Spengler auf Deutsch 66: Amerikaner sind kein „Volk“ und Bob Dylan ist nicht unser Dichter

Das Original erschien am 26. Oktober 2016 unter dem Titel “Americans Are Not a ‚Folk‘ and Bob Dylan Is Not Our Poet” auf PJMedia.

 

Erfundene Identitäten sind ein Gemeinplatz in der Kulturgeschichte. In der Musikgeschichte bleibt das bemerkenswerteste Beispiel der sogenannte „Gregorianische Gesang“, der im frühen 19. Jahrhundert von Benediktinermönchen der Abtei Solesmes durch „quellenkritische“ Forschung „wiederentdeckt“ wurde. Erschüttert durch die Französische Revolution, die ihren Orden fast ausgelöscht hatte, suchten die Benediktiner eine authentische mittelalterliche katholische Kultur, den musikalischen Ausdruck eines mythischen Zeitalters des Glaubens, und dachten, sie fänden ihn, indem sie aus der Unzahl verschiedener Stile, welche die kirchliche Praxis befallen hatten, einen Urgesang rekonstruierten. Es war alles Betrug, Narretei, Unsinn, wie spätere Gelehrte gezeigt haben, zum Beispiel Katherine Bergeron in ihrer 1998 erschienenen Studie „Decadent Enchantments“, die ich hier besprochen habe. Gleichwohl hat Gregorianischer Gesang in der Themenpark-Version von Solesmes eine so große Affinität zum katholischen Gottesdienst, dass viele Katholiken sich zu glauben weigern, dass sie angeführt worden sind.

Und ebenso ist es mit Bob Dylan, dem Parodisten, Satiriker, Schwindler und Quacksalber par excellence. Er hat nie vor uns verborgen, was er im Sinn hatte; er spielte mit unseren Köpfen seit unserer Schulzeit; er fand den Hebel, der unsere Tränen löst und unsere Brieftaschen öffnet. Er ritt auf einer Welle in den frühen 1960ern, der Wiederbelebung der Volksmusik, die ihrerseits ein Schwindel ist. Wir Amerikaner sind kein „Volk“ in den Sinn, in dem Johann Gottfried Herder den Begriff gebrauchte. Wir haben nicht die tiefe Erinnerung an autochthone Wurzeln, die europäische Kulturen charakterisiert. Wir sind ein Volk, selbstgeschaffen durch einen religiösen und politischen Impuls. Wir haben eine andere Kultur und es ist eine selbstgeschaffene Kultur, eine Variation von Pilgrim’s Progress[1], aus dem der Poor Wayfaring Stranger[2] (der arme wandernde Fremde) wurde oder Pilger, welche die Freiheit auf einem Floß den Mississippi abwärts suchen, oder rächende Westernrevolverhelden, ausgekochte Privatdetektive oder – ja – ein junger Mann in Arbeitskleidung und Jeans, der eine Gitarre trägt. Ich habe zu Beginn dieses Jahres in einem Vortrag vor der „Heritage Foundation“, den das „Tablet Magazine“ hier publiziert hat, zu definieren versucht, was die amerikanische Kultur besonders geformt hat.

Wir sind kein Volk, sondern eine Kirche, und unsere ursprüngliche Musik ist Kirchenmusik – beispielsweise die „Battle Hymn“[3] mit dem Zitat aus Jesaja 63, oder „The Year of Jubilo[4]„, dessen hymnische Wurzeln ich hier analysiert habe. Unsere volkstümliche poetische Sprache ist die unseres nationalen Epos‘, der King James-Bibel. Wir sangen die „go-to-meeting“ (geh-zur-Versammlung) Lieder der methodistischen und sonstigen protestantischen Denominationen. Das beeinflusste die „Spirituals“ der schwarzen Sklaven, die uns unsere erste originale Kunstform gaben. Amerikanische Volksmusik? Die Gospel sind das, was diesem Konzept am nächsten kommt.

Wie ich in dem Heritage-Vortrag ausführte:

Die Völker der alten Welt erinnern sich an eine Zeit vor dem Christentum, als ihre Wälder und Felder noch von den minderen Göttern der heidnischen Welt bevölkert waren. Das ist Max Webers „verzauberte Welt“, wimmelnd von magischen Kreaturen, Überbleibsel der alten Volksreligionen, welche die Ankunft des Christentums überlebten. Es ist eine Welt, die nur Archetypen, aber keine Charaktere kennt. Die Kulturen der Alten Welt sind in der Vergangenheit fixiert; ihre Zeit ist das „Es war einmal“, die amorphe Zeit der Legende. Ein Tag, ein Jahr und ein Leben sind ununterscheidbar. Ein Reisender kommt durch Zufall zum Fest in einem verzauberten Schloss, und die sieben Tage seines Aufenthalts stellen sich als sieben Jahre heraus. Washington Irving funktionierte dieses alte Märchen um mit einem ironischen Meisterstreich: Er ließ Rip van Winkle in der alten Welt der Legende einschlafen und weckte ihn auf in der neuen Zeit der Amerikanischen Revolution. Mit dieser Geschichte erklärte unser erster nationaler Schriftsteller seine Unabhängigkeit von den literarischen Quellen der Alten Welt, und bannte die verzauberte Welt mit der hellen Licht des neuen Zeitalters.

Die Volkspoesie der europäischen Völker ist verlaust mit magischen Kreaturen. Das ist das „verwunschene Land“, vor dem John Bunyan den christlichen Pilger in seinem 1678 erschienenen Traktat Pilgrim’s Progress warnte. Das Thema durchdrang die protestantische Kultur in den frühen Jahren der amerikanischen Republik. Hier ist eine Version dieser Idee in einer methodistischen Hymne von 1809:

Good morning, brother traveler,

(Guten Morgen, Bruder Reisender,)

Pray tell to me your name:

(Bitte sag mir deinen Namen)

What country you are traveling to;

(Zu welchem Land reist du;)

Likewise from whence you came?

(Und woher kommst du?)

My name it is Bold Pilgrim

(Mein Name ist Kühner Pilger)

To Canaan I am bound,

(nach Kanaan bin ich unterwegs,)

I’m from the howling wilderness

(ich komme aus der heulenden Wildnis)

And the enchanted ground.

(und aus dem verwunschenen Land)

Ich hörte es zuerst in Paul Robesons Aufnahme von “Joshua Fit the Battle of Jericho,“ als einen interpolierten Mittelvers.

Was dagegen in den 1940ern und 1950ern als „Volksmusik“ durchging, war der Überrest von englischen Balladen, die in isolierten Gemeinden in den Appalachen überliefert und von Musikologen wiederendeckt worden waren. Joan Baez machte aus solchen Funden eine Spezialität. John und Alan Lomax sammelten Appalachen-Musik, afro-amerikanische Musik und andere Überbleibsel abseits vom amerikanischen Mainstream als einen Ausdruck authentischer „Volks“-Kultur. Die ganze „Volks“-Bewegung war durch und durch stalinistisch (einschließlich Woody Guthrie, der ein Sympathisant der Kommunistischen Partei und wahrscheinlich auch Mitglied war. Woher ich das weiß? Meine verstorbene Mutter war Arlos[5] Kindergartenlehrer im Roten Brooklyn der 1940er).

Natürlich war das alles Schwindel. Woody Guthrie war der Sohn eines Anwalts der Mittelklasse. Pete Seeger war das privilegierte Kind klassischer Musiker, der nach Greenwich Village getürmt war. Die Authentizität der Volksmusik-Bewegung stank nach Theaterschminke. Aber eine Generation von Mittelklasse-Kindern, die – wie Holden Caulfield[6] – ihre Eltern für „rückständig“ hielten, fühlten sich von der Volksbewegung angezogen. 1957 war Seeger ein Trinker und spielte für Almosen bei Zusammenkünften der Kommunistischen Partei; dort traf ich ihn zum ersten Mal, mit roter Nase und sonst allem. Aber in den frühen 1960ern war er wieder ein Star.

Zu Dylans Ruhm: Er wusste, er war ein Betrüger; er verbrachte den ersten Teil seiner Karriere damit, mit unseren Köpfen zu spielen. Er konnte eine glaubwürdige Imitation eines „Come-to-Jesus“-Song (Komm zu Jesus) liefern („When the Ship Comes In“) und pseudovolkstümliche Bilder mit Sozialprotest vermischen („A Hard Rain is Gonna Fall“). Aber er wusste, es war alles ein Spiel mit der Popkultur. („Lone Ranger and Tonto/Riding down the line/Fixin‘ everybody’s troubles/Everybody’s ‚cept mine“). Als er unter den Pfiffen der Volks-Puristen beim Newport Festival auf elektrische Gitarre umstellte, wusste er, es war nur eine andere Art von Ulk.

Dylan verstand die biblische Selbsterschaffung, die am Anfang der amerikanischen Kultur steht, und wie leicht amerikanische Verehrung sich ins Verrückte wenden kann. Bei seinen ersten Versuchen auf der Elektrogitarre textete er, was ich immer noch für seinen komischsten Vers halte: „God said to Abraham: ‚Kill me a son’/Abe said, ‚Man, you must be puttin me on.'“ (Gott sagte zu Abraham: Töte mir einen Sohn/ Abraham sagte: Hey Mann, willst du mich veräppeln?). Dylan war klug und einsichtig, aber auch faul und verachtete sein Publikum. Ein Edelstein pro Lied ist genug, schien er zu denken. Die Edelsteine waren meist vergraben in der vorhersehbaren Füllmaterial, das den größten Teil seiner Lyrik ausmacht. Das Genre, das er gewählt hatte, war teilweise verantwortlich dafür: es war der Schwindel eines Schwindels.

Ja, Dylan nutzte biblische Bilder, e. g. in „All Along the Watchtower.“ Aber mit welcher Absicht nutzte er sie? Julia Ward Howe schaffte es, dass Jesajas Bild vom blutbefleckten Gott der Rache, der die Nationen in einem Weinfass mit Füßen zertritt, für unsere Große Generation wahr klang – ich meine die Generation des Bürgerkriegs, nicht die des Zweiten Weltkriegs.

Wir haben erstklassige Dichter gehabt: Robert Frost ist unser nationaler Dichter, wenn wir denn wählen müssen. Dylan ist ein kluger Satiriker, der Ververtiger leichter Verse, ein Hofnarr, der sich weigert, uns ernstzunehmen. Dafür verdient er ein Mindestmaß an Anerkennung (und für seine Weigerung, diese unerträglichen ausgestopften Hemden der Schwedischen Akademie wahrzunehmen, die er so wenig ernstnimmt wie seine Mitbürger). Zur Hölle mit den Schweden, die immer den Fehler gemacht haben, zu denken, sie wären wichtig, und die uns jetzt vorschreiben wollen, wie wir unseren eigenen literarischen Pantheon einzurichten haben. Die Tatsache, dass es Leute gibt, die Dylan als Dichter ernstnehmen, ist ein Anzeichen für unsere kulturelle Misere.

[1] “The Pilgrim’s Progress from This World to That Which Is to Come” ist ein allegorisches Buch des englischen Baptistenpredigers John Bunyan. Es handelt sich um ein im Februar 1678 veröffentlichtes christliches Erbauungsbuch. Es schildert eine allegorische Pilgerreise ins Jenseits (aus Wiki).

[2] Populärer amerikanischer Gospelsong.

[3] „The Battle Hymn of the Republic“ („Die Schlachthymne der Republik“) ist ein amerikanisches patriotisches Lied. Den Text verfasste die Abolitionistin Julia Ward Howe 1862 während des Amerikanischen Bürgerkriegs.

[4] „Kingdom Coming“, auch bekannt unter dem Titel „The Year of Jubilo“, ist ein Lied aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, verfasst von Henry C. Work 1862. Das Lied ist aus dem Blickwinkel der von den Konföderierten versklavten Schwarzen geschrieben, die ihre herannahende Freiheit feiern.

[5] Sohn von Woody Gurthie.

[6] Romanfigur aus Salingers „Fänger im Roggen“.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

5 Kommentare zu „Spengler auf Deutsch 66: Amerikaner sind kein „Volk“ und Bob Dylan ist nicht unser Dichter“

  1. interessanter Text, wie immer. Ein kleine Bemerkung sei mir erlaubt. Müsste man Dylans „Man, you must be putting me on?“ nicht vielmehr mit: „Mann, willst du mich veräppeln?“ übersetzen?

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