Spengler auf Deutsch 2: Das Gleichgewicht der Mächte – ein Brettspiel

Der Originaltext erschien am 20. Oktober 2015 unter dem Titel “Balance of power – the board game” in Asia Times. Übersetzt von Stefan O. W. Weiß

Henry Kissingers brillante Karriere wurde nur durch eine tiefe Enttäuschung unterbrochen, nämlich seine Unfähigkeit, den Zusammenbruch des Sowjetsystems vorherzusehen und den Untergang eines außenpolitischen Systems, dem er sich sein Leben lang gewidmet hatte. Das erinnert an den alten Witz: „Aber abgesehen davon, Frau Lincoln, wie war das Stück?“[1] Kissinger war eher ein Igel als ein Fuchs. Der Fuchs weiß viele Sachen, lehrte Archilochus, aber der Igel weiß eine wichtige Sache. Kissinger wusste eine wichtige Sache, die nur den Nachteil hatte, dass sie falsch war. Wie die Bourbonen hat Dr. Kissinger nichts gelernt und nichts vergessen, wie er in einem am 16. Oktober erschienen Essay im „Wall Street Journal“ zeigt: „Ein Ausweg aus dem Kollaps des Nahen Ostens“. Kissinger beklagt den “Zerfall von Amerikas Rolle als stabilisierender Faktor im Nahen Osten” und wünscht diese wiederherzustellen.

Wie Angelo Codevilla in seiner Besprechung einer neuen Biographie Kissingers bemerkt hat, hielt der große Mann es für eine offensichtliche Tatsache, dass der Kalte Krieg nicht zu gewinnen war, und daher „das Kriegsziel nicht länger ein militärischer Sieg sein kann“, sondern eher „bestimmte politische Bedingungen, die von der anderen Seite vollständig verstanden werden“, und dass zu diesem Zweck die Vereinigten Staaten „(dem Gegner) an jedem Punkt eine Möglichkeit für eine Einigung präsentieren“ würden.

Ronald Reagan dagegen sagte beim ersten Treffen mit seinem Nationalen Sicherheitsrat: “Hier ist meine Strategie für den Kalten Krieg: Wir gewinnen, die verlieren.” Er und seine Berater – Richard Allen, William Clark, William J. Casey, Jeanne Kirkpatrick und – damals – junge Männer wie Angelo Codevilla, Herbert Meyer und Norman Bailey – sahen einen Gezeitenwechsel, wenn er ihnen ins Auge sprang.

Kissingers letzte Veröffentlichung hat immerhin den Vorzug aufzuzeigen, wie absurd das Denken des Außenpolitischen Establishments ist. Kissinger sah die großen Mächte als Figuren auf einem geopolitischen Schachbrett, in einer „Parker Brothers“-Version (bekannter amerikanischer Hersteller von Brettspielen) des Wiener oder Berliner Kongresses. Ihm entging der schleichende Niedergang der sowjetischen Wirtschaft und seine strategischen Folgen – die russische Einsicht in der Mitte der 80iger, dass sie mit der amerikanischen Wirtschaft und ihrer Fähigkeit, neue Militärtechnologien zu entwickeln, nicht mithalten konnten. Das war nicht bloßes „Stratego“; Kissinger bezog sich auf hochentwickelte Mathematik, beispielsweise Thomas Schellings Spieltheorie. Aber ob nun Variablen in einer Gleichung oder Steine auf einem Schachbrett, beide bleiben fixe Einheiten, die sich nach gegebenen Regeln bewegen. Manchmal aber überspielen langfristige Entwicklungen kurzfristige.

Der innere Verfall von gegenwärtigen und früheren Nationalstaaten von Libyen bis Afghanistan ist noch offensichtlicher und noch relevanter für die Politik in dieser Region. Kissingers aktuelle Empfehlungen für den Nahen Osten, wie er sie in seinem Wall Street Journal-Essay vom 16. Oktober skizziert, behandelt die Mächte in dieser Region wie feste Größen, die in ein stabiles Gleichgewicht der Kräfte manipuliert werden können.

Offensichtlich aber ist nichts fest an diesen Größen, und infolgedessen foltert Kissinger die Logik, bis sie auf der Streckbank verreckt. Man nehme beispielsweise seine Charakteristik des Irans: „Auf der einen Seite handelt der Iran als legitimer Westfälischer Staat[2] im Rahmen der traditionellen Diplomatie. Er beruft sich gar auf die Sicherungen des internationalen Systems. Zur gleichen Zeit aber organisiert und leitet er nichtstaatliche Akteure, die eine regionale Hegemonie basierend auf dschihadistischen Prinzipien anstreben. … Die Vereinigten Staaten sollten bereit sein für einen Dialog mit einem Iran, der zu seiner Rolle als Westfälischer Staat innerhalb etablierter Grenzen zurückkehrt“.

Man stelle sich Irans obersten Führer vor, wie er versucht sich Kissingers Logik zu übersetzten. „Westfälisch? Was ist westfälisch? Ich habe es gegoogelt und siehe da! Es ist eine Schinkensorte! Dieser ungläubige Kissinger vergleicht uns mit Schinken!“ Der Iran ist wohl die am wenigsten westfälische politische Einheit auf diesem Planeten. Er ist kein Nationalstaat in einem wie auch immer gearteten Sinn des Wortes, sondern der Rumpf eines kollabierten Imperiums, in dem Perser kaum die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, während der Rest laut Wikipedia aus Aserbeidschanern (16-25+ %), Kurden (7-10 %), Luren (c. 7%), Masanderanern und Gilakern (c. 7 %), Arabern (2-3 %), Belutschen (c. 2 %) und Turkmenen (c. 2 %) besteht. Schiitischer Messianismus und dazugehörige imperiale Ambitionen sind seine Raison d’être. Man könnte sagen: „Entschuldigen sie, Mr. Hyde, ist Dr. Jekyll zu Hause?“

Und was sollen nun die Vereinigten Staaten mit dem Iran in seiner “westfälischen” Inkarnation anstellen? „Für ISIS-besetztes Gebiet ist es vorzuziehen, entweder von moderaten sunnitischen Streitkräften oder von auswärtigen Mächten als von iranischen Dschihadisten oder imperialen (iranischen) Streitkräften zurückerobert zu werden.“ Wenn wir etwas westfälischen Schinken hätten, könnten wir Eier mit Schinken zubereiten, wenn wir einige Eier hätten. Wenn wir „moderate sunnitische Streitkräfte“ hätten, könnten wir den „westfälischen“ Iran überreden, die „iranischen Dschihadisten oder imperialen Streitkräfte“ zurückzuziehen und der Rückeroberung von ISIS-gehaltenem Territorium durch Sunniten zuzustimmen.

Dann: „Die rückeroberten Territorien sollten der lokalen sunnitischen Regierung übergeben werden, die dort vor der Desintegration der irakischen wie syrischen Souveränität existierte“. Irgendjemand sollte Dr. Kissinger die Nachricht überbringen, dass Saddam Hussein tot und dass die frühere sunnitische Regierung nicht mehr vorhanden ist.

Und wer soll die Sunniten moderat halten? „Nach der Lösung ihrer Verfassungskrise könnte die Türkei kreativ zu solch einem Prozess beitragen“, schreibt Kissinger. Unglücklicherweise erscheint das Wort „Kurde“ nirgends in seinem Essay. Angesichts eines entstehenden kurdischen Staates dort, wo ihre Grenze mit dem Irak und Syrien ist, scheint er die Türkei schon für außerordentlich kreativ zu halten.

Ein heilsames Stück Realismus enthält der Essay in Bezug auf Russland. Kissinger schreibt, „Russlands Hauptsorge ist, dass der Kollaps des Assad-Regimes ein Chaos wie in Libyen heraufbeschwören, ISIS in Damaskus an die Macht bringen und ganz Syrien in eine Basis für terroristische Operationen verwandeln und so die muslimischen Regionen innerhalb der russischen Südgrenze, im Kaukasus und anderswo erreichen könnte“. Die russische Intervention ist eine Tatsache, aber Kissinger denkt, sie könne eingedämmt werden. „Russland könnte durch eine Begrenzung seiner militärischen Rolle auf eine Anti-ISIS-Kampagne eine Rückkehr zu den Beziehungen des Kalten Krieges mit den Vereinigten Staaten vermeiden”. Wenn „Beziehungen des Kalten Krieges“ Russland nicht von einer Intervention in der Ukraine abhalten konnten, warum sollte Russland sich um die westliche Antwort auf Bombardierungen in Syrien sorgen?

Zbigniew Brzezinski, der 1977 als Jimmy Carters strategischer Guru berufen wurde, als Kissinger mit der Ford-Regierung ausschied, will den Russen entgegentreten; er schrieb letzte Woche in der Financial Times, dass Washington “Moskau die Forderung übermitteln solle, dass es keine militärischen Aktionen unternimmt, die direkt amerikanische Interesse berühren. … Die russische Marine- und Luftpräsenz in Syrien sind verwundbar, geographisch isoliert von ihrem Heimatland. Sie könnten ‚entwaffnet‘ werden, wenn sie fortfahren, die USA zu provozieren”. Das sind Phantastereien.

Kissingers moderate sunnitische Streitkräfte sind offensichtlich die Dschaisch al-Fatah, einschließlich al-Qaida (die al-Nusra Front); sie werden unterstützt durch die Türkei, Saudi-Arabien und Katar. Russland hat sie bombardiert, weil sie das Assad-Regime direkter bedrohen als ISIS. Wie Jackson Diehl letzte Woche in der Washington Post beobachtete, bestand Putins Erfolgsmodell in der Verwüstung von Tschetschenien unter völliger Missachtung ziviler Opfer.

Für den größten Teil der Welt, und insbesondere für Russland und China, ist ISIS ein amerikanisches Frankenstein-Monster. Viele Russen sind davon überzeugt, dass Washington half, ISIS zu schaffen, um Russland zu destabilisieren. „Paranoide Russen“ mag ein Pleonasmus sein, aber selbst die Russen haben Feinde. Es ist schwer, unsere Konkurrenten davon zu überzeugen, dass Amerika die Entstehung von ISIS aus reiner Dummheit förderte und nicht aus boshafter Voraussicht. Sie werden nie glauben, dass wir derartig dumm sind.

Angenommen, dass Washington 1) “moderate” Sunniten finden kann, 2) den Iran überreden kann, als ein “westfälischer Staat” zu handeln, 3) die Russen überreden kann, auf niemanden als auf ISIS zu schießen, und 4) die Türkei „kreativ“ beiträgt, was soll Amerika tun? Kissinger zufolge: „Die amerikanische Rolle in solch einem Nahen Osten bestände darin, den traditionell sunnitischen Staaten den militärischen Beistand zuzugestehen, den die Regierung ihnen bereits während der Debatte um das iranische Nuklearabkommen versprach“. Dieses Kamel hat die Oase seit langem verlassen; amerikanische Sicherheitsgarantien haben in den sunnitischen Golfstaaten keine Glaubwürdigkeit mehr.

Es gibt Dinge, die Amerika tun könnte, wäre es skrupellos genug. Das erste wäre, die Entstehung eines kurdischen Staates im heutigen Irak und Syrien zu ermöglichen und die iranischen Kurden verdeckt zu unterstützen. Das wird die Türkei erbosen, aber was soll’s? Zweitens sollte es Russland erlauben, einen Nachfolger für Assad zu ernennen, vorausgesetzt er tritt zurück. Sobald Assad beseitigt ist, sollte es eine Waffenruhe erzwingen und Syrien erlauben, sich in einzelne Provinzen aufzulösen, nämlich ein sunnitisches Territorium im Süden und Osten, ein Alewitistan an der Nordküste und eine kurdische Enklave im Norden an der türkischen Grenze. Drittens könnte es die Finanzierungsquellen von ISIS, Ölquellen und Raffinerien, auslöschen, ohne sich übermäßig um Kollateralschäden zu sorgen. Viertens sollte es dem Iran ein Ultimatum im Hinblick auf staatliche Terroraktivitäten stellen und, wenn nötig, einige Basen der Revolutionären Garden zu zerstören. Fünftens sollte es den Kataris klarmachen, dass sie kein Staat sind, sondern ein Volksstamm, der – sehr gefährlich – auf einer Gasblase sitzt, und dass jemand, der im Glashaus sitzt, keine Terroristen finanzieren sollte.

Um es kurz zu machen: Man neutralisiere rasch die übelsten der streitenden Faktionen, mag das auch schmutziges Geschäft sein, und beende das Abschlachten so schnell wie möglich, ohne sich allzu sehr um Bündnisse, Gewaltenteilung oder illusorische verfassungsmäßige Regelungen für nichtexistierende Staaten zu sorgen. Das ist keine Kryochirurgie, sondern Selektion auf dem Schlachtfeld, und es ist der beste Weg, das Blutvergießen rasch zu beenden.

 

[1] Anspielung auf die Ermordung Abraham Lincolns während eines Theaterbesuchs in Anwesenheit seiner Frau.

[2] Kissinger spielt an auf den Westfälischen Frieden (1648), der den Dreißigjährigen Krieg beendete. In ihm erhielten die einzelnen Staaten des alten Reichs das Recht, selbständige Außenpolitik zu treiben.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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