Spengler auf Deutsch 72: Die Grenzen der Sharing-Economy

Das Original erschien am 12. November 2016 unter dem Titel “The limits of the sharing economy” in Asia Times.

Eine kleine dunkle Wolke ist über Amerikas “Sharing Economy” erschienen, einem der wenigen Lichtpunkte in einem Umfeld unternehmerischen Niedergangs. Neue Unternehmen schufen mehr als 100 % der Arbeitsplätze, die zwischen 1992 und 2005 geschaffen wurden, wie ich in einem Essay vom 23. Oktober dargelegt habe (“Small-ball conservatism or national greatness“). Zwischen 2008 und 2015 dagegen leisteten Startups netto keinen Beitrag zur Beschäftigung, eine verstörende Entwicklung.

Sicher, Amerikas Unternehmertum ist nicht tot, aber investiert kaum in Kapital und Arbeit. Der Löwenanteil des Risikokapitals geht in Apps, die eine Handvoll Programmierer und nahezu keine Kapitalinvestitionen erfordern. Uber und seine Imitatoren sind die berühmtesten. Heute erfahren wir aus Bloomberg News, dass zwei Topinvestmentbanken sich geweigert haben, Uber-Aktien an besonders gute Kunden zu verkaufen, weil dieser Mitfahrservice zu wenig finanzielle Daten preisgibt.

Die Frage ist nicht, ob Uber Geld machen kann, sondern ob die Einschätzung der Firma angemessen ist. Mit einem angegebenen Wert von 66 Milliarden Dollar behauptet Uber eben so viel wert zu sein wie Time Warner oder Texas Instruments. Einige Kommentatoren finden das weit übertrieben. Fest steht, dass Uber-Fahrer in einigen der größten amerikanischen Märkte nur 13 bis 14 Dollar pro Stunde verdienen. Sie akzeptieren eine niedrige Bezahlung, weil Uber (und ähnliche Unternehmen) ihnen zu arbeiten erlauben, wann immer sie Lust dazu haben. Mit einer Erwerbsquote von weniger als 63 % gibt es viele Menschen, die Zeit und Autos haben.

In Märkten wie New York, wo die Kosten für eine Taxikonzession 2011 eine Million Dollar erreichten, kann Uber die Taxipreise unterbieten, weil seine Fahrer keine Taxikonzession benötigen (dessen Kosten seit 2011 um etwa die Hälfte gefallen sind). Sicher, Uber verbrennt immer noch Geld, um Kunden anzuziehen. Ich habe gerade 89 Dollar bezahlt für einen Monat unlimitierter Benutzung seiner Autos. Da ich sehr früh zur Arbeit gehe, habe ich oft ein Auto für mich allein. Aber das Geschäftsmodell ist im Prinzip sinnvoll, die einzige Frage ist, was das Unternehmen wert ist.

Eine Ausweitung des Uber-Modells auf andere Dienstleistungen wie etwa Hausreinigung und Reparaturen ist weit weniger überzeugend. Ein Favorit des Risikokapitals ist Handy.com, das – wie Techcrunch.com im letzten Jahr berichtete – mehr als 100 Millionen Dollar aufgebracht hat.

Es hat Konsolidierung, Kollaps und andere Schwierigkeiten unter den Startups für häusliche Dienstleistungen gegeben, aber einige scheinen ihren Weg zu machen. Handy — ein Unternehmen für Hausreinigung und andere Dienste wie Möbellieferung und Zusammenbau und zwar mittels eines Apps, das Anbieter und Kunden verbindet – hat heute angekündigt, das es 50 Millionen Dollar neu aufgebracht hat, um das Unternehmen weiter wachsen zu lassen. Handy kommentiert seinen Wert nicht, ist aber Kennern zufolge in der 500 Millionen-Zone.

Die Schwierigkeit ist, dass häusliche Dienstleistungen weit weniger flexibel als Autofahren sind. In New York City kosten zwei Stunden Reinigung 54 Dollar, fast das Doppelte des üblichen Preises für eine Haushaltshilfe. Bequemlichkeit ist der einzige Vorteil von Handy.com, man kann über sein Smartphone buchen, statt nach einer zuverlässigen Haushaltshilfe zu suchen.

Ich habe ein wenig eigene Marktforschung betrieben, indem ich einige Stunden Hausreinigung bei Handy.com app buchte. Die ersten beiden Male ging alles gut, die Dienstleistung war teuer, aber adäquat. Zudem war sie am Abend erhältlich, wenn die meisten Haushaltshilfen nicht erreichbar sind. Beim dritten Mal kam der von Handy.com angekündigte „Experte“, ein geistesabwesender Mann aus New Jersey, nicht. Ich hatte ihn für Sonntagmorgen gebucht, während die vorherigen Engagements am Abend gewesen waren. Er schickte mir gegen Mittag eine SMS, um mir zu erklären, dass er vergessen habe, auf die Uhr zu sehen. Er versprach, um ein Uhr zu kommen, und sagte dann ab. Handy.com antwortete auf meine Emails zuerst mit Entschuldigungen, dann mit neuen Entschuldigungen und erklärte: Das Unternehmen nutze unabhängige Partner und könne bis zum Abend keine Alternative finden.

Anders als Uber, das weniger als die regulären Taxis berechnet, verlangen Handy.com und seine Wettbewerber erheblich mehr als die alternativen Dienstleistungsarten. Da sie keine Verantwortung für „unabhängige Partner“ übernehmen, können sie keine Arbeitskräfte finden, die ihre Einschätzung als „premium“ rechtfertigen. Das Management von marginalen Arbeitskräften – unausgebildete Arbeiter, die den Mindestlohn oder nur wenig mehr verdienen – ist ein ständiges Problem in der Fast-Food-Industrie und im Gesundheitswesen. Das kann nicht zufriedenstellend mit einem Smartphone-App gelöst werden, und die Anbieter von häuslichen Dienstleistungen sind nicht in der Position es zu lösen.

Selbst die brauchbarsten Sektoren der “Sharing Economy” scheinen überbewertet. Und das Modell kann nicht einfach vom Autofahren zu höher geschätzten Dienstleistungen ausgedehnt werden.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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