Spengler auf Deutsch 61: Trump wird die nationale Schlacht um Legitimität gewinnen

Das Original erschien am 9. Oktober 2016 unter dem Titel „Trump Will Win the National Battle for Legitimacy“ in PJMedia

Der Ringrichter hätte in der zehnten Runde abbrechen sollen. In seiner Attacke sagte Donald Trump: „Hillary hat die Macht ihres Amtes genutzt, um 250 Millionen Dollar zu kassieren. Warum investieren Sie nicht etwas davon? Sie machten eine Menge Geld, als sie Außenministerin waren. Warum stecken Sie nicht etwas Geld in ihre eigene Kampagne? Nur aus Neugier“: Schwankend und in den Seilen hängend japste Clinton, dass sie … den zweiten Verfassungszusatz befürwortet. Es war ein brilliantes rhetorisches Manöver: über Kampagnenfinanzierung sprechend flocht Trump eine Andeutung ein, dass Clinton sich bereichert habe, indem sie die Macht ihres Amtes für persönliche Zwecke nutzte – und Clinton antwortete nicht einmal. Das ist ein Sieg durch KO.

Das ist der entscheidende Punkt der Kampagne: die korrupten Machenschaften einer herrschenden Elite, die sich selbst über dem Gesetz sieht, und der Zorn des amerikanischen Volkes gegen die oligarchisch herrschende Klasse, welche die Leiter hinter sich hochgezogen hat. Trumps Treffer unter Clintons Wasserlinie kam am Ende der Debatte, gut vorbereitet durch Tiefschläge über Clintons gelöschte E-mails und Bills Vergewaltigungen. Trump gebrauchte das „G“-Wort – „Gefängnis“. Das war vielleicht der wichtigste Moment des Abends. Das ist keine Wahl über konkurrierende politische Konzepte, sondern ein Kampf um Legitimität. Ein sehr großer Teil der Wählerschaft (ein wie großer Teil werden wir nächsten Monat sehen) glaubt, dass ihre Regierung nicht länger legitim ist, dass sie das Instrument einer geschlossenen, Vetternwirtschaft treibenden Oligarchie geworden ist.

Im Großen und Ganzen stimme ich dem zu. „Amerikas Wirtschaft ist korrupt, kartellisiert und gegen Wettbewerb,“ habe ich schon im August geschrieben. Es ist typisch für Vetternwirtschaft, dass Lockheed Martins Aktienkurs sich in letzten drei Jahren verdreifacht hat und die Bezahlung seines Topmanagement-Teams von 12 Millionen pro Jahr auf über 60 Millionen Dollar gesteigert hat[1]. Mach Mist und werde reich damit: das ist Washington. Es ist keine triviale Angelegenheit oder nicht repräsentativ für unseren Zustand, dass der FBI-Direktor, der es ablehnte, Frau Clinton wegen falscher Handhabung von Geheimmaterial zu verfolgen, gerade in die Regierung von einem Job bei Lockheed Martin zurückgekehrt ist, wo er für ein einziges Jahr sechs Millionen Dollar verdient hat. Ich weiß nicht, ob FBI-Direktor Comey korrupt ist. Aber der Fall hat ein Geschmäckle.

Darum war es so wichtig, dass Trump vom Gefängnis für seine Gegnerin gesprochen hat. Wären die Dinge nicht an einem Punkt angelangt, an dem frühere Amtsinhaber ins Gefängnis gehörten, stände Trump nicht auf dem ersten Platz. Die republikanischen Wähler haben einen rücksichtslosen, unabhängigen, wohlhabenden, vulgären, rauhbeinigen Außenseiter nominiert, eben weil sie glauben, dass das System korrupt ist. Sie haben Recht, das zu glauben; wenn die Wähler ein Zehntel von wüssten, was ich weiß, würden sie mit Mistgabeln auf Washington marschieren.

Die gesamte Wochenendberichterstattung konzentrierte sich auf Trumps dreckiges Mundwerk, das in der Endabrechnung für nichts zählen wird. Niemand, der Trumps Medienauftritten in den letzten 30 Jahren gefolgt ist, hat irgendetwas anderes von diesem Protz erwartet. Wir sind mit Trump geschlagen, eben weil das republikanische Establishment über den Irak und die Wirtschaft implodiert ist.

Ich vermute, dass Trumps Zurückhaltung während der ersten Debatte bezweckte, seine Widersacherin einzuschätzen. Niemand wird sich bei der Wahl erinnern, was in der ersten Debatte gesagt wurde, und Trump schien Clinton zu testen und ihre Antworten zu erwarten. Dieses Mal hat er sie verwundet. Ob da noch mehr kommt – eine skandalöse Enthüllung irgendwelcher Art – weiß ich nicht. Aber angesichts von Trumps Erfahrung im Showbusiness können wir annehmen, dass die wirklichen Gemeinheiten noch kommen werden.

Wer auch immer gewinnt, ein sehr großer Teil der Wählerschaft – vielleicht mehr als ein Drittel – glaubt, dass es der Regierung an Legitimität fehlt. Solche Bedingungen hatten wir seit dem Bürgerkrieg nicht mehr. Wenn Trump verliert, werden seine Wähler eine korrupte Oligarchie und ihre Medien verantwortlich machen, dass sie eine Kriminelle ins Weiße Haus gewählt haben werden; wenn Clinton verliert, wird ihre Wählerschaft reagieren, als ob der Klu Klux Klan Washington übernommen hätte. In den letzten anderthalb Jahrhunderten der amerikanischen Geschichte hat es so etwas nicht gegeben und es ist eine undankbare Aufgabe, den Ausgang vorherzusagen. Nichtsdestoweniger werde ich es tun: Trump wird sie zerschmettern. Clinton, die Medien, die Umfragen und der Mainstream der republikanischen Partei haben den rebellischen Geist der Wählerschaft gründlich missverstanden.

[1] Die Lockheed Martin Corporation ist ein amerikanischer Rüstungs- und Technologiekonzern, der vor allem in der militärischen und zivilen Luftfahrt und in der Raumfahrt aktiv ist. Fast 80 % des 2014 erreichten Umsatzes von 46 Milliarden US-Dollar wurden durch Käufe der amerikanischen Regierung erzielt. (aus Wiki).

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

6 Kommentare zu „Spengler auf Deutsch 61: Trump wird die nationale Schlacht um Legitimität gewinnen“

      1. Ich vermute, es könnte daran liegen, dass Michael Klonovsky die Artikel auf seiner acta diurna verlinkt hat. Durch die erbärmliche Situation der deutschsprachigen Medien sammelt, vielleicht auch staut sich da zur Zeit sehr viel und der Wasserstand steigt täglich.

        Es gibt also einen wachsenden Markt für Rechtskonservatives bis Libertäres. – Dranbleiben! Und vielleicht mal über einen rechtslastig(er)en Cicero nachdenken.

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