Spengler auf Deutsch 71: Um Trump zu verstehen, schauen Sie sich Franklin D. Roosevelt an

Das Original erschien am 9. November 2016 unter dem Titel “To understand Trump, look at Franklin D. Roosevelt“ in Asia Times.

Nach den üblichen Maßstäben war der amerikanische Präsident der Depressions-Ära, Franklin Delano Roosevelt, ein Versager. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, half nichts, was er tat, der verkrüppelten amerikanischen Wirtschaft. Seine Politik taumelte von einem fehlgeschlagenen Experiment zum nächsten: Preiskontrollen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Vernichtung von landwirtschaftlichen Produkten (um die Preise zu erhöhen) inmitten einer Hungersnot. Der geringfügige Anstieg der Bundesausgaben glich nicht einmal den Rückgang an einzelstaatlichen und lokalen Ausgaben aus.

Jedoch gewann Roosevelt die Präsidentschaft vier Mal – einzigartig in der amerikanischen Geschichte – und hielt das amerikanische soziale Gefüge in den dunklen Jahren der Depression zusammen – nicht weil er erfolgreich war, sondern weil er es versuchte.

Die Amerikaner haben Donald Trump gegen alle Erwartungen der Umfragen und Spezialisten gewählt, weil sie einen Präsidenten wollen, der etwas tun wird gegen die stille Verzweiflung, die sie in den letzten acht Jahren befallen hat. Donald Trumps Kampagne konzentrierte sich auf Steuersenkungen und harte Haltung in Handelsfragen, ein vages und teilweise unlogisches wirtschaftliches Programm. Aber das macht nichts. Trump hat verstanden, dass etwas Großes und Dramatisches getan werden muss. Mag sein, dass er nicht weiß was, aber die amerikanischen Wähler haben ihm ein Mandat gegeben, es zu versuchen, bis er Erfolg hat.

Als Roosevelt 1933 auf dem Tiefpunkt der Großen Depression das Amt übernahm, lag die amerikanische Arbeitslosenzahl auf einem Rekord von 25 %. Aber diese Rate von 25 % wurde berechnet vor der Erwartung, dass neun Zehntel der erwachsenen männlichen Bevölkerung für ihren Lebensunterhalt arbeiten würden. Die Erwerbsquote – wenn die Regierung sie berechnet hätte – hätte bei 65 % gestanden. Heute liegt die Erwerbsquote unter 63 %. Die Arbeitslosenquote steht bei 5 % statt eher bei 25 %, weil ein Sechstel der amerikanischen erwachsenen Männer dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht, und weil eine Unzahl von Maßnahmen Arbeitslosigkeit kaschiert, von Studentenkrediten bis zu Berufsunfähigkeitsrenten.

Trump will eine Billion Dollar in die Infrastruktur investieren. Das bedeutet eine erhebliche Zunahme an öffentlicher Beschäftigung und die Neuausgabe einer großen Zahl von Bundesanleihen. Er hat völlig Recht. Schlimmer als der Verfall von Brücken und Tunneln ist der Verfall der Arbeitskraft. Kein Land kann es sich leisten, ein Sechstel seiner erwachsenen Bevölkerung müßig gehen zu lassen und zugleich auf eine Erholung hoffen. Das erste, was zu tun ist, ist die Leute an die Arbeit zu bringen – wie Roosevelt es mit seiner „Alphabet Soup“ durch die öffentlichen Arbeitsagenturen tat.

Ich habe meine eigenen Ideen, was Präsident Trump tun sollte, aber das ist diese Nacht unwichtig. Die Amerikaner haben die Stagnation und das soziale Herumbasteln der Obama-Jahre zurückgewiesen, so wie sie den Incrementalism[1] der Small-Ball-Konservativen wie John McCain, dem republikanischen Kandidaten von 2008, und Mitt Romney, der ihm 2012 nachfolgte, zurückgewiesen haben.

Es handelt sich nicht eigentlich um einen republikanischen Sieg. Die selbsternannten Wächter der republikanischen Ideologie haben größtenteils Clinton unterstützt oder hielten sich raus. George Bush, Vater und Sohn, enthielten sich – wie berichtet wird – der Stimme. Es ist – wie auch immer – ein amerikanischer Sieg, der Triumph von Amerikas Risikofreude und seines Willens, sich anzupassen, zu experimentieren und etwas auszuprobieren.

Es gibt keinen Grund für Amerikas Partner oder Wettbewerber in Panik zu verfallen. Amerika ist eben einfach Amerika. In seinem Herzen hat es wenig Interesse für das, was einen Ozean weit weg von seiner Küste passiert, und unter einer Trump-Präsidentschaft wird es weniger geneigt sein, sich überseeisch einzumischen. Ich erwarte, dass Trump mehr Ressourcen aufwenden wird, um das Militär und speziell militärische Technologie zu entwickeln, etwas das Moskau und Peking nicht mögen werden, was nicht von allein in irgendeine Art der Konfrontation münden wird.

Amerikas Anleihen werden wahrscheinlich steigen, sowohl weil Trump das Wirtschaftswachstum mit großen Ausgaben unterstützen will, als auch weil höheres Wachstum höhere Zinsen mit sich bringt. Der Dollar wird schwächer werden, und der kalte Wind der Deflation, der die Vereinigten Staaten während der letzten drei Jahre durchweht hat, wird sich abschwächen.

Die amerikanische Öffentlichkeit hat Herrn Trump das Mandat gegeben, etwas radikal Anderes zu versuchen als die enttäuschenden Maßnahmen der letzten acht Jahre. Es wird wahrscheinlich ein rauer Weg werden, heraus aus der wirtschaftlichen Stagnation und strategischen Verzichts. Aber es ist ein Weg heraus, und das ist letztlich etwas Gutes für den Rest der Welt.

[1] Incrementalism ist eine Planungsmethode, die bestrebt ist, mit relativ kleinen Veränderungen eine allmähliche Verbesserung bestehender Zustände zu erreichen.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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