Spengler auf Deutsch 63: Das Dach der Echokammer hebt ab

Das Original erschien am 20. Oktober 2016 unter den Titel “The Roof Blows Off the Echo Chamber” in PJMedia.

 

„Wir haben eine Echokammer[1] geschaffen. Sie sagten Dinge, die bestätigten, was wir ihnen zu sagen vorgegeben hatten. In Abwesenheit eines rationalen Diskurses reden wir in Phrasen … Der durchschnittliche Reporter, mit dem wir sprechen, ist 27 Jahre alt, und seine einzige Erfahrung als Reporter besteht aus politischen Kampagnen. Das ist eine grundlegende Veränderung. Sie wissen wirklich nichts“.

So sprach ein gewisser Ben Rhodes, literarischer Dilettant und Möchtegern-Don DeLillo, in einem verblüffenden Interview-Essay durch David Samuels in der „New York Times” vom letzten Mai. Rhodes beschreibt dort, wie man der amerikanischen Zivilgesellschaft den Nuklearvertrag mit dem Iran schmackhaft gemacht hat, nämlich durch Ignoranten in den Medien, die pflichtschuldig die Echos wiederholten, welche aus dem Regierungsstall vermeintlich unabhängiger Experten kamen. Aber das „Echokammerprinzip“ trifft auf alles zu, was die Medien des Establishments dem Publikum weismachen wollen. Das Schlimme mit Echokammern ist aber, dass positive Rückmeldungen das Dach abheben lassen können. Das ist es, was gerade jetzt in der amerikanischen Politik vorgeht.

Es gibt keinen Nachrichtenaustausch. Es gibt keine nationale Debatte. Es gibt keinen Ed Murrow, keinen Walter Cronkite, keine Person mit Autorität, zu der das Publikum ein gewisses Vertrauen hat, sie werde die relevanten Fakten präsentieren. Statt dessen hatten wir so viele Lügen, Verschleierungen, aufgedeckte Verschleierungen, neue Lügen, neue Verschleierungen und neue aufgedeckte Verschleierungen, dass selbst die Experten mit Informationen überlastet sind. Was aber geht im Hirn eines durchschnittlichen Wählers mit geringem Interesse an Politik vor, der täglich zehn bis 15 Minuten die Nachrichten sieht?

Die Antwort ist: Fast alles, was Sie sich vorstellen können. Gemäß einer Untersuchung von Pew Research empfangen zweiundsechzig Prozent der Amerikaner zumindest einige ihrer Nachrichten über Soziale Medien und der Anteil wächst schnell. Facebook und andere soziale Medien erlauben es, den Nachrichtenkonsum individuell auf der Basis von Empfehlungen und Re-Postings von Freunden anzupassen, und Nachrichtenkonsumenten verlassen sich zunehmend mehr auf ihr Netzwerk als auf die Medien.

Auf diese Weise verwandelte sich Steve Bannons “Breitbart News”-Organisation mit ihrer ausgefallenen Mischung aus saftigem Klatsch und rechter Politik fast über Nacht in ein ernstzunehmendes Medium. Auf diese Weise erhielt Drudge Report[2] 1.47 Milliarden Seitenbesuche im Juli. Niemand weiß, was die Amerikaner glauben. Nur einer von neun Amerikanern glaubt, dass Hillary Clinton „ehrlich und glaubwürdig“ ist. Sie haben kein Vertrauen in die Verschleierung ihrer Vergehen durch die Medien, und die Verschleierung der Verschleierung der Verschleierung.

Glauben sie, was der National Enquirer an die Spitze seiner Website setzte, dass Hillary ihre Handlanger lesbische Rendezvous arrangieren ließ? Glauben sie, dass Hillary Muslime „sand N—ers“ (sandfarbige Nigger) genannt hat? Glauben sie, dass die Clintons für 46 unaufgeklärte Selbstmorde verantwortlich sind? Oder glauben sie einfach, dass Bill und Hillary 250 Millionen Dollar einnahmen, indem sie ihren Einfluss verkauften, einen privaten Email-Server nutzen, um ihre Eigenmächtigkeiten im Außenministerium zu verbergen, und logen, bis sie schwarz wurden, als man sie ertappte.

Es gibt keine Möglichkeit herauszufinden, was die Leute denken. Für die meisten Amerikaner ist es unmöglich, sich ein Urteil zu bilden, mit dem sie zufrieden sind, weil sie keine Informationsquellen haben, denen sie vertrauen können. Bei Fox News herrscht ein Bürgerkrieg zwischen Pro- und Anti-Trump Republikanern. Die anderen großen Netzwerke stehen auf Seiten Hillarys. Die etablierten Medien haben an Glaubwürdigkeit verloren. In einer Gallup Umfrage vom September sagten nur 32 % der Amerikaner, sie hätten „großes“ oder „ziemlich viel“ Vertrauen in die Nachrichten der Medien. Das ist der niedrigste Stand in der Geschichte und sollte keine Überraschung sein: Die großen Medien mussten alle paar Tage eine neue Verschleierung zusammenstoppeln, noch bevor sie die vorangegangene Lügengeschichte richtig beendet hatten.

Das ist der Grund, warum Amerikaner nicht einfach die Abendnachrichten ansehen und ins Bett gehen. Sie lesen die Gerüchte im Internet und leiten sie an ihre Freunde weiter. Sie schaffen Netzwerke von Personen, denen sie vertrauen, in der Hoffnung, eine korrekte Darstellung dessen zu finden, was um sie herum vorgeht.

Darum glaube ich immer noch, dass die Wahl an Donald J. Trump gehen wird. Die Umfragen sind bedeutungslos. Ansichten ändern sich so schnell wie der neue Terminator in dem geschmolzenen Stahlbottich am Ende des Films. Und wenn die Amerikaner schließlich in die Wahlkabine gehen, dann wird ihnen kein Grund einfallen, für Hillary Clinton zu stimmen, sondern nur Gründe, gegen Trump zu stimmen. Es gibt weit mehr überzeugende Gründe, gegen Clinton zu stimmen. Aber so wird die Wahl ablaufen.

[1] Im Englischen ist “Echo chamber” eine metaphorische Beschreibung eines Zustandes, in dem Informationen sich durch Weiterleitung und Wiederholung innerhalb eines geschlossenen Systems immer weiter verstärken, während abweichende oder widersprechende Informationen zensiert oder auf andere Weise unterdrückt werden.

[2] Drudge Report ist eine konservative amerikanische Nachrichtenwebsite.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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