Spengler auf Deutsch 11: Ewige Jugend und lebendiger Tod

Dieser Artikel erschien zuerst unter dem Titel „Eternal youth and living death“ in der “Claremont Review of Books” am 4. Dezember 2015 und dann in „Asia Times“ am 9. Dezember 2015.

Die Popkultur hat so etwas noch nie gesehen. „Nie da gewesene Ratings, eine beispiellose Fan-Gemeinschaft und Veranstaltungen, wie keine andere Show sie je hervorgerufen hat“, schwärmte Troy Smith in „Cleveland.com“ am 13. Oktober. „In der Nacht vom letzten Freitag zog ‚The Walking Dead‘ (‚Die wandelnden Toten‘) mehr als 13.000 zombieverrückte Fans zum Madison Square Garden in New York City zu einer besonderen Premiere von Staffel 6“. Ein solcher Grad von Enthusiasmus für ein Genre, das man vor einer Generation höchstens in B-Filmen traktiert hat, ist eine der merkwürdigsten und aufschlussreichsten Züge der amerikanischen Popkultur.

In den 1930ern, als “Universal Studios” seine klassischen Monsterfilme herausbrachte, war einer von 300 Filmen ein Horrorfilm. Monster waren damals anders: exotische Importe, Spaßbremsen, die einfach nicht dazugehörten. Wir Menschen fanden immer ihre versteckten Schwächen, dann trieben wir einen Pfahl in ihr Herz. Jedoch, gegen Ende des Vietnamkrieges, begannen die Monster erstmals zu gewinnen. In „Rosemaries Baby“ zeugte Satan erfolgreich einen Erben und in „Das Omen“ radierte des Teufels Kind die Konkurrenz aus.

Aus dem Horrorgenre, also Filmen mit einem ausdrücklich übernatürlichen Element, kam vor zehn Jahren kaum eines von 25 Produkten der Filmindustrie. 2013 ist dieses Verhältnis auf eins von acht angestiegen. Horrorfilme berühren eine Reihe wunder Punkte in der amerikanischen Psyche. Vampire verkörpern eine perverse Erotik, was Anne Rice geschmackloserweise explizit gemacht hat. Satanische Weltuntergangsgeschichten thematisieren eine allgemeinere Angst. Frankensteins Monster und seine Nacheiferer sprechen unsere Angst vor der Technik an. Intelligente Drehbücher und hochentwickelte Schauspielkunst haben gelegentlich ihren Weg zu diesen Themen gefunden.

Am merkwürdigsten aber an diesem Horrorboom ist die Popularität von Zombies. Von allen Hollywoodmonstern waren Zombies die letzten, die den Durchbruch schafften. Beginnend 1932 mit „White Zombie“, einem kleinen Bela Lugosi-Film, traten Zombies in gerade sechs Filmen während der 1930er auf, acht während der 1940er, dreizehn in den 1950ern, und vierzehn zwischen 1960 und 1968. Zombies füllten eine winzige Nische innerhalb einer Nische, als Horror selbst noch ein exotisches Genre war.

1968 war das Jahr der Tet-Offensive, der Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy und der weltweiten Studentenunruhen. Es ist auch das Jahr in dem „Die Nacht der lebenden Toten“ erstmals Zombies aus einem karibischen Schauplatz in das amerikanische Herzland verpflanzten. Wir haben seither nahezu 2.600 Zombiefilme gesehen – 500 mehr als Vampirfilme, und nahezu 1000 mehr als Cowboyfilme. Wenn der Cowboy sinnbildlich für das Amerika in der Zeit von Frederick Jackson Turner[1] war, so legen die Zahlen nahe, dass heute Zombies ebenso repräsentativ sind.

Das ist umso merkwürdiger, als Zombies höchst langweilig sind. Monster können unser Interesse aus einer Reihe von Gründen fesseln – warum aber bevorzugen wir unter all den Monstern ausgerechnet Zombies? „Gespräch mit einem Vampir“ war ein Beststeller. „Gespräch mit einem Zombie“ wäre ein Sketch für „Saturday Night Live“ (eine amerikanische Comedy-Show). Was auch immer man von dem Vampir-Subgenre halten mag, es bietet doch Möglichkeiten für Charakterdarsteller. Werwölfe sind tragisch und erregen – außer bei Vollmond – unsere Sympathie. Jack Nicholson und Anthony Hopkins spielten Lykanthrophen, während Klaus Kinski und Gary Oldman Dracula porträtierten. Aber wie viele Filmstars haben Zombies dargestellt, die weder sprechen, noch Persönlichkeit haben? (Gelegentliche Ausnahmen, wie der feinfühlige und das Fleisch von Teenagern essende Zombie R in „Warm Bodies“ aus dem Jahre 2013 bestätigen die Regel. Hollywood hat lediglich die Genres gemischt).

Abgesehen von Zombiefilmen wiederholen lediglich Pornos unablässig denselben Plot, erfordern kein darstellerisches Geschick und werden obsessionell von einem Massenpublikum gesehen. Die Handlung ist irrelevant, die Dialoge sind witzlos. Die Faszination liegt in dem Bild, nicht in den Charakteren oder dem Erzählbogen. Der Akt fesselt des Zuschauers Aufmerksamkeit und bietet anhaltende Faszination, wenn ein Schauspieler nach dem anderen ihn vollzieht.

Menschen sehen sich nicht ein und dieselbe Handlung wieder und wieder an, wenn sie nicht ein inneres Bedürfnis anspricht. Pornos dienen nicht zur sexuellen Stimulation. Im Gegenteil, anhaltender Pornokonsum untergräbt die Fähigkeit, Genuss zu empfinden. Aber die voyeuristische Obsession nach fruchtbarem jungem Fleisch nährt unseren inneren Drang, unsere physische Existenz zu regenerieren, insbesondere, wenn wir uns dem Verfalldatum nähern.

* * *

Zombiefilme – Todespornos – sind das Gegenstück zum Kult der ewigen Jugend, die eine Art lebender Tod ist. Wir mögen das Sein zum Tode durch das Sein durch Botox ersetzt haben, aber wir können uns nicht immer anlügen. Jetzt, da wir spirituell statt religiös geworden sind, begegnen wir dem Schrecken und dem Horror des Todes nicht mehr in der Kirche. Aber Schrecken und Horror sind geblieben und in die Volkskultur eingebrochen. Wir sind vom Tod ebenso besessen wie unsere mittelalterlichen Vorfahren. Somerset Maughams Novelle „Begegnung in Samarra“ kommt einem in den Sinn: Wir sind aus den Kirchen geflohen, um nicht mehr an den Tod zu denken, während der Tod im Kino auf uns wartet.

Die Invasion der Zombies zeigt, was für einen Schund uns die Psychoanalytiker verkaufen, die falschen Propheten einer Ersatzreligion. Um offenbarte Religion, die dem Menschen eine Antwort auf seine Sterblichkeit gibt, zu ersetzen, lenken sie unsere Aufmerksamkeit ab. „Der eigene Tod ist ja auch unvorstellbar, und sooft wir den Versuch dazu machen, können wir bemerken, daß wir eigentlich als Zuschauer weiter dabeibleiben,“ schrieb Freud. „So konnte in der psychoanalytischen Schule der Ausspruch gewagt werden: im Grunde glaube niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe ist: im Unbewußten sei jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt“.

Mit anderen Worten: Wir denken nur, wir fürchten den Tod, während wir tatsächlich Verlassenwerden, Kastration und allerlei ungelöste Konflikte fürchten. Das ist Humbug. Wir können uns nicht selbst als tot vorstellen, da wir es sind, die sich das vorstellen, aber uns selbst können wir uns als verrottende Kadaver ohne Sinn und Zweck vorstellen – mit einem Wort, als Zombies. Wir sind besessen von der Angst vor dem Tod, aber wir sind abgeschnitten von den traditionellen Mitteln, diese Angst zu lindern. Stattdessen sehen wir Todespornos.

Es war Michael Jackson, der unter den prominenten Amerikanern einem Zombie am nächsten kam. Sein Gesicht begann nach zu vielen kosmetischen Operationen zu zerfallen. Sein 1983 erschienenes Zombievideo „Thriller“ lieferte das definitive Bild vom Amerika des späten 20sten Jahrhunderts: Peter Pan als Zombie, die ewige Jugend als wandelnde Leiche. Das dreißig Jahre alte Video hält seinen Platz in der Volkskultur, wie Nancy Griffin 2010 in „Vanity Fair“ schrieb:

Thriller gedeiht bei YouTube, wo man, neben dem Original, Thriller-Tanztutorien und Wiederaufführungen durch Bollywood-Schauspieler und Bar Mitzvah-Zelebranten findet. In Großstädten überall in der Welt ist dieser Tanz ein jährliches Stammesritual geworden, wo Initiierte mit Leichen-Makeup massenhaft Michaels Filme nachäffen. Der aktuelle Rekord für die zahlreichste Teilnahme am Tanz der Untoten liegt bei 12.937, gehalten von Mexico City. Ein 41 Millionen Mal angeklicktes YouTube-Video zeigt über 1.500 Häftlinge in einem philippinischen Gefängnishof diese flippige Beinarbeit ausführen. Sie ist Teil eines Rehabilitationsprogramms, dazu bestimmt, Abschaum in menschliche Wesen zu verwandeln; das Gefängnis in der Stadt Cebu ist eine T-Shirt verkaufende Touristenattraktion geworden“.

Mehr als jede andere Figur der Popkultur des letzten Jahrhunderts verkörperte Jackson den brennenden Wunsch seiner Generation, nie erwachsen zu werden. Oscar Wildes Dorian Gray hatte ein Portrait, das seinen inneren Verfall enthüllte. Michael Jackson hatte eine Nase, die sich verengte, schrumpfte, verkümmerte und schließlich in sich zusammenfiel, ein vollendetes Spiegelbild des Zeitgeistes. Mit seiner Selbstverschandelung und letztendlichen Selbstzerstörung kämpfte und starb dieser entrückte Kind-Mann im Dienst der verrückten Phantasie ewiger Jugend. Gegen Ende seines Lebens konnte nur noch der simulierte Tod durch Betäubung diese Angst kontrollieren, und die Einnahme von Propofol, die der Entspannung diente, verursachte seinen wirklichen Tod. Jacksons Bild lebt fort durch Personifikationen im “Cirque du Soleil” und auf anderen Bühnen, als der wichtigste Heilige und Märtyrer einer Generation, die sich als spirituell und nicht religiös versteht.

Jacksons Dysmorphophobie und Pädophilie ruinierten seine Karriere nicht, weil das Publikum sie weniger als pathologisch, denn als spirituell und ästhetisch ansah. Er bewunderte die Kinder, die er gern sein wollte. Jackson wird nicht trotz, sondern wegen der Fehler seines Charakters geliebt. “Ich bin nicht wie andere Jungen,” warnt Jackson zu Beginn von “Thriller”, bevor er zu einem Zombie mutiert. In diesem katharischen Augenblick erkennen wir, dass das bewundernswerte Kind, das Jackson einst war, sich in das abstoßende Bild der Verwesung verwandeln wird. Früher als seine Mitbürger umarmte Jackson seinen inneren Zombie. Als Figur der Öffentlichkeit nahm er die Erbsünde der Welt auf seine schwachen Schultern – d. h. die Erbsünde, so wie unsere Generation sie versteht, das Älterwerden.

* * *

Wir bestimmen unser Leben dadurch, wie wir unseren Tod sehen. In der christlichen Vergangenheit, war das irdische Leben für die meisten Menschen eine Vorbereitung auf das ewige Leben, wie es die Religion verhieß. Dagegen streben wir im heutigen Amerika danach, unser irdisches Leben zu verewigen. Sicher, Amerikaner glauben nicht in der Weise an wandelnde Tote wie sie an die Auferstehung der Toten glaubten. In einer Umfrage von „YouGov“ antworteten nur 14 % der Befragten, dass eine Zombie-Apokalypse wahrscheinlich wäre (obwohl 43 % sagten, dass Vampire in einem Krieg Zombies besiegen würden). Aber die menschliche Natur bleibt unverändert und unsere Faszination über Zombies stammt aus demselben universellen Bedürfnis, das unsere Vorfahren mit Religion befriedigten.

Die Zombiepest ist ein Teil der großen Umgestaltung der Kultur, die in den 1960igern begann und die uns zu Sklaven einer Idee machte: Freiheit für Selbstentdeckung, Selbstdefinition, Selbsterfindung und Neuerfindung – künstlerisch, spirituell oder gar sexuell – ist das höchste gesellschaftliche Gut, und die tote Hand der Tradition das größte gesellschaftliche Böse. Abgesehen von einigen Widerstandsnestern hat Amerika seit zwei Generationen danach gestrebt, mit der Vergangenheit zu brechen und die Verantwortung für die Zukunft abzuwerfen. Die vorherrschende amerikanische Kultur beseitigt exakt diejenigen Aspekte unseres Lebens, die Kontinuität über die kurze Spanne unserer sterblichen Existenz hinaus bieten. Aber sterblich zu sein ohne Rückgriff auf die Vergangenheit oder Zugriff auf die Zukunft ist der lebendige Tod. Es hat seinen Grund, dass jedes Geisterhaus in Horrorfilmen – von “Shining” bis zu “Poltergeist” – auf einem indianischen Friedhof gebaut zu sein scheint. Kulturen, die es nicht bis zur Moderne geschafft haben, haben eine spezielle Faszination einfach deshalb, weil sie erloschen sind. Für die letzten Überlebenden einer sterbenden Kultur ist die Erkenntnis, dass niemand mehr überbleiben wird, ihre Sprache zu sprechen, eine Art lebender Tod, der letzte Sprecher einer erloschenen Sprache in einem Grab der Stille. Indem wir dem modernen Ideal nachleben – die Brücken der Tradition verbrennen und unsere eigene Identität schaffen – ähneln wir diesem trostlosen letzten Sprecher. Die Vergangenheit wird zu verbrannter Erde hinter uns, während unsere neu gemünzte Identität in der nächsten Welle von Selbsterfindung verschwinden wird. Die Geister toter Kulturen ängstigen uns, weil wir fürchten, bald zu ihnen zu gehören.

Die klassischen Horrorfilme der 30er erforderten europäische Schauspieler und exotische Schauplätze – Mitteleuropa für Vampire, Haiti für Zombies. Monster gehörten zur alten Welt, oder vielleicht zur vormodernen Welt, aber nicht zu Amerika. Nachdem Hollywood dasselbe Material zwanzig Jahre lang recycelt hatte, trieb es 1948 einen Pfahl durch das Herz des Genres, indem es Abbott und Costello in „Abbot und Costello treffen Frankenstein“ als Wolfsmensch und Frankenstein neben Dracula auftreten ließ.

Über Monster zu lachen, wie es Mel Brooks 1974 meisterhaft in „Frankenstein Junior“ tat, war typisch amerikanisch. Die Albträume gemarterter Europäer wurden als gespielte Witze für amerikanische Jugendliche eingebürgert. Aber Monster hatten in der Alten Welt eine andere Bedeutung gehabt. Wie Heinrich Heine beobachtet hat, waren die Hexen, Kobolde und Poltergeister der deutschen Volksmärchen Überbleibsel des germanischen Heidentums, das mit dem Aufkommen des Christentums in den Untergrund gedrängt worden war. Abgeschnitten von ihren heidnischen Wurzeln und verpflanzt nach Amerika wurden sie komisch, statt furchterregend. Amerika, das Land der Neuanfänge und Happyends, war kein Platz für solche Schrecken. Sich über ausländische Monster lustig zu machen, passte in die Stimmung der Nation nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Parodie von Abbott und Costello drückte den gesunden amerikanischen Wunsch aus, den Obsessionen der Alten Welt den Rücken zuzukehren. So zu handeln, befreite uns freilich nicht von anderen, gleichermaßen korrumpierenden Obsessionen.

Der Ersatz von Religion durch „Spiritualität“ und von Familienleben durch nazistische Sexualität hat erschreckende Konsequenzen. Das jugendliche Fleisch, vollgesogen mit Hormonen, wird – wie wir wissen – mit dem Alter verwelken und schließlich verrotten. Der Sex erinnert uns, wenn der Augenblick der Lust vorbei ist, dass wir dem Tod wieder einen Schritt näher gerückt sind, aber er kann auch ein Paar zusammenhalten, das hofft, sein Leben durch das seiner Kinder zu verlängern. Linke verabscheuen die traditionelle Familie, die Mütter und Großmütter ehrt, deren Jugend vorbei ist, als einen Ort der Heuchelei und Unterdrückung. Die sexuelle Revolution der 1960er verwandelte Frauen von zukünftigen Ehefrauen in sexuelle Gebrauchsgegenstände, stellte sie vor die Wahl, ihre Jugend so lange wie möglich zu verlängern oder zum alten Eisen geworfen zu werden.

* * *

Kein Wunder, dass so viele amerikanische Frauen ihre Körper verabscheuen. Gemäß der „National Eating Disorders Association” (Nationale Vereinigung gegen Essstörungen) bedrohen Magersucht und Bulimie das Leben von zehn Millionen amerikanischer Frauen. „Psychology Today“ (Psychologie Heute) berichtet über diese Essstörungen, dass „40 % der Frauen zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer akademischen Karriere von ihnen befallen werden“. Mehr als ein Drittel der amerikanischen Frauen ist fettleibig. Wir leben unter Horden weiblicher Zombies – magersüchtige Zombies an der Manhatten Upper East Side, krankhaft fettleibige Zombies in Des Moines, kosmetisch operierte Zombies in Südkalifornien und von Prozac (ein Antidepressivum) abhängige Zombies von Küste zu Küste. Die sexuelle Revolution hat eine beängstigende Zahl amerikanischer Frauen in wandelnde Leichen verwandelt, Opfer eines verfehlten sozialen Experiments.

Wir wissen, dass das Objekt unseres Nazismus jeden Tag etwas hässlicher aussehen wird, gleichgültig, wieviel Botox wir spritzen. Je älter wir werden, desto härter kämpfen wir, jung zu bleiben, und desto weniger überzeugend finden wir unsere Anstrengungen. Der alternde Metrosexuelle auf seinem Weg zum plastischen Chirurgen weiß, dass er bald ein ausrangierter Greis sein wird, Gegenstand derselben Verachtung, mit der er selbst die letzte Generation betrachtet.

Wenn wir dem Leben unserer Vorfahren keine Bedeutung beilegen, werden wir uns kaum die Mühe machen, Kinder in die Welt zu setzen, die uns schließlich ebenso verachten werden, wie wir unsere Eltern. Demographen aller ideologischen Richtungen stimmen überein, dass gläubige Menschen dazu tendieren, Kinder zu haben, ungläubige nicht. „Das schwächste Glied im säkularen Verständnis der menschlichen Natur besteht darin,“ schreibt Eric Kaufmann, Professor für Politikwissenschaft am Birkbeck College der Universität von London, „dass es das mächtige Begehren des Menschen nicht berücksichtigt, Unsterblichkeit für sich selbst und die von ihm Geliebten zu erlangen.“

Biblische Religion stellte sich ein Leben nach dem Tod vor. Die säkulare Moderne gibt uns den Tod im Leben. Das erklärt, warum Zombies vor unseren Augen verrotten müssen. Es reicht nicht, dass sie einfach tot sind. Sie müssen auch ihr verfaulendes Fleisch zur Schau stellen. Zombies sind nicht nur dumm und langweilig, sondern auch abstoßend, ein weiteres Hindernis für ihre cineastische Präsentation. Die ersten Zombiefilme zeigten haitianische Zombies, deren Körper lebendig waren, um ihren Herrn zu dienen. Armeen von wandelnden Körpern in abstoßendem Zustand der Verwesung erschienen nicht vor den 1960ern.

Warum ist verrottendes Fleisch so wichtig für Zombies? Erwägen Sie den umgekehrten Fall: das jüdische und christliche Bild des ewigen Lebens. Gemäß den Harvard-Professoren Kevin J. Madigan und Jon D. Levenson war:

„Der Tempel in Jerusalem (war) die physische Manifestation von Gottes Verheißung in dieser Welt, ein paradiesartiger Platz, wo Gott, in all seiner Reinheit und Heiligkeit, nichtsdestoweniger auf Erden erreichbar und sein Segen überreich ist. Er ist der Antipode zum Grab, eine Quelle des Lebens (Psalm 36,9). Im alten Israel war die gesamte männliche Bevölkerung aufgefordert, sich anlässlich der drei jährlichen Pilgerfeste am Tempel zu versammeln. Dort sang sie (Psalm 115): Die Toten werden dich, Herr, nicht loben, noch die hinunterfahren in die Stille, sondern wir loben den Herrn von nun an bis in Ewigkeit.

Jede Assoziation mit dem Tod war verbannt von dieser Wohnstätte der göttlichen Gegenwart und Quelle des ewigen Lebens. Kein Mitglied der Kaste erblicher Priester, der „Kohanim“, durfte an einem Tempelopfer teilnehmen, wenn er in Kontakt mit einer Leiche gekommen war; selbst die Nähe zu den Toten war ihm verboten. Da nichts, was an physischen Verfall erinnerte einen Platz im Tempeldienst hatte, durfte kein Priester mit einem physischen Defekt im Tempel amtieren, noch ein Tier mit einem Fehler oder Mangel geopfert werden. Der Tempeldienst, die “Quelle des Lebens” schloss jeden Kontakt mit dem Tod oder auch nur dem Anschein physischen Verfalls aus. Aus demselben Grund sehen katholische und orthodoxe Christen in der Abwesenheit körperlichen Verfalls einen speziellen Beweis von Heiligkeit.

Der biblische Symbolismus des Tempels – die irdische Verkörperung der göttlichen Verheißung ewigen Lebens für Israel – ist der Antipode des wandelnden Todes. Die vom Tode gezeichnete Erscheinung einer Zombieherde übermittelt das Konzept des kollektiven Todes ebenso anschaulich, wie die Kohanim das kollektive Leben des alten Israels verkörperten.

Wie altertümlich, wie abergläubig erscheinen diese alten Vorstellungen vom ewigen Leben der modernen säkularen Welt, und wie fremdartig und primitiv die Rituale, welche die Überzeugung des Psalmisten aufrechterhielten, dass Gott seine Diener nicht im Grab verlassen würde. Die Moderne lehrt uns, dass nichts im Universum sich darum schert, ob wir existieren oder nicht. Wenn es um den Sinn unseres Lebens geht, sind wir auf uns allein gestellt. Wir sind gefesselt von denselben Bildern, aber im entgegengesetzten Sinn: der wandelnde Tod an Stelle des Verstorbenen, der die Auferstehung erwartet, verwesende Körper statt gesunder Priester und unversehrter Heiliger, die Zombieherde statt der fröhlichen Pilgerreise des Gottesvolks zu den heiligen Höfen des Tempels.

[1] Amerikanischer Historiker, 1861-1932, gilt als Verfechter des amerikanischen Exzeptionalismus.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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