Spengler auf Deutsch 59: Die Nöte der Deutschen Bank werden eine seit langem überfällige Konsolidierung des Bankensystems einleiten

Das Original erschien am 29. September 2016 unter dem Titel „Deutsche’s woes will promt a long-overdue consolidation of banking system“ in Asia Times.

Um 12,30 mittags nach Eastern Standard Time fand der Markt heraus, was Spezialisten schon seit 48 Stunden wussten: Eine Anzahl großer Hedgefonds zog ihren Derivatehandel von der Deutschen Bank ab und auch das Geld, das dort als Gegenwert geparkt war. Eine Meldung bei „Bloomberg News“ berichtet: „Eine Anzahl Fonds, die ihren Derivatehandel von der Deutschen Bank AG abtrennen, haben überschüssige Liquidität und Positionen, die sie bei diesem Bankhaus haben, zurückgezogen, ein Zeichen steigender Besorgnis ihrer Geschäftspartner weiterhin Geschäfte mit Europas größter Investmentbank zu machen“. Das war den Derivatehändlern schon am Dienstag bekannt, hat aber die meisten Aktieninvestoren überrascht.

Nichts Aufregendes wird passieren. Geschäfte, welche Hedgefonds bisher mit der Deutschen Bank machten, werden zu ihren stärkeren Wettbewerbern verlagert werden und das Geschäft der Deutschen Bank wird schrumpfen. Je nachdem wie aggressiv das amerikanische Justizministerium seine angedrohte 14 Milliarden Dollar-Buße durchsetzt, ist es möglich, dass die Bank Gegenstand einer Zwangsfusion wird – und es ist sogar möglich, dass einige ihrer Anleihegläubiger Geld verlieren werden. Es wird weniger Banken geben und die, die überleben, werden wieder Geld verdienen. Es zahlt sich nicht aus, Aktionär einer Bank zu sein und abzuwarten, ob man einer der Gewinner ist. Das ist keine neue Lehman-Krise, als alles in Stücke ging. Aber es besteht auch kein Grund, Stammaktien von Banken zu haben.

Deutsche Bank Aktien sind bis zum Nachmittag um 6,5 % gefallen, gefolgt von Credit Suisse, die 4,5 % verloren hat. JP Morgan ist um 1,5 % gefallen. Wie ich schon am 26. September dargelegt habe, sind die riesigen Derivatebestände der Deutschen Bank ihre Achillesverse. Ihre außerbilanziellen Vermögenswerte betragen ein Viertel ihrer gesamten Vermögenswerte, eine Quote, die nur von Credit Suisse erreicht wird. Die englische Barclay’s Bank ist auf dem dritten Platz. Seit der Krise von 2008 sind „Derivate“ ein Schimpfwort geworden, aber sie enthalten sehr verschiedene Instrumente. Die „Derivate“, welche den Kollaps von Lehman Brothers im September 2008 auslösten, waren schon von der Konstruktion her betrügerisch, synthetische Rentenpapiere, die ein AAA-Rating trugen, jedoch als Ramsch hätten eingestuft werden sollen. Die Derivate der Deutschen Bank bestehen größtenteils aus Zinsrisiko-, Kredit- und Wechselkursabsicherungen, die in liquiden Märkten gehandelt werden und deren Verhalten ziemlich berechenbar ist.

Das ist eine begründete Annahme, aber der Markt weiß nicht, dass das Portefeuille gutartig ist. Die Deutsche Bank und Credit Suisse werden für ihre Undurchsichtigkeit bestraft. Aber noch unangenehmer als der heutige Rückgang des sowieso schon eingebrochenen Aktienkurses der Deutschen Bank ist der Preisverfall ihrer Vorzugsaktien. Für Vorzugsaktien erhält man eine fixe Dividende, aber sie sind unter den letzten Wertpapieren, die im Falle von Problemen bedient werden. Die 6,55 % Vorzugsaktie der Deutschen Bank – fällig 12/2049 hat nahezu 15 % ihres Wertes verloren, weil sie im Falle einer Reorganisation wertlos werden könnte.

Wie ich schon zu Beginn dieser Woche schrieb: Das ist keine Bankenkrise wie 2008, als die meisten Banken vergiftete Papiere mit 60:1-Hebel hielten. Heute haben wir nur einige Banken (Deutsche Bank, Credit Suisse und Barclay’s), die große Bestände an außerbilanziellen Derivaten haben, und einige Banken (vor allem italienische), die sich nicht von ihren faulen Krediten befreien können. Die meisten Banken handeln wie die sprichwörtlich langsamen Landratsämter.

Es gibt einfach zu viele Banken und zu wenig Geschäfte für sie. Die Rentenmärkte haben zu einem großen Teil das kommerzielle Kreditgeschäft ersetzt. Die neue Finanztechnologie reduziert die Zahl der Kreditsachbearbeiter, Bürokraten und Kassierer. Die Commerzbank, ein Konkurrent der Deutschen Bank, hat diesen Morgen 9.300 Entlassungen angekündigt, etwa ein Zehntel ihrer Arbeitskräfte. Das ist ein guter Anfang. Das europäische Bankwesen benötigt eine Reduktion seiner Belegschaften und seiner Branchen um mehr als die Hälfte. Laut dem Bloomberg European Banken Index betrug die Eigenkapitalrendite europäischer Banken gerade mal 3,3 % im September. Das ist nicht genug, und die Lösung heißt Konsolidierung.

Das erklärt wahrscheinlich, warum die deutsche Regierung einen Bailout der Deutschen Bank ausgeschlossen hat. Sicher, im Falle einer echten Krise würde die Regierung Einleger und die Gegenparteien von Deckungsgeschäften schützen – aber nicht die Besitzer von Aktien oder Anleihen. Am 27. September begann Andreas Dombert, ein Mitglied des Aufsichtsrates der deutschen Zentralbank, eine Rede in Wien mit der Frage: „Gibt es zu viele Banken?“ Er schloss mit der Feststellung: „…der Anteil des Bankensektors an wirtschaftlicher Aktivität wird zurückgehen … Wie das geschehen wird, hängt vom Markt ab“.

Das ist einfacher in Deutschland, das an chronischem Arbeitskräftemangel leidet, als in Frankreich oder Italien, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist und wo Jobs wie Familienerbstücke geschützt werden. Anscheinend hat die Bundesbank die Initiative ergriffen und die Deutsche Bank könnte den Anfang machen.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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