Spengler auf Deutsch 48: Abermals ist die Türkei der kranke Mann Europas

Das Original erschien am 15. Juli 2016 unter dem Titel „Turkey: The sick man of Europe – once again“ in Asia Times.

Der Ausgang des nächtlichen Putschversuchs in der Türkei bleibt unklar, aber Motive für einen Wechsel des Regimes in der Türkei haben sich unter der Oberfläche seit Jahren angestaut. Die Türkei sieht sich einem wahren Sturm wirtschaftlicher, politischer und außenpolitischer Probleme gegenüber.

Erstens: Der vielgerühmte wirtschaftliche Aufschwung der 2000er ist an sein Ende gelangt. Der Erdogan-Boom, der Vorhersagen inspirierte, die Türkei werde sich als ein neues China erweisen, ähnelt weniger dem asiatischen Model als vielmehr der lateinamerikanischen Kreditblase der 1980iger oder der amerikanischen Subprime-Blase der 2000er. Bereits am 25. April habe ich ausgeführt:

Die türkische Wirtschaft scheint den Gesetzen der Schwerkraft zu widersprechen: Mit einem jährlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 5,7 % ist sie unter den aufstrebenden Märkten diejenige, welche sich unter den angespannten weltwirtschaftlichen Bedingungen am besten hält. Aber das liegt am Wachstum des Inlandsverbrauchs. Die türkischen Exporte stagnieren, trotz einer scharfen Abwertung der Landeswährung. Und der Inlandsverbrauch ist abhängig von dem Zufluss von hochverzinslichen Konsumentenkrediten.

Angaben der türkischen Zentralbank zufolge, ist die Konsumentenverschuldung in der Türkei jetzt fast gleich mit dem Privateinkommen, während sie in den Vereinigten Staaten nur 20 % beträgt. Der durchschnittliche Zinssatz für Konsumentenkredite liegt gemäß dem Bericht der Zentralbank knapp unter 17 %.

Konsumentenkredite/Privateinkommen:

debtincomeusturkey

Das heißt, Türken wenden etwa 14 % ihres Privateinkommens für Schuldendienst auf, während von zehn Jahren diese Quote nur 5 % betrug (zum Vergleich: In Amerika macht der Schuldendienst nur 10 % des verfügbaren Einkommens aus, das zudem geringer als das Privateinkommen ist. 2007 dagegen, vor dem Krach, betrug die Rate 14 %).

Türkei: Schuldendienst für Konsumentenkredite/Privateinkommen

Der Kollaps des Ölpreises hat die Kosten für türkische Importe reduziert, die Jahr für Jahr um 8 % gefallen waren. Das hätte zu einem Rückgang der Auslandsverschuldung führen sollen. Stattdessen hat die Auslandsverschuldung – gemäß der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – während des letzten Jahres um mehr als 20 % zugenommen. Es ist schwierig, diese Daten der BIZ (die sehr genau sein dürften) über die Auslandsverschuldung in den Angaben der Türkischen Zentralbank wiederzufinden.

Türkische Banken finanzieren ihre Bilanzen auf dem globalen Kapitalmarkt, was die Ratingagentur Moody’s für riskant hält. In einem Bericht vom 9. April hat Moody’s gewarnt: “Die Abhängigkeit des türkischen Banksektors von auswärtigen Kapitalmärkten könnte zu höheren Finanzierungskosten führen, da das Vertrauen der internationalen Investoren geringer wird. Zudem sehen sich die Banken durch langsameres wirtschaftliches Wachstum herausgefordert, wie auch durch die zunehmende Dollarisierung von Verbindlichkeiten und volatile Stimmungen in Bezug auf aufstrebende Märkte. All das führt für das Banksystem zu negativen Aussichten.”

Moody’s mag sich um das falsche Problem gekümmert haben. Zu viele Länder sind an der türkischen Stabilität interessiert, um eine Bankenkrise zuzulassen. Anscheinend haben die Golfstaaten die Türkei 2013-2014 finanziert, als das Land ein enormes Leistungsbilanzdefizit hatte. Die Europäer werden vorerst damit fortfahren, die Türkei zu finanzieren. Bankbilanzen sind fragil, aber es gibt politische Gründe, die Banken liquide zu halten. Die türkischen Konsumenten haben ein anderes Problem: Der Schuldendienst verzehrt so viel von ihrem Einkommen, dass sie ihr aktuelles Konsumniveau nicht mehr lange halten können.

Die türkische Finanzblase wird schließlich platzen, trotz aller Anstrengungen der Geldgeber, das Problem zu hinauszuzögern. In der Zwischenzeit führt die Unterstützung Ankaras zu kontinuierlicher Instabilität in der Region, mehr humanitären Krisen und mehr Flüchtlingen.

Zweitens: Der innere Zusammenhalt der Türkei ist bedroht durch das rapide Anwachsen ihrer kurdisch sprechenden Minderheit und dem relativen Niedergang der ethnisch-türkischen Bevölkerung. Schon am 31 Mai habe ich ein einer Besprechung der letzten demographischen Daten der Türkei argumentiert, dass die Türkei nicht hoffen kann, ihre gegenwärtigen Grenzen noch lange zu bewahren:

Eine Übersicht über die kürzlich veröffentlichten Bevölkerungsdaten zeigt, dass die demographische Schere zwischen Kurden und Türken sich ausweitet. Trotz Erdogans Aufrufen, die türkische Fruchtbarkeit zu steigern, geht die Geburtenrate in mehrheitlich türkischen Provinzen kontinuierlich zurück, während die Kurden eine der höchsten Geburtenraten der Welt haben. Schlimmer noch: die Eheschließungsrate des Landes ist außerhalb des kurdischen Südostens kollabiert, was für die Zukunft weiter absinkende Geburtenzahlen verheißt.

Turkstat, der offiziellen Statistikagentur, zufolge, befinden sich die türkischen Provinzen mit der niedrigsten Geburtenrate sämtlich in Norden und Nordwesten des Landes, wo Frauen durchschnittlich nur 1,5 Kinder haben. Die südöstlichen Provinzen weisen dagegen Geburtenraten zwischen 3,2 und 4,2 Kindern pro Frau auf.

Türkische Provinzen mit höchster und niedrigster Geburtenrate:

Turkish Fertility, Highest and Lowest Provinces

Noch alarmierender ist die Statistik der Eheschließungen, wie sie von Turkstat mitgeteilt wird. Zwischen 2001 und 2015 ist die Zahl der Eheschließungen in Istanbul, der größten Stadt des Landes, um mehr als 30 % gefallen, und um mehr als 40 % in der Hauptstadt Ankara. Die meisten der nördlichen und nordwestlichen Provinzen berichten über einen Rückgang der Eheschließungen um mehr als die Hälfte. Nicht nur weigern sich türkische Frauen, Kinder zu bekommen, sie weigern sich auch, eine Ehe einzugehen. Der Einbruch der Eheschließungsrate unter ethnischen Türken macht einen weiteren scharfen Rückgang der Geburtenrate unvermeidlich.

Marriages by Province (% Change 2001-2015)

Wie ich 2011 in meinem Buch “Why Civilizations Die and Why Islam is Dying, Too“ (Warum Zivilisationen untergehen und Warum der Islam ebenfalls untergeht) dargelegt habe, springen muslimische Länder, die einen hohen Grad an alphabetisierten Erwachsenen aufweisen, von der Kindheit ins Greisenalter, ohne das Erwachsenenalter durchlebt zu haben. Wie ihre iranischen, algerischen und tunesischen Gegenstücke verweigern sich türkische Frauen den Einschränkungen, welche das muslimische Familienleben mit sich bringt, sobald sie eine weiterführende Bildung erlangen können. Der Schock vom plötzlichen Übergang von der traditionellen Gesellschaft in die moderne Welt hat die am schnellsten fallenden Geburtenraten in der muslimischen Welt hervorgebracht.

Der Iran, dessen Geburtenrate von 7 Kindern pro Frau im Jahre 1979 auf weniger als 1,8 heute gefallen ist, hat die am schnellsten alternde Bevölkerung aller Länder dieser Welt. Die Türkei hat eine durchschnittliche Geburtenrate von 2,18, reproduziert sich also gerade selbst, aber die Spaltung zwischen ethnischen Türken und ethnischen Kurden wird die gegenwärtige geographische Konfiguration unhaltbar machen.

Die demographische Problematik hat Erdogan in einen politischen Sumpf gezogen, aus dem er sich vielleicht nicht mehr wird befreien können. Er gewann die Präsidentschaftswahl des letzten Jahres, indem er das Nationalgefühl gegen die kurdische Minderheit anheizte, seither führt er einen Bürgerkrieg auf niedrigem Niveau gegen die Kurden im Südosten des Landes. Der Vorsitzende der kurdischen demokratischen Volkspartei warnte bereits im letzten März, dass Erdogan die Türkei an die Schwelle eines völkischen Krieges geführt habe.

Um die syrischen Kurden daran zu hindern, die nördliche Grenze ihres Landes zu kontrollieren und sich mit ihren irakischen Landsleuten zu vereinen, hat Erdogan verdeckt sunnitische Terroristen, einschließlich ISIS, unterstützt, wie Michael Rubin letzten März in Newsweek dargelegt hat. Erdogans heimliche Allianz mit ISIS explodierte der Türkei förmlich ins Gesicht, als Selbstmordattentäter des ISIS am 29. Juni am Flughafen von Istanbul 42 Personen töteten und Hunderte verletzten.

Seit dem Kollaps des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung eines modernen Staates hat sich die türkische Armee als Garant des säkularen Charakters des Staates gesehen. Der Islamist Erdogan hat versucht, das zu ändern, indem er 2012 Hunderte von Offizieren unter dem Vorwand, sie hätten sich verschworen, einsperrte. Die meisten wurden 2014 entlassen. Erdogan verfehlte Außenpolitik machte ihn abhängig von der türkischen Armee, die ihren Einfluß in diesem Jahr unterstrich. Erdogan nennt sich selbst stolz einen „schwarzen Türken“, das heißt einen frommen Muslim aus dem anatolischen Hinterland, im Gegensatz zu den „weißen Türken“, der europäisierten und säkularen Partei, die unter Kemal Atatürk an die Macht kam und das Land bis in die 2000er regierte.

Die politische Krise der Türkei hat ihre Wurzel in wirtschaftlicher Schwäche, demographischem Ungleichgewicht sowie konfessionellen, sozialen und ethnischen Brüchen. Was auch immer bei diesem Staatsstreich herauskommen mag, es wird sehr viel mehr Wandel brauchen, um den kranken Mann Europas zu kurieren.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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