Spengler auf Deutsch 23: Über Iowa und die Welt

Das Original erschien am 2. Februar 2016 unter dem Titel “On Iowa and the world” in Asia Times.

Nach dem Sieg von Ted Cruz im Iowa-Caucus der letzten Nacht bleibt Senator Marco Rubio als Alternative des „Establishments“ gegen die „populistischen“ Rebellen, nämlich Cruz und Donald Trump – jedenfalls erzählen uns das die Experten in den amerikanischen Medien. Rubios dritter Platz – besser als erwartet – lässt dem „Establishment“ ein brauchbares Pferd im Rennen, nachdem Bush 3.0 implodierte. Amerikanische Vorwahlen sind selbst für amerikanische Analysten undurchsichtig; von einem asiatischen Standpunkt aus müssen sie unverständlich wie die Stammestänze der Eingeborenen auf Neu-Guinea erscheinen. Nichtsdestoweniger ist Iowa ein bedeutsamer Augenblick in einer sich radikal ändernden Welt.

“Niemand mag Ted Cruz”, hört man von Anhängern des Establishments. Einer von Mitt Romneys größten Spendenwerbern sagte mir: „Da sind 99 andere Senatoren und hunderte von Kongressabgeordneten, und keiner von ihnen mag Cruz. Wie könnte er gewählt werden“?

Cruz’ Kollegen verabscheuen ihn aus guten Grund. Während der Reagan- und der Bush-père-et-fils-Regierung ist das republikanische Establishment eine eindrucksvolle Macht geworden, mit großen Medien („Fox News“ und „Wall Street Journal“), Denkfabriken (mit dem „American Enterprise Institute“ an der Spitze) und – wohl am wichtigsten – einer intellektuellen Kaste, die bereit ist, vielversprechende junge Leute für künftige hohe Positionen zu trainieren und zu betreuen. Obwohl die amerikanischen Universitäten unter den Einfluss der Linken geraten sind, haben konservative Stützpunkte an den Universitäten die Möglichkeit, Studenten in die richtigen Praktika, Anfängerjobs und gehobene Positionen zu lotsen, mit angemessenen Doktoraten, gelehrten Artikeln, mittelmäßigen Büchern und Zeitschriftenkolumnen.

Und am Ende des Karrierezyklus warten Lobbyfirmen mit Pensionsplänen. Newt Gringrichs 1,6 Millionen Dollar Lobby-Gebühr für die „Federal National Mortgage Association“ (eine amerikanische Hypothekenbank), eine Hauptschuldige für die Subprime-Krise von 2008, war unerhört, aber nicht untypisch. Die Spenderliste, die Irving Kristol einst zusammenstellte, als er das „American Enterprise Institute“, den Kindergarten (auch im Original deutsch) der Reaganregierung, leitete, bietet immer noch Stipendien bei Stiftungen, Forschungsgelder und Druckkostenzuschüsse für unverkäufliche Publikationen.

Das Problem ist, dass das republikanische Establishment in den Jahren nach 2000 katastrophal versagt hat. Es verkaufte sich an die Subprimespekulanten (obwohl die Leitartikel des „Wall Street Journal“ früh und oft vor den Risiken warnten, die staatliche Garantien für riskante Hypothekenkredite darstellen). Es schlief mit offenen Augen, als die Banken den Vorsitzenden der Fed (Federal Reserve System, die amerikanische Zentralbank) Alan Greenspan überredeten, einen 70 zu 1-Hebel auf betrügerische AAA-Wertpapiere[1], die durch Hypotheken abgesichert waren, zu erlauben. Und es unterstützte geschlossen die dümmste Idee in der Geschichte der amerikanischen Außenpolitik, nämlich den Export von Demokratie unter Inkaufnahme großer Verluste an Blut und Geld.

Der Rest der Welt knirscht mit den Zähnen aus Frustration über Amerikas Entschlossenheit, seine Dummheiten fortzusetzen. Auf George W. Bushs strategisches Ausgreifen folgte Barack Obamas strategischer Rückzug; er überließ es dem Rest der Welt, Lösungen für Probleme zu improvisieren, um die sich Amerika früher zu kümmern pflegte – zum Beispiel den sich ausbreitenden sunnitischen Dschihadismus. Das Establishment war eine Schöpfung von Reagans Sieg im Kalten Krieg, und es glaubt immer noch, dass es im Kalten Krieg kämpft, wie in John Kasichs Debattenbeitrag sichtbar wurde, der versprach, Putin ins Gesicht zu schlagen – womit ein Provinzpolitiker sich als harter Bursche profilieren wollte.

Im Herbst 2014 hatte Cruz sich den Zorn des Establishments zugezogen, als er betonte, dass die Vereinigten Staaten zu lange im Irak geblieben seien, und hinzufügte, dass Amerika nicht versuchen sollte, den Irak in eine Art Schweiz zu verwandeln. Das war nicht nur Häresie, sondern eine existentielle Bedrohung für ein Establishment, das sich Bushs „Freiheits-Agenda“ verpflichtet fühlt, einschließlich des gescheiterten und falsch benannten „Arabischen Frühlings“. Amerikaner verzeihen eine Menge, aber sie verzeihen nicht leicht einer Regierung, die amerikanische Soldaten in den Tod schickte, um ein fehlgeschlagenes soziales Experiment durchzuführen.

Die Bauern sind jetzt vor Frankensteins Burg aufmarschiert, und der durchtriebene Donald Trump profiliert sich draußen auf Kosten des Establishments, macht den Irakkrieg lächerlich und bietet an, mit Wladimir Putin zusammenzuarbeiten. Würde Ted Cruz zum Präsidenten gewählt, würde dem gesamten Apparat des Establishments der Boden unter den Füßen weggezogen – den Stipendien, dem Lobbyismus etc. Frischpromovierte Doktoren in „politischer Philosophie“ müssten Lehraufträge zu Hungerlöhnen annehmen, statt durch die Hallen des Kongresses zu stolzieren.

Cruz ist so verhasst, weil er einfach klug genug ist, um ohne das Establishment auszukommen. Cruz vergleicht sich gern mit Reagan, dessen autodidaktische Bildung ihm in der Außenpolitik die Unabhängigkeit des Urteils und das Zutrauen gab, den Sieg im Kalten Krieg anzustreben, als das damalige Establishment das für unmöglich hielt. Cruz wird in vieler Hinsicht ein größeres Problem haben, wenn er gewählt werden sollte: In dem Jahrzehnt vor Reagans Sieg hatten die Neokonservativen (geführt von ihrem „Paten“ Irving Kristol) das Terrain vorbereitet, hatten akademische Studien publiziert und die wichtigen Themen in den Meinungsseiten der großen Medien erörtert. Heute wäre die Ausbeute sehr viel geringer. Es ist nicht so sehr, dass der Kaiser keine Kleider anhat, als dass das Reich keine Schneider hat.

Sollte Cruz gewählt werden, wird er seinem eigenen Urteil in einem Ausmaß folgen müssen, wie es kein amerikanischer Präsident seit Lincoln getan hat. Es ist intelligent und arrogant genug, das zu tun, und er wird der Patronage des Establishments nichts schuldig sein. Er wird der klügste Mann im weißen Haus seit eineinhalb Jahrhunderten sein. Er ist der Bushregierung nicht verpflichtet und wird nicht Bill Kristol vom „Weekly Standard“ oder Charles Krauthammer von „Fox News“ einladen, um seine Antrittsrede zu schreiben, wie Bush es 2004 tat. Er gewann den Caucus in Iowa, indem er das stärkste Graswurzel-Netzwerk des Landes aufbaute (er behauptet, er habe einen Kampagnen-Organisator in jedem Bundesstaat der Vereinigten Staaten), was ihn vom Parteiapparat unabhängig macht.

Liebenswürdig, jungenhaft, fotogen und eloquent ist Marco Rubio der Kandidat, den “Central Casting” (eine Schauspieleragentur) dem Establishment sandte. Rubio, ein mittelmäßiger Student an der Universität und während seiner gesamten Karriere ein Politiker des Florida-Klüngels, hat seinen Text gelernt, aber er hat nicht einen originellen Gedanken über Außenpolitik. Darum mag ihn das Establishment. Cruz weiß, das Establishment ist nackt, und ist bereit, das zu sagen. Darum mag es ihn nicht. Sie sollen ihn auch nicht mögen. Sie sehen ihn an, wie ein Sparschwein den Hammer anschaut.

Cruz ist kein “Jacksonischer”[2] Isolationist (wie die Spezialisten des Establishments behaupten) in dem Sinne, in dem Walter Russell Mead[3] den Begriff verwandte, vielmehr ist er ein Realist wie John Quincy Adams[4] in der Interpretation von Angelo Codevilla[5]. Cruz fühlt keinen ideologischen Drang, die amerikanische Weltherrschaft durchzusetzen. Er ist besorgt um Amerikas Sicherheit und Amerikas Macht. Das Establishment entstand in dem kurzen Moment, in dem Amerika das Oberhaupt einer unipolaren Welt war, und ist geprägt von diesem Bild, wie kleine Enten vom Bild ihrer Mutter. Aber die Welt hat sich gewandelt. China ist eine Weltmacht geworden, wenn auch eine Weltmacht, die der Westen Mühe hat zu verstehen, und Russland kämpft um seine nationale Wiedergeburt. Diese Entwicklungen sind weder gut noch schlecht für Amerika, sondern das genaue Gegenteil. Von einer Cruzregierung können wir eine Verfolgung amerikanischer Eigeninteressen erwarten, was eine substantielle Verbesserung der militärischen Technologie meint, ebenso wie Zusammenarbeit mit Russland und China, wo es amerikanischen Interessen dient, und Opposition, wo es das nicht tut.

Damit will ich nicht sagen, dass Peking oder Moskau über eine Cruz-Präsidentschaft glücklich wären. Zum einen würde Cruz wahrscheinlich versuchen, den Abstand zwischen der amerikanischen Militärtechnologie und der des Rests der Welt zu vergrößern. Aber Außenpolitik würde kalkulierbar und nicht chaotisch sein, und das ist etwas, womit Amerikas Wettbewerber leben könnten.

[1] Mit einem dreifachen A, dem Triple-A, werden Wertpapiere der besten Bonität gekennzeichnet.

[2] Gemeint ist Andrew Jackson, der siebte Präsident der USA (1829-1837).

[3] Walter Russell Mead, amerikanischer Politikwissenschaftler. In seinem 2001 publizierten Buch „Special Providence. American Foreign Policy and How it Changed the World“, beschreibt Mead den “Jacksonism” als eine der grundlegenden Traditionen amerikanischer Außenpolitik.

[4] Sechster Präsident der USA (1825-1829).

[5] Von Spengler sehr geschätzter amerikanischer Politikwissenschaftler.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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