Spengler auf Deutsch 12: Das republikanische Establishment attackiert Cruz, um von seinen eigenen Dummheiten abzulenken

Das Original erschien unter dem Titel “The Republican Establishment Attacks Cruz to Cover Its Own Blunders” am 11. Dezember 2015 in PJMedia.

Seit die Details aus San Bernardino über das dschihadistische Bonnie-und-Clyde-Pärchen an die Presse durchsickern, ist die amerikanische Öffentlichkeit bestürzt, zu erfahren, dass das Killerpaar seit Jahren eine radikale Spur hinterlassen hat, einschließlich Verbindungen zu einem verurteilten Terroristen und einer zwei Jahre alten Online-Diskussion zwischen Syed Farook und Tashfeen Malik[1], die ihre dschihadistischen Sympathien zeigen. Ein Fehler der Nachrichtendienste hat amerikanisches Leben gekostet. Fairerweise muss man zu Gunsten der amerikanischen Dienste sagen, dass die 80 Milliarden Dollar, welche die USA jährlich für ihre Schlapphüte ausgeben, einen erneuten elften September kaum ausführbar erscheinen lassen. Gleichwohl kann die Ermordung von vierzehn Amerikanern auch in der öffentlichen Wahrnehmung nicht als unwichtig abqualifiziert werden.

Mehr Lauschangriffe durch die National Security Agency – ein Streitpunkt zwischen den Senatoren Cruz und Rubio – würden das Resultat nicht geändert haben. Unsere Verwundbarkeit gegenüber Terroristen hat ihre Ursache vielmehr in einem politischen Fehler großen Ausmaßes: dem Glauben, Demokratie in der muslimischen Welt würde sich aus der islamistischen Bewegung selbst entwickeln, beispielsweise aus der Muslimbruderschaft oder dem islamistischen Regime des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan. Das gesamte Establishment in Washington – Obama, McCain, der „Weekly Standard“, das „Wall Street Journal“ etc. – verlangten 2011 die Köpfe von Mubarak in Ägypten und Gaddafi in Libyen mit desaströsen Folgen. Als die Breitseite des „Wall Street Journal“ vom 2. Dezember Ted Cruz als republikanischen Obama darstellte, überging es Senator Cruz‘ Behauptung, der Sturz arabischer Diktatoren, die keine Bedrohung für uns waren, habe den Terroristen geholfen.

Die neokonservativen Versuche, ihre Aktionen im Nachhinein zu rechtfertigen, sind einfach dumm. „Unser Vorgehen beseitigte zumindest das Gaddafiregime, war aber ein politischer Fehlschlag, da die Preisgabe von Libyen nach Gaddafis Sturz die Entstehung dschihadistischer Gruppen ermöglichte, als das Land ins Chaos stürzte“, schreiben die Herausgeber des „Wall Street Journal“. Glauben sie wirklich, die amerikanische Öffentlichkeit hätte es akzeptiert, ein weiteres Land zu besetzen, das von Stammeskriegen zerrissen wird? Hätte, hätte, Fahrradkette. Irak war ein Erfolg, außer dass wir zu früh abzogen, Afghanistan auch, nehme ich an. Syrien wäre ein Erfolg gewesen, wenn wir nur den „moderaten Sunniten“ mehr geholfen hätten, die nur leider niemand finden kann.

In einem Artikel in Asia Times habe ich erläutert, dass unsere Unfähigkeit, zwischen Dschihadisten und Muslimen, die wirklich an den Frieden glauben, zu unterscheiden, das Resultat unserer Entscheidung ist, die falsche Partei in dem anhaltenden Krieg zwischen gewalttätigem und friedlichen Islam zu ergreifen, insbesondere in Ägypten. Leider traf dies für die Bushregierung in gleicher Weise wie für die Obamaregierung zu.

Ein Punkt in der Tirade des Wall Street Journal ist besonders abstoßend: Er beschuldigt Cruz, er argumentiere, dass die Kurden unsere Bodentruppen seien:

[Die Kurden] kämpfen gerade jetzt gegen ISIS, aber ihre Waffen sind weitgehend veraltet, da ISIS über amerikanische Waffen verfügt, die er im Irak erbeutete‘, sagte Herr Cruz. Auf die Frage, ob die Vereinigten Staaten Truppen entsenden sollten, antwortete der Senator: Wir haben Bodentruppen. Die Kurden sind unsere Bodentruppen.”

Die Kurden versuchen, ISIS zu bekämpfen, während die Türkei sie bombardiert und Truppen über die irakische und syrische Grenze schickt, um sie anzugreifen. Die Vereinigten Staaten haben Erdogan unterstützt, seit die Bushregierung ihn 2004 ins Boot holte, ihn nur gelegentlich zurechtgewiesen, wenn er etwas außergewöhnlich Abscheuliches tat. Alles was wir tun müssen, ist bekanntzumachen, dass wir einen kurdischen Staat unterstützen und den Kurden die Waffen liefern, die sie benötigen – einschließlich Flugabwehrraketen –; und sie werden ISIS in Nordsyrien und dem Irak den Garaus machen. Einer ist immer der Angeschmierte, wie Sam Spade zu Fatman[2] sagte, und der wäre eben die Türkei.

[1] Die beiden Attentäter des Terroranschlags von San Bernardino am 2. Dezember 2015.

[2] Romanfiguren aus Dashiell Hammetts „Der Malteser Falke“.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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