Spengler auf Deutsch 20: Der aufhaltbare Aufstieg des Donald Trump

Das Original erschien am 25. Januar 2016 unter dem Titel „The Resistible Rise of Donald Trump“ in Asia Times.

“Stellen Sie sich einen Hitler vor, der Juden mochte,” sagte ich einem israelischen Politiker, der mich bat, ihm den republikanischen Spitzenkandidaten zu beschreiben. Der Vergleich scheint jeden Tag mehr angemessen. Der Titel dieses Artikels spielt auf Berthold Brechts Satire von 1941 an: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. In ihr portraitiert er Hitler als einen Gangster in der Art von Al Capone.

Donald Trump berührt eine finstere Stimmung in der amerikanischen Mittelklasse, deren Aussichten sich seit der Finanzkrise von 2008 merklich verdüstert haben. Zum ersten Mal seit der Großen Depression verlieren die Amerikaner Terrain, das sie nicht zurückgewinnen können. Das mittlere Haushaltseinkommen fiel von 1999 bis 2011 um fast 10 % und stagniert weit unter früheren Spitzenwerten. Die Wohneigentumsquote ist vom 69 % im Jahre 2008 auf knapp 62 % gefallen. Die Erwerbstätigenquote ist von 66,5 % vor der Krise auf jetzt 62 % gefallen, den niedrigsten Stand seit den 1970ern. Eine Generation junger Menschen hat die Universität mit mäßigen Berufsaussichten und erdrückenden Schulden aus Studentenkrediten abgeschlossen.

Durchschnittliches Realhaushaltseinkommen in den Vereinigten Staaten:

Zu haben sind Jobs wie Hamburger verkaufen, Bettpfannen lehren oder einen UPS-Lieferwagen[1] zu fahren.

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Die zwei letzten Generationen amerikanischer Unternehmer, die der Dotcom-Blase der 1990er und die der Hypothekenblase der 2000er, sind in die Pleite gerasselt. Der große Hypothekenschwindel hat mehr als 10 Millionen Amerikaner in die platzende Blase hineingezogen. Späteinsteiger verloren ihre Häuser; bis 2012 wurden vier Millionen Häuser zwangsversteigert, weitere sechs Millionen sind gefährdet. Nicht nur verdienen Amerikaner weniger, auch der Rückweg zu finanzieller Sicherheit ist ihnen abgeschnitten.

Viele Amerikaner suchen einen Schuldigen, und Trump ist da, um auf ihn mit dem Finger zu zeigen: Es sind die illegalen Mexikaner. Es sind die chinesischen Dumpingpreise. Deportiert 11 Millionen Illegale! Haut 40 % Zoll auf chinesische Importe! Unwichtig, dass es keine 11 Millionen mexikanische Illegale in den USA gibt, und dass ein Handelskrieg mit China die Weltwirtschaft in Stücke reißen würde. Weder China noch Mexiko haben besonders viel mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten Amerikas zu tun. Es gibt heute weniger Illegale in Amerika als 2008 und die Zuwachsrate chinesischer Importe ist auf nahezu Null gefallen.

Rückgang der illegalen mexikanischen Einwanderungsbevölkerung seit 2007:

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Die einschlägigen Zahlen des “Pew Research Center” ergeben, dass die Zahl mexikanischer Illegaler im Jahre 2008 mit 6,9 Millionen ihren Höhepunkt erreichte und bis 2014 auf 5,6 Millionen zurückgegangen ist. Das ist ein Problem, aber es ist ein abnehmendes Problem.

Was China betrifft: Importe aus China stiegen zwischen 15 bis 30 % jährlich während der 1990er und 2000er bis zur Finanzkrise von 2008. Nach 2008 ist die Zuwachsrate (unten berechnet als Jahresdurchschnitt für Fünfjahreszeiträume) auf knapp 5 % gefallen. Der Einfluss chinesischer Importe auf amerikanische Industriearbeitsplätze ist eine zehn Jahre alte Geschichte.

Amerikanische Importe aus China: Niveau und Zuwachsrate:

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Trump hat einfach unrecht. Ob er lügt oder glaubt, was er sagt, oder einfach sagt, was auch immer ihm durch den Kopf geht, ohne sich darum zu kümmern, ob es wahr ist oder nicht, ist irrelevant. In Louisiana kommt er damit an, wie mein Freund Rod Dreher am 23. Januar (2016) in seinem Blog bei „The American Conservative“ schreibt:

Als ich in den Süden von Louisiana reiste, um meine Familie zu besuchen, geriet ich oft in (freundschaftliche) Auseinandersetzungen über konservative Prinzipien und Politik. Ich habe bemerkt, dass wir über viele Dinge in Streit gerieten. Es frustrierte mich zutiefst, dass Vernunftgründe nutzlos waren. „Ideologisch ausgelöste kulturelle Leidenschaften,” waren nicht ein Thema, sie waren das einzige Thema. Es war ein tribaler Konservatismus, einer der sehr wenig mit Ideen zu tun hat, aber alles mit Nationalismus und einem Gefühl von Wir-gegen-Die.

Amerikas bedrängte Mittelklasse will keine Schaubilder und Graphiken, keine Fakten und Statistiken. Sie will einen Führer, der Schuldige benennt und rabiate Maßnahmen ergreift. Die Wählerschaft ist anders als früher. Mein Geschäftspartner in den späten 1980ern, der angebotsorientierte Jude Wanniski, pflegte zu sagen, dass die Amerikaner in ihrer Weisheit einen sympathischen Typen als Präsidenten wollten. Sie wüssten, dass der amerikanische Präsident der mächtigste Mann der Welt ist, und wenn er hasserfüllt handle, könnten die Folgen schrecklich sein. Aber so ist es nicht mehr. Die Amerikaner wollen einen fiesen Präsidenten.

Reductio ad Hitlerum ist kein gutes Argument, wie Leo Strauss zu sagen pflegte, aber jede Regel hat Ausnahmen. Ein Hauch von Weimar liegt in der Luft. Die Deutschen der 1920er verstanden nicht, warum sie verarmt und gedemütigt waren. Vor dem Ersten Weltkrieg war Deutschland Europas am schnellsten wachsende Wirtschaft gewesen, das Land der Innovationen, die stärkste Militärmacht. Wie hatten sie den Krieg verlieren, schmerzhafte Reparationszahlungen hinnehmen und riesige Teile ihres Territoriums abtreten können? Die Deutschen waren in finsterer Stimmung und wollten den bissigsten Hund an der Macht. Hitler kam ihnen gerade recht. Schlimmer noch, das deutsche Establishment, geführt von Franz von Papen, dachte, es könne Hitler benutzen, und lud ihn im Januar 1933 ein, eine Regierung zu bilden.

Sicher, wir sind noch weit entfernt vom Deutschland der späten 1920er, aber die Parallelen sind verstörend. Das republikanische Establishment pfeift von allen Dächern, dass es Hitl-, äh, Trump dem schrecklichen Ted Cruz vorzieht. Wie Bob Dole es formuliert hat: Trump könnte “vielleicht mit dem Kongress zusammenarbeiten, denn er hat, ihr wisst ja, er hat die richtige Persönlichkeit und er ist jemand, der mit sich handeln lässt“. Robert Costa in der “Washington Post”, David French in der “National Review”, Paul Mirengoff in “Powerline”, und andere Kommentatoren, zu zahlreich, um sie aufzuzählen, haben sich ebenso geäußert.

Warum hasst das Establishment Cruz so sehr? Er bedroht ihre Existenz. Dagegen haben Trumps Immobiliengeschäfte und Spielkasinos seit einem halben Jahrhundert freundschaftliche Absprachen mit Politikern aller Couleur erfordert. Erlauben Sie mir eine Anekdote: Vor einigen Jahren war ich zu Gast beim jährlichen Empfang des „Jewish Institute for National Security” (Jüdisches Institut für nationale Sicherheit), dem ich als Fellow (Ehrenmitglied) angehöre, und hatte die Ehre, neben Allen West zu sitzen. Oberst West[2] hatte gerade sein Abgeordnetenmandat für Florida im Kongress verloren, infolge einer massiven demokratischen Kampagne, ihn abzuwählen. Wir diskutierten über angebotsorientierte Wirtschaftspolitik. Senator Lindsey Graham schlenderte zu uns herüber und warf uns ein wahres Haifischlächeln zu. West und ich standen auf. Ich sagte zu Senator Graham: „Wir sollten diesen Mann zum Präsidenten machen“. Graham grinste noch breiter und sagte: „Zuerst sollten wir ihn reich machen.“[3]

Die amerikanische Wirtschaft ist einem Ausmaß kartellisiert und monopolisiert, wie wir es seit zwei Generationen nicht gesehen haben. Warum ist die sogenannte “wirtschaftliche Erholung” so gering? Es gibt keine Unternehmer mehr. In allen früheren Nachkriegsaufschwüngen waren es neue Unternehmen, die Arbeitsplätze schufen. Diesmal aber sind es fast nur Unternehmen im S&P 500[4], die für Wachstum an Arbeitsplätzen sorgen. Fast die Hälfte der neugeschaffenen Jobs seit 2009 besteht im Braten von Hamburgern und im Leeren von Bettpfannen. Neue Unternehmen schaffen keine Jobs. Facebook hat 10.000 Angestellte, McDonalds hat 440.000.

Wandel im Arbeitsmarkt: Insgesamt gegen S&P 1500:

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In den 1980ern wollten die amerikanischen Großunternehmen nichts mit Ronald Reagan zu tun haben. Nicht ein einziger Geschäftsführer der „Fortune 500“[5] gab ihm Rückhalt – sie alle unterstützten George H. W. Bush oder John Connally in den Vorwahlen. Als Reagan das erfuhr, sagte er (Jude Wanniski, der bei der Besprechung anwesend war, hat es mir erzählt), er brauche sie nicht – er wolle der Kandidat der Unternehmer, der kleinen Geschäftsmänner, der Farmer, der Arbeiter sein. Cruz will der neue Reagan sein. Das Establishment erinnert sich an Reagan, insbesondere erinnert es sich daran, dass die Großunternehmen der 1980er von den Neugründungen, die Reagan entfesselte, in den Schatten gestellt wurden. Es mochte Reagan anfangs nicht, und das Letzte, was es wünscht, ist eine jüngere Ausgabe von ihm.

Ohne eine Rückkehr zum Unternehmertum wird Amerikas Wirtschaft stagnieren und Amerikas Mittelklasse wird weiterhin an Boden verlieren. Donald Trump repräsentiert den Triumph des Ressentiments über die Hoffnung. Ich weiß nicht, was die amerikanischen Wähler tun werden. Aber ich bin besorgt.

[1] UPS = United Parcel Service, ein Logistikunternehmen.

[2] Allen West ist ehemaliger Offizier der amerikanischen Armee, in der er den Rang eines Oberstleutnants (lieutenant colonel) innehatte.

[3] Diese Anekdote ist für den deutschen Leser nicht ganz leicht zu verstehen, da sie in subtiler Weise soziale Differenzen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft thematisiert. West und Graham sind beide republikanische Politiker, beide ehemalige Offiziere, beide haben erwogen, für die Präsidentschaft zu kandidieren. Jedoch besteht ein deutliches soziales Gefälle zwischen ihnen. Graham ist Senator, West lediglich (ehemaliger) Abgeordneter des Repräsentantenhauses, Graham war (richtiger) Oberst, West lediglich Oberstleutnant. Zudem war Graham in der (vornehmeren) Luftwaffe, West lediglich im Heer. Umgekehrt aber hat West wirklich im Kampfeinsatz gestanden und ist mehrfach ausgezeichnet worden, Graham dagegen war lediglich im „JAG“ (Judge Advocate General’s Corps) als Anwalt tätig (Harmon Rabb läßt grüßen). Auch ist Graham weiß, West schwarz. Vor allem ist Graham als erfolgreicher Anwalt weit wohlhabender als der Schullehrer West. Hinzu kommt ein politischer Gegensatz: Graham gilt innerhalb der republikanischen Partei als moderat, West dagegen steht der Tea Party nahe (mit der auch Spengler sympathisiert). Auch in den USA gilt: Deine schlimmsten Feinde sind deine Parteifreunde.

[4] Der S&P 500 (Standard & Poor’s 500) ist ein Aktienindex, der die Aktien von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst.

[5] Fortune 500 ist eine jährlich erscheinende Liste der 500 umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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