lautesten Unterstützern würden ihre Ignoranz zur Tugend erheben. “Es gab eine Zeit, in der die konservative Bewegung von den Schülern von Bill Buckley, Irving Kristol und Bob Bartley geleitet wurde, Männer mit Ideen, die intellektuelle Ernsthaftigkeit in die republikanische Partei einbrachten“, schreibt Stephens. Ich kannte den verstorbenen Irving Kristol, der die meisten Mitglieder der ersten Reagan-Regierung ausgebildet und gefördert hatte, und auch Robert Bartley, den verstorbenen Herausgeber des „Wall Street Journal“ – brillante Intellektuelle, von denen ich viel gelernt habe, wovon ich allerdings einiges später wieder verlernen musste.

Aber das heutige republikanische Establishment wird nicht von den Schülern von Irving Kristol, sondern von seinen Epigonen geführt. Sein Sohn Bill Kristol hat nie einen einzigen Text von intellektueller Signifikanz publiziert; und dasselbe ist wahr vom John Podhoretz, Herausgeber des „Commentary Magazine“, Sohn des schätzenswerten Norman Podhoretz. In den 70iger Jahren bedeutete „neo-konservativ“ sein im Sinne von Irving Kristol und dem früheren Commentary-Herausgeber Norman Podhoretz, dass man die linken Ansichten seiner Jugend ablehnte und den Sprung ins Reagan-Lager machte. Die ursprünglichen Neokonservativen wussten, wie sehr sie in ihrer Jugend geirrt hatten, und lernten Politik mit vierzig von neuem. Anders als ihre Vorgänger haben die heutigen Neokonservativen nie einen selbstkritischen Moment erlebt. Die heutigen Hüter der heiligen Flamme des geheiligten Konservatismus sind in ihrem eigenen Mist groß geworden

Wir haben leider nur die Wahl zwischen einem ungebildeten Außenseiter mit gesundem Menschenverstand und einem Establishment, dessen politische Ideen so vorhersehbar sind, wie das Erscheinen eines Kaugummis aus der Maschine im Supermarkt, nachdem man einen Vierteldollar eingeworfen hat. Sie sind mittelmäßige Ideologen, unfähig aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, die an ihren Karrieren kleben, da sie unfähig zu ehrlicher Arbeit sind. Trump mag nicht viel wissen, aber er ist lernfähig. Das kann man von seinen Kritikern nicht sagen.

“Nicht nur hat der Kaiser keine Kleider an”, habe ich schon 2014 in einer Besprechung des brillianten Buches von Angelo Codevilla To Make and Keep Peace. (Frieden schaffen und erhalten) geschrieben. “Darüber hinaus hat das Reich keine Schneider”. Drei Regierungen von Bush-Vater und Sohn haben ein dumpfes Establishment von außenpolitischen Dummköpfen hervorgebracht. Man findet nicht viele prominente nationale Sicherheitsberater, welche den Unterzeichnern des Anti-Trump-Briefes opponieren, weil eine ganze Generation höherer Beamter aus dem gleichen Stall kommt. Amerika muss Außenpolitik von Neuem erlernen. Und für mein Geld ziehe ich den raubeinigen Außenseiter den rückfälligen Nieten vor.

 

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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