Spengler auf Deutsch 62: Hillarys Flugverbots-Patzer und Trumps verpasste Gelegenheit

Das Original erschien am 11. Oktober 2016 unter dem Titel „Hillary’s no-fly gaffe and Trump’s missed opportunity“ in Asia Times.

Der extremste Fehler in der Präsidentschaftsdebatte vom 9. Oktober war Hillary Clintons Vorschlag für eine Flugverbotszone in Syrien. Die demokratische Kandidatin erklärte: „Ich, als ich Außenministerin war, habe Flugverbotszonen und Sicherheitszonen befürwortet und befürworte sie auch heute. Wir brauchen ein Druckmittel auf die Russen, weil sie nicht für eine diplomatische Lösung an den Verhandlungstisch kommen werden, bis wir nicht einen gewissen Druck ausüben können“. Weder Donald Trump, noch die Moderatoren der Debatte erwähnten das Offensichtliche: Infolge der russischen Flugabwehr lässt sich eine Flugverbotszone nicht durchsetzen.

Der größere Zusammenhang – den ein republikanischer Herausforderer gut ausbeuten könnte – besteht darin, dass die amerikanische Überlegenheit in Flugabwehrsystemen unter der Obamaregierung so weit erodiert ist, dass Russland die Fähigkeit haben könnte, selbst Tarnkappenflugzeuge abzuschießen. Das Pentagon weiß die Antwort auf diese Frage nicht und will sie verständlicherweise nicht herausfinden. Das Problem ist nicht, ob Amerika und Russland wegen eines abgeschossenen amerikanischen Flugzeugs in einen Krieg eintreten. Das ist höchst unwahrscheinlich. Aber Amerikas strategische Glaubwürdigkeit würde einen schweren Schlag erleiden, wenn Tarnkappenbomber nicht länger russische Flugabwehrraketen austricksen könnten.

Russland hat bereits ein S-400 Flugabwehrsystem in Syrien installiert, das Kampfflugzeuge abschießen kann, und angekündigt, dass es das S-400 durch das S-300V-System ergänzen wird. Damit erweitert sich die Reichweite der russischen Flugabwehr in der Region um 250 Meilen (400 km). Die „Military Times“ vom 8. Oktober zitiert Steve Zolaga, einen Verteidigungsspezialisten der „Teal Group“. Er warnt: „Die Russen dürften gemerkt haben, dass sie eine gewisse Kapazität brauchen, um mit einem ausgewachsenen amerikanischen Luftschlag fertig zu werden. Die Russen kommen manchmal mit wirklich paranoiden Szenarios, wo sie den Krieg als unmittelbar bevorstehend ansehen. Wenn sie eine paranoide Einschätzung der westlichen Intentionen haben, dann hat die S-300V einen gewissen Sinn“. In Anbetracht von Clintons Vorschlag erscheinen die russischen Vorbereitungen weniger paranoid als vorausschauend.

Die Obama-Regierung hat sich bereits von Clintons Flugverbotsvorschlag distanziert, weil sie das Morden auf dem Boden nicht beenden würde. Aber das Insistieren der früheren Außenministerin auf Flugverbotszonen verrät eine völlige Ignoranz über den Zustand von Amerikas Verteidigung und ebenso über die potentielle Anwendung der amerikanischen Militärmacht.

Sachdienlicher ist eine einfache Analyse der Kapazitäten. Amerikanische Verteidigungsexperten wissen, dass Russland an einem fortgeschrittenen Radar arbeitet, das niedrig fliegende Aufklärungsflugzeuge identifizieren und anvisieren kann. Der Verteidigungsspezialist vom „National Interest“, Dave Majumdar, hat diese Frage in einem Überblick vom August 2016 erörtert. Mike Kofman von der „CNA Corporation“ meinte gegenüber NI: „Russland hat in niederfrequente Frühwarnradars investiert, von denen einige sehr gute Varianten fertig sind. Aber kann es sie nutzen, um ein gutes Bild und um einen Kurs gegen niedrig fliegende Aufklärungsflugzeuge zu bekommen“?

Amerikanische Experten argumentieren, dass die besten russischen Systeme wahrscheinlich die amerikanischen Flugzeuge der vierten Generation abschießen können (die Varianten der F-15, F-16 und F-18), aber dass sie nicht in der Lage sind, die F-22 Raptor zu schlagen – noch. Prorussische Medien wie Russia Insider behaupten, dass die nächste Generation der russischen Flugabwehr, das S-500-System, dessen Einsatzbereitschaft für 2017 vorgesehen ist, „die F-35 in Rente schicken wird“. Die Frage ist nicht, ob russisches Radar Tarnkappenflugzeuge orten kann, sondern ob es das schnell und akkurat genug kann, um Raketen ins Ziel zu leiten. Das bleibt eine unbeantwortete Frage. Ein höherer Beamter des Verteidigungsministeriums sagte in einem Hintergrundgespräch, dass das Pentagon die Antwort nicht kenne und sie nicht gewaltsam herausfinden wolle.

Der Skandal liegt in der Unsicherheit. Mit 1,5 Billionen Dollar ist der F-35 Tarnkappenjäger das teuerste Rüstungsprogram in der Geschichte der Kriegführung; er ist so teuer, dass er Alternativen aus dem amerikanischen Verteidigungsbudget verdrängt hat. Abgesehen von zahlreichen operationellen Problemen, welche das F-35-Program belasten, besteht das Risiko, dass das Konzept des Programms in fataler Weise fehlerhaft ist, selbst wenn das Flugzeug kann, was es können soll. Wenn russisches Flugabwehrradar die F-35 besiegen kann, dann haben die Vereinigten Staaten die meisten ihrer Eier in einen sehr zerbrechlichen Korb gelegt

Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung der Verhältnisse von 1982, als die bessere Bordelektronik der Amerikaner und Israelis ein russisches Boden-Luft-Raketenabwehrnetzwerk in Syrien ausschaltete, was der israelischen Luftwaffe erlaubte, 90 in Russland gebaute Jagdflugzeuge an einem einzigen Tag zu zerstören – das sogenannte Truthahnschießen im Bekka-Tal. Der Kollaps der in Russland gebauten Luftabwehr und die Niederlage der damals modernen russischen Flugzeuge trug dazu bei, die russische militärische Führung zu überzeugen, dass sie einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten nicht gewinnen konnte. Es war eine von mehreren Entwicklungen, einschließlich des russischen Debakels in Afghanistan, der Verschiebung in der strategischen Balance an der europäischen Front infolge der Aufstellung von Pershing Mittelstreckenraketen und der amerikanische „Strategic Defense Initiative“, welche den Kalten Krieg gewannen.

Die Vereinigten Staaten haben etwa 4 Billionen Dollar verschwendet, um Nationen in Irak und Afghanistan zu bilden. Seit den frühen 1990er Jahren ist das Budget für Forschung und Entwicklung des Verteidigungsministeriums – gemessen am Prozentsatz vom Bruttoinlandsprodukt – um die Hälfte gefallen, und ein überproportional großer Anteil des verbleibenden Forschungsbudgets wurde in das F-35 Programm geleitet. Mit weit geringeren Ressourcen hat Russland eine glaubwürdige Herausforderung der amerikanischen Luftüberlegenheit auf die Beine gestellt. Man sollte meinen, dass dieser Punkt eine wichtige Rolle in der amerikanischen Präsidentschaftskampagne spielen würde. Donald Trump hat sich vage über die Notwendigkeit ausgesprochen, Amerikas Militär wiederaufzubauen. In der Debatte der letzten Nacht hat er die Gelegenheit verpasst, diese seiner Gegnerin detailliert aufs Butterbrot zu schmieren.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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