Spengler auf Deutsch 34: Die 30 Prozent-Lösung – wenn endlose Kriege enden

Der Originalaufsatz erschien am 13. März 2016 unter dem Titel „The 30% solution – when war without end ends“ in Aisa Times.

Während des Kalten Krieges dominierte die Annahme, dass Nationen rationale Akteure seien, die Forschungen über Außenpolitik. Mit guten Grund: Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verfolgten ihre Rivalität mit rationalen Mitteln. Mathematische Simulationen konnten als Basis für Szenarien für Konfliktmanagement dienen. Heute aber, mit dem Aufkommen des militanten Islam als größter und wohl wichtigster strategischer Bedrohung für die Vereinigten Staaten, wird diese alte Grundannahme in Frage gestellt. Wo diese Annahme die Oberhand behält, wie bei dem Versuch, den Iran in die strategische Architektur von Westasien einzubeziehen, ist sie höchst umstritten.

Die Planer des Kalten Krieges profitierten von einer Vielzahl akademischer Studien und einem Konsens, der die Mehrzahl der Praktiker einschloss. Dagegen sind heute akademische Studien, welche das voraussichtliche Verhalten von Akteuren mit begrenzter Rationalität erforschen, eine Seltenheit[1]. Politiker sind gezwungen, sich aufs Raten zu verlegen, wenn es um praktische Fragen geht, ob man beispielsweise „moderate“ gegen weniger moderate Islamisten unterstützen soll. Die öffentliche Debatte über solch drängende Fragen ist weitgehend von ideologischer Rhetorik gefärbt.

Irrationale Impulse im Kontext der realen Weltpolitik zu analysieren, ist ein inhärent widersprüchliches Unterfangen. Paranoide Schizophrene mögen mit großer Rationalität im Dienste einer irrationalen Wahnvorstellung handeln. Zwischen irrationalen Impulsen und den rationalen Mitteln, die in seinen Diensten stehen, unterscheiden zu wollen, erfordert ein höchst subjektives Urteil. Wenn dann noch ein irrationaler Impuls mit irrationaler Führung kombiniert wird (wie beispielsweise Adolf Hitlers persönliche Führung des Krieges an der Ostfront), wird eine noch höhere Stufe der Komplexität erreicht. Ich habe dargelegt, dass Franz Rosenzweigs existentialistische Soziologie der Religion unverzichtbare Einblicke in dieses Phänomen gewährt[2].

Gleichwohl haben die außenpolitischen Fehlschläge der Vereinigten Staaten und ihrer Koalitionspartner in Afghanistan, im Irak, Libyen, Syrien und anderswo während der vergangenen fünfzehn Jahre gezeigt, dass Rationalität überbewertet wird. Wir beobachten auf Seiten der Kriegführenden ein Verhalten, das selbstmörderisch erscheint. Einige historische Beispiele mögen hilfreich sein. In vielen der großen Konflikte der Vergangenheit finden wir irrationale Elemente, einschließlich offensichtlich selbstmörderischer Akte, die Einsicht in die Art von Konflikten gewähren, die sich während der letzten zwei Jahrzehnte entwickelt haben und die wahrscheinlich für den Rest des gegenwärtigen Jahrhunderts anhalten werden. Ein neuer Blick auf die großen Konflikte der Vergangenheit kann als Korrektiv gegen unsere Voreingenommenheit für Rationalität dienen.

Nationen kämpfen nicht bis zum Tode, aber sie kämpfen oft, bis der Vorrat an möglichen Kämpfern praktisch erschöpft ist. In den meisten Fällen ist dieser Punkt erreicht, wenn die Verlustrate auf 30 % ansteigt.

Kriege dieser Art bezeichnen viele Wendepunkte der Weltgeschichte. Zu ihnen gehören der Peloponnesische Krieg, der Dreißigjährige Krieg, die Napoleonischen Kriege, der Amerikanische Bürgerkrieg und, zumindest in mancher Hinsicht, die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Die 30 %-Formel erscheint selbst in den deutschen Verlustziffern des Zweiten Weltkrieges. Deutschland verlor 5.300.000 von 17.718.714 Männern zwischen 15 und 44 Jahren oder abermals 30 % der Gesamtmenge.

Es bestehen beunruhigende Ähnlichkeiten zwischen diesen Kriegen und der aktuellen Situation im Westasien.

Es gibt keinen einfachen gemeinsamen Nenner, der auf all dieser Kriege, die bis zur demographischen Erschöpfung geführt wurden, zuträfe. Aber es gibt einige Gemeinsamkeiten, die in ihnen allen zu finden sind. Dazu gehört der Glaube, dass die Alternative, den Krieg fortzuführen, der nationale Ruin wäre, ebenso wie der Glaube des einfachen Soldaten, dass der Krieg zum sozialen und ökonomischen Aufstieg des einfachen Soldaten führen werde („den Marschallstab im Tornister tragen“). Im Bewusstsein der Hauptkombattanten waren es existentielle Kriege, keine, die man hätte wählen können. Sicher, bei weiten historischen Überblicken riskiert man, die Daten so zu wählen, dass sie in das gewählte Muster passen, aber die Parallelen sind so überwältigend, dass sie die Anstrengung lohnen.

Was wir von diesen Kriegen wissen, stellt die Art und Weise, in der wir über Rationalität in der Politik denken, in Frage. Im Nachhinein scheint die Entscheidung, Feindseligkeiten dieses Ausmaßes zu beginnen und fortzuführen, als Akt von Verrücktheit. Zudem stammt der größte Teil der Verluste in den meisten Fällen aus einer Zeit, in der die Hoffnung auf einen Sieg vermindert oder völlig geschwunden war. Sicher, die Hauptakteure lassen eine gewisse Rationalität erkennen, wenn auch perverser Art. Sie glaubten, ein Verzicht auf Kampf und Sieg würde die nationale Raison d’être untergraben. Tatsächlich war ihre Furcht vor nationalem Niedergang nicht völlig unbegründet.

In vielen Fällen war die Folge des Krieges ein katastrophaler Niedergang, gekennzeichnet durch fallende Geburtenrate, wie auch durch abnehmende Bevölkerung, Wohlstand und Macht nach dem Ende der Feindseligkeiten. Die Bevölkerung von Griechenland ging nach dem Peloponnesischen Krieg stark zurück. Nach den Napoleonischen Kriegen begann für Frankreich eine lange Periode demographischer Stagnation und relativen Niedergangs. Der amerikanische Süden erlitt einen langen und schrecklichen wirtschaftlichen Rückschlag. Und Deutschland verließ das 20. Jahrhundert in beschleunigtem demographischen Niedergang.

Die Überzeugung der Kämpfenden in Erschöpfungskriegen, dass nichts Geringeres als das nationale Überleben auf dem Spiel steht, war nicht völlig irrational, obwohl in einigen Fällen der Grund für den Niedergang der Nation eher psychologisch als objektiv gewesen zu sein scheint. Nach Alexander scheinen die griechischen Stadtstaaten ihren Lebenswillen verloren zu haben; Frankreich, nachdem es Europa für eineinhalb Jahrhunderte dominiert hatte, trat nach Napoleons Niederlage in eine lange Periode der Demoralisation ein. Deutschland hat ökonomische Macht und internationales Ansehen wiedergewonnen, aber reproduziert sich nicht mehr.

Wir können daraus den Schluss ziehen, dass eine Kombination aus objektivem wirtschaftlichen Druck und einer subjektiven Krise nationaler Identität eine kritische Masse bilden. In solchen Fällen sind die Kämpfenden motiviert, bis zum Tode zu kämpfen, und ein großer Teil von ihnen erhält auch die Gelegenheit, das zu tun. Meist lässt sich eine Verlustrate von 30 % der militärdienstfähigen Bevölkerung erkennen, so etwa in den Napoleonischen Kriegen, in den Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg, und in Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die Verlustraten in der antiken Welt waren erheblich höher, teilweise weil die militärdienstfähigen Männer nicht für die manuelle Arbeit gebraucht wurden. Solche Muster zu entdecken, ist von großer praktischer Bedeutung, weil gegenwärtig die Bedingungen für eine kritische Masse nicht nur möglich, sondern schwer zu vermeiden sind. Das gilt besonders für den sunnitisch-schiitischen Konflikt in Westasien. Sicher, dieser innermuslimische Konflikt bleibt verstreut in geographisch eingedämmten Bürger- und Stellvertreterkriegen, aber er hat das Potential, sich zu seinem langdauernden Erschöpfungskrieg zu entwickeln. Die Kombination aus wirtschaftlichem Druck und kulturellen Herausforderungen für das traditionelle Leben in der muslimischen Welt ist explosiv und mag sich zu einem Zivilisationskrieg solchen Ausmaßes entwickeln, wie wir es aus der Vergangenheit kennen.

Vor dem Versuch, Gemeinsamkeiten unten diesen großen Kriegen aufzufinden, ist eine Zusammenfassung über das Ausmaß dieser Konflikte nötig.

Athen im Peloponnesischen Krieg

Die Verluste: Athen verlor die Hälfte seiner erwachsenen männlichen Bevölkerung im Verlauf des Krieges. So schreibt Barry L. Strauss: „Die Anzahl der Hopliten ging zwischen 431 und 394 um 50 % oder mehr zurück, von 22.000 auf c. 9.250. Es gab etwa 15.000 Theten … es ist schwierig sich 394 mehr als 5.000-7.000 Theten vorzustellen. Somit betrug die Zahl der erwachsenen männlichen Bevölkerung von Athen nach dem Peloponnesischen Krieg 14.000 bis 16.250. 434 hatte sie über 40.000 betragen, somit belaufen sich die Verluste der städtischen Bevölkerung in Athen durch den Peloponnesischen Krieg auf etwa 60 %[3].

Die Ursachen: Die Expansion des athenischen Reiches – so die konventionelle Lehrmeinung – ließ Sparta glauben, dass Athen zu mächtig geworden sei. Tribute der athenischen Kolonien finanzierten den Lebensmittelnachschub für die halbe Stadt und ermöglichten es der athenischen Demokratie, einen großen Teil der Bevölkerung mit Importen zu versorgen. Die Basis der Wirtschaft verschob sich von Kleinbauern zu Sklavenhaltern und Söldnern[4]. Aristophanes, ein Traditionalist, polemisierte gegen die Veränderungen in der athenischen Gesellschaft. Einer seiner Bühnencharaktere in „Die Wespen“ erklärt:

„Es gibt ja tausend Städte, die uns heute Tribut leisten;

wenn man jeder einzelnen davon die Auflage machte, 20 Mann zu ernähren,

dann würden 20.000 Volksgenossen inmitten von lauter Hasenbraten leben

und in Kränzen aller Art, in Biestmilch und Sahne…“ (zit. nach der Übersetzung von Lutz Lenz).

Thukydides argumentierte, dass der Wunsch des athenischen Mobs nach Subventionen den desaströsen Sizilienfeldzug von 413-415 v. Chr. motivierte. Die Athener stimmten dafür, Syrakus anzugreifen “auf einen Vorwand hin, der vernünftig schien, tatsächlich aber wollen sie ganz Sizilien erobern, … der große Haufe und das Kriegsvolk (rechnete darauf) schon jetzt dabei Geld zu verdienen und eine Macht hinzuzuerobern, aus der ihnen für alle Zeit ein täglicher Sold gewiß sei.”[5]

Die Folgen: 33 Jahre nach dem spartanischen (und persischen) Sieg über Athen im Jahre 404 v. Chr. besiegte Theben Sparta und befreite dessen Helotenbevölkerung. Makedonien eroberte Athen und Theben im Jahre 338 v. Chr. und in Hellas begann ein rapider demographischer Niedergang. Aristoteles führte Spartas Niederlage durch die Thebaner auf seine abnehmende Bevölkerung zurück (“Die Stadt konnte die Erschütterung nicht ertragen und wurde ruiniert durch Menschenmangel”[6]). Archäologen konstatieren “das Verschwinden des dichten Rasters ländlicher Grundstücke und des damit verbundenen intensiven Ackerbaus um 250 v. Chr. im [östlichen Peloponnes]”. Die ländliche Entvölkerung war verbunden mit “einer wachsenden Kluft zwischen einen kleinen Klasse wohlhabender Individuen und einer verarmenden Unterschicht freier Bürger, die relativ zu Sklaven und Einwanderern an Zahl abnahm”[7].

Polybios, ein griechischer General des zweiten Jahrhunderts beklagte: “in der Zeit, in der wir leben, ist in ganz Griechenland die Zahl der Kinder, überhaupt der Bevölkerung in einem Maße zurückgegangen, daß die Städte verödet sind und das Land brachliegt, obwohl wir weder unter Kriegen von längerer Dauer noch unter Seuchen zu leiden hatten … Denn nur deshalb, weil die Menschen der Großmannssucht, der Habgier und dem Leichtsinn verfallen sind, weder mehr heiraten, noch, wenn sie tun, die Kinder, die ihnen geboren werden, aufziehen wollen, sondern meist nur eins oder zwei, damit sie im Luxus aufwachsen und ungeteilt den Reichtum ihrer Eltern erben, nur deswegen hat das Übel schnell und unvermerkt um sich gegriffen.”[8]

Der Peloponnesische Krieg ist von besonderem Interesse für die aktuelle Politik, da eine bestimmte Interpretation dieses Krieges vorgelegt wurde, um Amerikas Anstrengungen zu rechtfertigen, die Demokratie in Nahen Osten zu fördern. Zwei neuere Geschichten dieses Krieges, verfasst von Donald Kagan[9] und Victor Davis Hanson[10], wurden vielfach mit der Politik der Bushregierung assoziiert. Professor Hanson ging so weit, zu behaupten, dass Athens Anstrengungen, sein demokratisches politisches System zu exportieren, dazu beitrugen, den Konflikt mit dem oligarchischen Sparta herbeizuführen. Diese Interpretation erfordert jedoch, den Bericht des Thucydides zurückzuweisen, der die Raubgier der athenischen Demokraten und des Mobs, den sie alimentierten, für den Feldzug gegen Syrakus, ebenfalls eine Demokratie, verantwortlich macht.

Hanson und Kagan behandeln das syrakusische Disaster als einen unbedachten Fehler, statt dass sie es, wie Thucydides, als das tragische Ergebnis der inhärenten Fehler des athenischen Charakters betrachten. Hanson führt das Disaster auf den unheilvollen Einfluss des Alcibiades zurück, Kagan macht den athenischen General Nicias verantwortlich. Ich halte es für am gesündesten, Thukydides zu folgen. Gelehrte mit einer ideologischen Ausrichtung, derzufolge Demokratie ein universelles politisches Heilmittel ist, neigen dazu, Nichtzurechtfertigendes zu rechtfertigen, wenn eine Demokratie es tut. Die vielleicht nächste Analogie zum athenischen Streben nach einem Großreich ist der konföderierte Traum von einem karibischen Imperium der Sklaverei vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg – geplante Verwüstung durch einen Teil einer anderen Demokratie. Mehr dazu findet man weiter unten.

Frankreich in den Napoleonischen Kriegen

Die Verluste: Wahrscheinlich war Frankreich nach Waterloo demographisch erschöpft. Frankreich zählte zwischen 1,4 und 1,7 Millionen militärische Opfer ebenso wie eine sehr große Zahl von Zivilisten aus einer Gesamtbevölkerung von 29 Millionen. Die Gruppe der 20-40jährigen umfasste zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung (eine charakteristische Zahl für vorindustrielle Gesellschaften). Wenn wir zahlenmäßige Gleichheit der Geschlechter annehmen, hätten militärdienstfähige Männer ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausgemacht. Die Gesamtmenge an militärischer einsetzbarer Männer betrug im Napoleonischen Frankreich weniger als sechs Millionen Männer, so dass zivile und militärische Verluste zusammen 30 % der Gesamtzahl übertrafen.

Die Ursachen: Von einem modernen Standpunkt aus scheint es merkwürdig zu denken, dass Napoleons Eroberungen eher ein existentieller als ein selbstgewählter Krieg waren. Jedoch, die Gründung des französischen Staates war an einen quasi religiösen Glauben an Frankreichs göttliche Mission gebunden. Wie Aldous Huxley über den Kardinal Richelieu schrieb: „Indem er für Frankreich arbeitete, tat er Gottes Willen. Gesta Dei per Francos war das Axiom, aus dem folgte, dass Frankreich göttlich war, und dass die, die für Frankreichs Größe arbeiteten, Gottes Werkzeuge waren, und dass die Mittel, die sie gebrauchten, in Übereinstimmung mit Gottes Willen gebraucht werden konnten“[11]. Frankreichs Kriegsziele „wurden in ein religiöses Prinzip rationalisiert, indem man den alten Kreuzzugsglauben von der göttlichen Mission Frankreichs und dem göttlichen Recht der Könige gebrauchte“[12].

Während des 16. Jahrhunderts war Frankreich von religiösen Kriegen verwüstet worden. 1618 begann mit Böhmens Rebellion gegen Österreich der Dreißigjährige Krieg. Frankreich war entschlossen, Österreich und Spanien um den ersten Platz in der Christenheit herauszufordern. Richelieu unterstützte die protestantische Seite, bezahlte den schwedischen König Gustav Adolf gegen Österreich zu intervenieren. Die erste Hälfte des Dreißigjährigen Krieges wurde zwischen Katholiken und französischen Stellvertretern ausgefochten, die zweite Hälfte (beginnend mit der französischen Intervention von 1635) weitgehend zwischen Frankreich und Spanien.

In Spanien fand Frankreich einen Gegner, dessen Ambitionen seine eigenen entsprachen. Wie der politische Theoretiker Juan de Salazar 1619 schrieb: „Die Spanier wurden erwählt, um das Neue Testament zu verwirklichen, ebenso wie Israel erwählt worden war, das Alte Testament zu verwirklichen. Die Wunder, mit denen die Vorsehung die spanische Politik begünstigt hat, bestätigen die Analogie des spanischen mit dem jüdischen Volk, so dass die Ähnlichkeit der Ereignisse in allen Zeitaltern und die ähnliche Weise in der Gott die Auswahl und die Leitung des spanischen Volkes in die Hand genommen hat, es zum auserwählten Volk durch das Recht der Gnade erklärt, ebenso wie das andere von ihm in der Zeit der Heiligen Schrift auserwählt wurde. … Darum ist es angemessen aus den aktuellen Verhältnissen wie auch aus der Heiligen Schrift zu schließen, dass die spanische Monarchie für viele Jahrhunderte dauern und sie die letzte Monarchie sein wird“[13].

Salazar drückte damit eine Gesinnung aus, „die am kastilischen Hof und in Teilen der Elite nicht ungewöhnlich war“[14]. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges war Frankreich die dominierende Landmacht Europas, während Spanien seinen langen nationalen Niedergang begann.

Die europäische Bevölkerung wuchs während des 18. Jahrhunderts von 110 Millionen auf 190 Millionen, teilweise in Folge von Produktivitätsfortschritten in der Landwirtschaft; die französische Bevölkerung wuchs von 19 Millionen auf 28 Millionen, von denen zwei Fünftel im Alter zwischen 20 und 40 waren. Die Arbeitslosigkeit stieg während der Wirtschaftskrise von 1785-1794 stark an, und sorgte so für das Rohmaterial für die revolutionäre Massenkonskription[15]. Im Dreißigjährigen Krieg schuf der kaiserliche General Albrecht von Wallenstein Massenarmeen aus Söldnern, die aus dem Land lebten; er revolutionierte die Kriegführung, während er die Zivilbevölkerung aushungerte. Napoleon war ein besserer Wallenstein, er gebrauchte Massenarmeen französischer Bürger, um Frankreichs Nachbarn zu erobern, und zog so eine multinationale Horde unter sein Banner.

Ein (vielleicht apokryphes) Zitat von Napoleon sagt: Man kann mit Bajonetten alles erreichen, aber man kann nicht auf ihnen sitzen. Wie Wallenstein wurde Napoleon der mächtigste Mann Europas, indem er die traditionelle Gesellschaft unterminierte und die jungen Männer aufbot, welche die Auflösung der Gesellschaft befreit hatte. Mit Recht beschrieb Schiller Wallenstein in seiner dramatischen Trilogie aus dem Jahre 1799 ebenso als das Geschöpf seiner Armee wie als ihren Schöpfer. Napoleon konnte Soldaten mit dem Versprechen rekrutieren, sie trügen den Marschallstab im Tornister, auch ohne ihnen eine Neue Welt zur Eroberung anzubieten.

Der Ehrgeiz der gewöhnlichen Soldaten war so mächtig, dass Napoleon seine Popularität trotz der Katastrophe in Russland behielt. Nach dem Rückzug aus Russland war er 1813 fähig, eine neue Armee von 350.000 Mann zu aufzubieten. Aber seine deutschen Satrapien revoltierten und besiegten ihn in der Schlacht bei Leipzig. 1814 verbannten die europäischen Mächte ihn nach Elba, aber ein Jahr später kehrte er nach Frankreich zurück, und bot erneut 200.000 Soldaten auf. Nach Waterloo waren Frankreichs demographische Reserven wahrscheinlich zu ausgeblutet, um eine neue Massenarmee aufzustellen.

Die Folgen: Nach der europäischen Bevölkerungsexplosion im 19. Jahrhundert begann in Frankreich der große demographische Umschlag, wo die Fruchtbarkeit, verglichen mit dem Rest Europas, scharf absank. So beobachtet Gregory Macris: „Frankreich, einst die zahlenmäßig größte Nation Westeuropas, sah, wie sein Bevölkerungswachstum sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in unerklärlicher Weise verlangsamte. Das Bewusstsein vom Bevölkerungsabfall in der Regierung und der populären Presse führte zu strategischen Bauchschmerzen. Die führende Klasse sorgte sich über potentielle Bedrohungen durch die schneller wachsenden Deutschen und grübelte über das Ende Frankreichs als einer Nation[16].

Versuche, den französischen demographischen Niedergang auf die wirtschaftliche Entwicklung, die Urbanisierung oder andere objektive Faktoren zurückzuführen, bieten keine befriedigende Erklärung. Die jüngsten Forschungen durch das Nationale Französische Institut für Demographie ergeben, dass die Gründe eher psychologischer als objektiver Natur waren. In einer Studie vom März 2012 schreibt Gilles Pison vom Französischen Nationalen Institut für Demographische Studien:

„In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatten Frauen in [Frankreich und Deutschland] durchschnittlich fünf oder sechs Kinder. Aber gegen Ende des Jahrhunderts breitete sich die Praxis der Geburtenkontrolle in Frankreich aus, und die Fruchtbarkeit fiel von 5,4 Kindern pro Frau in den 1750ern auf 4,4 in den 1800ern und auf 3,4 in den 1850igern. Auf der anderen Seite war es in Deutschland nicht vor dem späten 19. Jahrhundert, dass deutsche Frauen ihrerseits damit begannen, die Größe ihrer Familien zu begrenzen. Diese Zeitdifferenz wird oft der frühen Ausbreitung der Ideen der Aufklärung in Frankreich zugeschrieben oder der Aufhebung religiöser Zwänge“[17].

Zeitgenössische Beobachter in der Mitte des 19. Jahrhunderts verglichen Frankreichs Niedergang mit dem der Griechen nach dem Peloponnesischen Krieg. Ein britischer Historiker bemerkte 1857, dass die Unfruchtbarkeit, „die man bei den Oligarchien von Sparta und Rom beobachtet, auch in der ausgedehnteren Bürgerschaft von Athen Auswirkungen hatte, und dass sie selbst in unserer Zeit die zweihunderttausend Wähler befallen hat, welche die Oligarchie Frankreichs während der Regierung von Louis Philippe bildeten“[18].

Der Kollaps des französischen Dünkels der nationalen Auserwähltheit führte zu einer langen nationalen Demoralisation und dem Ende Frankreichs als der dominierenden europäischen Macht. Von diesem Standpunkt aus kann man argumentieren, dass Napoleons Kriege in der Tat existentiell waren.

Die Konföderierten

Die Verluste: Gary Gallagher fasst die Verluste des Südens folgendermaßen zusammen: „Die Konföderation mobilisierte zwischen 750.000 und 850.000 Mann, eine Zahl, die 75 – 85 % ihrer militärdienstfähigen weißen Bevölkerung ausmachte (nur das Vorhandensein von Sklaven, welche die Wirtschaft in Gang hielten, erlaubte eine solch erstaunliche Mobilisierung). Mindestens 258.000 von ihnen kamen im Krieg ums Leben … die Zahl der in Gefechten Verwundeten betrug nahezu 200.000. Von drei Männern in Uniform kam somit einer ums Leben“. Insgesamt verlor der Süden fast 30 % seiner Männer im militärdienstfähigen Alter, die gleiche Proportion wie Frankreich während der Napoleonischen Kriege[19].

Die Ursachen: Wenn Napoleons Soldaten den Marschallstab im Tornister trugen, dann die Konföderierten die Peitsche eines Aufsehers. Die Südstaatler hatten seit einer Generation für Sklaventerritorien in Texas, Kansas und anderen umstrittenen Territorien gestritten. Sie kämpften weiter für die Möglichkeit Sklaven zu erwerben. Die Wahl Lincolns bedeutete das Ende der Ausdehnung der Sklaventerritorien, ohne die das wirtschaftliche System des Südens in ein oder zwei Jahrzehnten ersticken würde. Jefferson Davis bot an, Lincolns Wahl zu billigen, wenn nur Lincoln der Eroberung Kubas als Sklaventerritorium zustimmen würde. Die definitive Geschichte der Ambitionen des Südens findet man in dem Buch von Robert E. May „The Southern Dream of a Caribbean Empire“ (1973). Er schreibt beispielsweise:

Der “Memphis Daily Appeal” schrieb etwa am 30. Dezember 1860, dass ein „Imperium“ der Sklaverei entstehen werde „von San Diego am Pazifischen Ozean, dann südwärts, entlang der Küstenlinie von Mexiko und von Zentralamerika bis zum Isthmus von Panama; dann weiter nach Süden, entlang der westlichen Küstenlinie von Neu Granada und von Ecuador, da wo dessen südliche Grenze den Ozean trifft, dann östlich über die Anden zu den Quellen des Amazonas, dann weiter abwärts die mächtigsten der inländischen Seen, durch den Busen des breitesten und reichsten Deltas der Welt, bis zum Atlantischen Ozean“[20].

Für diejenigen, die nicht glauben, dass Demokratien Kriege beginnen, ist die Konföderation ein Stolperstein. Wie das Athen des Perikles entschied sie demokratisch, einen imperialen Krieg der Versklavung zu führen mit der enthusiastischen Unterstützung ihren unteren Klassen. Wie Napoleons Soldaten fochten die Konföderierten mit Tapferkeit und Hingabe bis zum Erreichen der demographischen Erschöpfung. Es ist interessant zu beobachten, dass die blutigsten Schlachten (Cold Harbor, Chickamauga, Wilderness) alle stattfanden, nachdem die Aussichten des Südens auf den Sieg geschwunden waren, infolge der Siege der Union bei Vicksburg und Gettysburg im Juli 1863. Der Verlustrate stieg in der zweiten Hälfte von 1863 und der ersten Hälfte 1864 scharf an, als der Süden auf seine Verluste mit immer verzweifelteren Kämpfen reagierte.

Die Folgen: 1840 war im amerikanischen Süden das Prokopf-Einkommen höher als im Mittleren Westen, aber es fiel bis 1880 auf die Hälfte dessen im Mittleren Westen. Noch 1950 betrug es nur 70 % des Niveaus im Mittleren Westen[21].

 

Der Nahe Osten heute

Die Ursachen: Mehrere wichtige Länder des Nahen Ostens nähern sich einer kritischen Masse in Bezug auf Demographie und Wirtschaft. Die Bevölkerungskohorte der zwischen 15- und 24-Jährigen im Libanon, in Syrien, im Irak und Iran ist von 15 Millionen im Jahre 1995 auf rund 30 Millionen im Jahre 2010 gesprungen. Diese Bevölkerungs-Beule hat schlechte Aussichten. Nach Angaben der Weltbank beträgt die Jugendarbeitslosigkeit 30 % im Iran und 35 % im Irak. Dieses Konzept ist kaum anwendbar auf Syrien, dessen Wirtschaft nach einem fünfjährigen Bürgerkrieg in Trümmern liegt und der etwa 10 Millionen Syrer aus einer Gesamtbevölkerung von 22 Millionen vertrieben hat. Wohl nach nie hat eine so große Bevölkerung im militärdienstfähigen Alter so schlechte Zukunftsaussichten gehabt; sie lebt in einer Kriegszone, beherrscht von nichtstaatlichen extremistischen Akteuren.

Die Aussichten für wirtschaftliche Stabilisierung der regionalen Hauptakteure sind schlecht. Die offizielle Arbeitslosenquote beträgt 11 %, aber nur 37 % der Bevölkerung werden als ökonomisch aktiv eingeschätzt, eine extrem niedrige Rate in Anbetracht der Konzentration der iranischen Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Soziale Indikatoren deuten auf eine alarmierende Verschlechterung der Lebensbedingungen. Die Zahl der Eheschließungen ist seit 2012 um 20 % gefallen. Im Iran liegt das übliche Heiratsalter für Männer bei 20-34 Jahren und für Frauen bei 15-29 … 46 % der Männer und 48 % der Frauen in diesen Altersgruppen bleiben unverheiratet,“ berichtet Al-Monitor in einer Sendung vom 2. Juni 2015[22].

Ökonomische Probleme erklären einen Teil der fallenden Rate der Eheschließungen, aber die Korrosion traditioneller Werte ist auch ein Faktor. Iranische Forscher haben Ende 2015 geschätzt, dass eine von acht iranischen Frauen mit Chlamydien infiziert sind, eine verbreitete Geschlechtskrankheit, die oft Unfruchtbarkeit verursacht[23].

Als Ayatollah Khomeini 1979 die Macht ergriff, hatte die durchschnittliche iranische Frau sieben Kinder; heute ist die Fertilitätsrate auf kaum 1,6 Kinder gefallen, der stärkste Abfall in der Geschichte der Demographie. Der Iran hat immer noch eine junge Bevölkerung, aber er hat keine Kinder, die ihr nachfolgen. Gegen Mitte des Jahrhunderts wird der Iran einen größeren Anteil abhängiger Alter aufweisen als Europa, eine unmögliche und nie dagewesene Last für ein armes Land.

Meinen Berechnungen zufolge betragen bei einem Ölpreis von 30 Dollar pro Barrel die Einnahmen des Iran aus Öl und Gas weniger als 30 Milliarden Dollar pro Jahr und weniger als die Hälfte des 64 Milliarden Dollar-Budgets für das fiskalische Jahr 2014[24]. Der plötzliche Alterungsprozess, der im Iran im Gange ist, wird auch die Türkei, Algerien und Tunesien ergreifen. Der Iran ist das muslimische Land mit der geringsten Analphabetenquote, größtenteils dank eines ambitionierten Alphabetisierungsprogramms des Schahs in den frühen 1970ern. Muslimische Frauen, welche höhere Schulen und Universitäten besuchen, heiraten später oder gar nicht und haben weniger Kinder[25].

Zwischen 2005 und 2020 wird die iranische Bevölkerung zwischen 15 und 24, also das Reservoir an potentiellen Rekruten, um fast die Hälfte zurückgegangen sein. Mittlerweile wird Pakistans militärdienstfähige Bevölkerung im fast 50 % steigen. Im Jahr 2000 hatte der Iran die Hälfte der militärdienstfähigen Männer seines östlichen sunnitischen Nachbarn; im Jahr 2020 wird er noch ein Fünftel haben. Irans Überschuss an Jugendlichen, der in den 1980ern geboren wurde, dürfte wahrscheinlich der letzte sein, und das Fenster, schiitische Macht in dieser Region zu etablieren, wird sich während eines Jahrzehnts schließen.

Noch wichtiger: Gemäß dem Fruchtbarkeitsscenario des „World Population Prospects“ werden im Jahre 2050 45 % der iranischen Bevölkerung über 65 sein. Kein armes Land hat je eine solche Last an abhängigen Alten getragen, da arme Länder normalerweise eine überproportional große Menge junger Leute aufweisen. Der Iran ist das erste Land, das alt wird, bevor es reich gewesen ist, und die wirtschaftlichen Konsequenzen werden katastrophal sein. Das ist eine Gefahr, welche den iranischen Führern wohlbewusst ist.

Saudi-Arabien hat das entgegengesetzte Problem: Es hat eine hohe Fruchtbarkeitsrate und eine wachsende Kohorte junger Menschen und es könnte ihm an den finanziellen Resourcen mangeln, ihre Erwartungen zu erfüllen. Gemäß einem Bericht des Internationalen Währungsfonds wird Saudi-Arabien beim gegenwärtigen Ölpreis seine Finanzreserven innerhalb von fünf Jahren erschöpft haben[26].

Es gibt keine offiziellen Daten über Armut in Saudi-Arabien, aber einer saudischen Zeitung zufolge, die Daten der Sozialsysteme nutzte, schätzt sie, dass sechs Millionen der 20 Millionen Einwohner des Königreichs arm sind, einige extrem arm. Nach den Unruhen des „Arabischen Frühlings“ 2011 hat Riad die Sozialausgaben auf 37 Milliarden Dollar erhört – oder 6000 Dollar für jede arme Person im Königreich, um der Ausbreitung von Unzufriedenheit in ihrem Territorium entgegenzuwirken.

Saudi-Arabien gibt jährlich 48,5 Milliarden Dollar für Verteidigung aus – gemäß dem IHS -, und plant, dies auf 63 Milliarden bis 2020 zu steigern. Die Monarchie muss die bevorstehende konventionelle Aufrüstung des Iran nach dem P5+1-Nuklearabkommen ausgleichen, um ihre Glaubwürdigkeit zu bewahren. Wenn der Ölpreis niedrig bleibt, wird Saudi-Arabien seine Sozialleistungen scharf reduzieren müssen und so das Risiko sozialer Instabilität eingehen.

Die Türkei sieht einer anderen Art der demographischen Herausforderung entgegen. Seit vier Jahrzehnten führt sie Krieg mit ihren kurdischen Separatisten; in ihm sind etwa 40000 Menschen getötet worden. Das Problem ist, dass die Türkei allmählich kurdisch wird. Die Kurden haben 3,3 Kinder pro Frau gegen nur 1,8 bei den ethnischen Türken, wie der Demograph Nicholas Eberstadt schätzt. Das heißt, das innerhalb einer Generation die Hälfte der Rekruten der türkischen Armee aus kurdisch sprechenden Familien kommen wird. Das türkische Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg ist größtenteils durch die Furcht motiviert, dass es den Kurden gelingen wird, eine unabhängige, sich selbst verwaltende Zone an ihrer Grenze zu schaffen und sich mit der autonomen kurdischen Region im Irak zu verbinden.

Demographie, Wirtschaft und Ideologie zusammen schaffen in Kleinasien, der Levante und Mesopotamien die Bedingungen für eine kritische Masse. Politische Analysen der Region tendieren dazu, sich auf die ideologischen und religiösen Rivalitäten zwischen iranischem Schiismus, sunnitischem Wahhabismus und türkischen neoottomanischen Aspirationen zu konzentrieren. Zu ihnen müssen addiert werden die demographischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, welchen Erdölmonokulturen unter ungünstigen finanziellen Rahmenbedingungen ausgesetzt sind, inmitten eines gefährlichen demographischen Übergangs.

Das stellt die konventionellen Wege in Frage, mit denen man die Optionen rationaler Akteure einschätzt. Die Spieltheorie berechnet das Verhalten von Individuen mit wohldefinierten Interessen; es berücksichtigt aber keine Situationen, in denen einer oder mehrere der Spieler beispielsweise an einem inoperablen Gehirntumor leiden. Iran mag entscheiden, dass sein existentielles Interesse er erforderlich macht, sein schiitisches Imperium jetzt zu vergrößern, bevor seine rapide alternde Bevölkerung ihn des Menschenmaterials und der finanziellen Ressourcen beraubt. Saudi-Arabien mag entscheiden, dass seine Fähigkeit, seine eigene widerstrebende Bevölkerung zu kontrollieren, präventive Aktionen gegen seine schiitischen Opponenten nötig macht. Die Türkei mag entscheiden, dass die Aussicht auf territoriale Verluste es erfordert, präventiv gegen die Kurden vorzugehen.

Abermals eine 30%-Lösung?

All das ist in hohem Maße bereits im Gange, nämlich durch Stellvertreterkriege: Saudi-Arabien und die Türkei sind beide in einen Stellvertreterkrieg mit dem Iran in Syrien verstrickt und in einem gewissen Grade auch anderswo in dieser Region. Truppen der iranischen revolutionären Garde werden in Syrien eingesetzt, und Saudi-Arabien hat gedroht, seinen eigenen Truppen in das Land zu entsenden. Das Problem ist, dass der Iran, Saudi-Arabien und die Türkei allesamt fundamentalen wirtschaftlichen und demographischen Herausforderungen gegenüberstehen, die ihre innere Stabilität bedrohen und sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren verschlimmern werden.

Amerikanische Planer haben versucht, die Region durch Stellvertreter zu stabilisieren (indem sie “moderate Islamisten” in Syrien gegen das Assad-Regime unterstützten, die Iraner ermutigten, sich an einer regionalen Sicherheitsarchitektur zu beteiligen und so weiter). Die Voraussetzungen aber für eine kritische Masse in dem Ausmaß früherer Ermattungskriege überwiegen, und die Wahrscheinlichkeit eines anderen Ermattungskrieges im Ausmaß der Napoleonischen Kriege oder des Dreißigjährigen Krieges ist viel höher als die Analysten der Auswärtigen Politik zu erkennen scheinen. Das Resultat mag eine 30 %-Lösung sein, wie wir sie so viele Male in der Geschichte gesehen haben, und eine angemessene amerikanische Antwort mag darin bestehen, dass Feuer nicht zu löschen, sondern es kontrolliert ausbrennen zu lassen.

 

[1] See for example Richard Landes, Heaven on Earth: Variety of Millenarian Experience, Oxford 2011; Anna Greifman, Death Orders: The Vanguard of Modern Terrorism, Praeger 2010; and David P. Goldman, How Civilizations Die (and Why Islam is Dying, Too), Regnery 2011.

[2] David Goldman, op. cit.

[3] Barry S. Strauss, Athens After the Peloponnesian War: Class, Faction and Policy, Routledge 2014, S 81

[4] Charles M. Reed, Maritime Trades in the Ancient Greek World, Cambridge University Press 2003. S. 16.

[5] Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, übersetzte von Georg P. Landmann, München 1977, VI,24 S. 461

[6] Aristotle, Politics (trans. William Ellis); The Floating Press (2009), p. 99.

[7] Michael H. Jameson et. Al., A Greek Countryside: the southern Argolid from prehistory to the present day, Stanford University Press, 1994, S. 396.

[8] Polybius, Geschichte, XXXVI,17, übersetzt von Hans Drexler, 2 Bde., Zürich, 2. Aufl. 1978, Bd. 2, S. 1302 f.

[9] Donald Kagan, The Peloponnesian War, Penguin, 2003.

[10] Victor Davis Hanson, A War Like No Other, Random House 2005.

[11] Aldous Huxley, The Grey Eminence, Vintage, 2005, S. 185.

[12] Huxley, S. 133.

[13] Zitiert in Luis Suárez Fernández und José Andrés Gallego, La crisis de la hegemonía española, siglo XVII, Ediciones Rialp, 1986, S. 12

[14] Stanley G. Payne, Spain: A Unique History, University of Wisconsin Press, 2011, S. 106.

[15] Myron Weiner und Michael S. Teitelbaum, Political Demograpy, Demographic Engineering, Berghan: Oxford, 2001, S. 20-21.

[16] Für mehr Hintergrundinformationen siehe https://www.usnwc.edu/Lucent/OpenPdf.aspx?id=128&title=Perspective.

[17] Giles Pison, France and Germany: a history of criss-crossing demographic curves, in: Population and Societies, Bulletin Mensuel d’Information de l’Institut National d’études Démographiques, n. 487 (March 2012).

[18] George Finlay, Greece under the Romans, London: Blackwell 1857, S. 68.

[19] Gary W. Gallagher, The Confederate War, Harvard, 1997, S. 28-29.

[20] Robert E. May, The Southern Dream of a Caribbean Empire, 1854-1861, Louisiana State University Press, 1973, S. 164.

[21] Richard Easterlin, Regional Income Trends, 1840-1950, in: Robert W. Fogel and Stanley L. Engerman, The Reinterpretation of American Economic History, New York: Harper & Row, 1971, S. 40.

[22] http://www.al-monitor.com/pulse/originals/2015/06/iran-birth-rate-marriage-decline-divorce.html.

[23] http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26343285.

[24] http://atimes.com/2016/01/no-prosperity-for-iran-after-nuclear-deal/.

[25] Siehe Goldman, S. 12.

[26] http://www.imf.org/external/pubs/ft/reo/2015/mcd/eng/pdf/mreo1015ch4.pdf.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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