Spengler auf Deutsch 56: Ein Brief an Andrew Klavan: Wenn ein Jude Christ werden will, muss er zunächst einmal Jude sein

Das Original erschien am 22. September 2016 unter dem Titel „A Letter to Andrew Klavan: For a Jew to Become a Christian, He First Must be a Jew“ in PJMedia.

Rezension zu: The Great Good Thing: A Secular Jew Comes to Faith in Christ, by Andrew Klavan. Thomas Nelson 2016.

Lieber Andrew,

Wie du weißt, besuchte ich dieselbe Oberschule wie du. Dein Bruder Ross war mein Klassenkamerad und schon ein talentierter Schriftsteller. Ich erinnere mich gut an eine Kurzgeschichte, die er in unserer Schülerzeitung publizierte. Wie du bin ich in einer säkularen Familie aufgewachsen, und wie du ging ich durch eine Pro-Forma-Bar Mitzwa[1], bevor ich die Religion völlig vernachlässigte. Nichts davon hat irgendetwas mit Judentum zu tun; wir wuchsen auf und wussten so viel vom Judentum wie von der dunklen Seite des Mondes. Ich fand schließlich meinen Weg zum Judentum, und es war völlig anders als alles, was ich damals in Great Neck[2] kennenlernte.

Nach dem zu urteilen, was du geschrieben hast und dem, was ich von dem säkularen Umfeld weiß, in dem wir aufwuchsen, kann ich deine Aussage über die Konversion zum Christentum nicht einfach stehenlassen. Ich sage das ohne Feindschaft zum Christentum; ich habe viele christliche Freunde und fast keine säkularen jüdischen Freunde. Ich stelle auch dein Recht zu konvertieren nicht in Frage, aber mir ist nicht klar, ob du tatsächlich konvertiert bist.

Es ist nicht so einfach für einen Juden, zum Christentum zu konvertieren. Vor 3400 Jahren am Berg Sinai wurden wir als das Gottesvolk berufen. Du warst dabei, selbst wenn du dich nicht erinnerst. Auch Christen glauben das, da sie dieselbe Bibel wie die Juden lesen. Wir Juden akzeptierten den göttlichen Auftrag, und mit „wir“ meine ich alle unsere Generationen, deine eingeschlossen.

Der große deutsch-jüdische Philosoph Franz Rosenzweig (1886-1929) entschied sich zum Christentum zu konvertieren. Aber er wusste, dass er nur als Jude konvertieren konnte. Säkular aufgewachsen hatte er nie den jüdischen Glauben praktiziert, und so erwartete er den Gottesdienst des Versöhnungstages[3] in einer kleinen Berliner Synagoge, welche von religiösen Juden aus Osteuropa besucht wurde. Nachdem er zum ersten Mal gesehen hatte, was Judentum wirklich war, entschied er sich bei ihm zu bleiben. Natürlich gab es religiöse Juden, die zum Christentum in voller Kenntnis der Implikationen konvertierten; ein Beispiel aus dem Krieg ist der oberste Rabbiner von Rom, Israel Zolli. Er wurde vor den Nazis durch den Vatikan gerettet, während der größte Teil seiner Gemeinde umkam, und verfiel dem Ostrakismos der jüdischen Gemeinschaft nach dem Krieg.

Um ein Konvertit zu sein, muss man von einer Sache zur anderen konvertieren. Und eine kompetente Wahl setzt ebenso Kenntnis dessen voraus, von dem man konvertiert, wie auch von dem, zu dem man konvertiert. Rosenzweig verstand das und lernte das Judentum als eine Vorbedingung für eine Konversion zum Christentum kennen, auf die er dann verzichtete.

Ich vermute, dass du nie einen vollständigen Sabbat eingehalten hast – den Willkomm der Sabbat-Königin in der Synagoge, die Segnung der Kerzen, des Weins und des Brotes zu Hause, die persönliche Zusammenkunft mit Gott während der achtzehn Segnungen beim Morgengottesdienst und dem Hören der Thora-Passagen, die Rückkehr zum Sabbat-Mahl mit seinen Segnungen von Brot und Wein und dem abschließenden Tischgebet, und, schließlich, den Abschluss des Sabbats mit Wein, Feuer und Wohlgerüchen. Mechanische Apparate sind nicht erlaubt, da Sabbat ein Aufenthalt in der kommenden Welt ist, die von jeder menschlichen Manipulation der Natur gestört würde. Und ich nehme an, dass du nie die Pilgerfeste des jüdischen Kalenders beachtet hast: Zu Passah den Exodus durchleben, den Empfang der Thora zu Schawuot[4], den Wiederaufbau des Tempels am Laubhüttenfest und die Tage der Umkehr vom Neuen Jahr bis zum Versöhnungstag, gefolgt von Simchat Tora[5]. Jude zu sein, heißt das Leben von Abraham nachzuleben. Das Judentum zu kennen, heißt es zu praktizieren.

Man kann jemandem, der nie das Judentum praktiziert hat, ebensowenig erklären, was Judentum ist, wie jemandem, der nie Musik gemacht hat, wie es ist, eine Fuge von Bach auf dem Klavier zu spielen. Ich spreche hier aus eigener bitterer Erfahrung. Erst vor acht Jahren hatte ich den Mut eine orthodoxe Synagoge zu betreten. Damals hatte ich so etwas wie ein Konversionserlebnis. Ich begriff, dass das „konservative“ Judentum, das ich in den vorangegangenen zwanzig Jahren praktiziert hatte, nicht mehr als eine Variante des Mainstream-Protestantismus gewesen war, eine Art Methodismus mit Kippa. Aufgewachsen in einer vorwiegend christlichen Kultur, war ich ein kultureller Christ – bis ich begann, das Judentum zu praktizieren.

Der verstorbene Rabbi Menachem Schneerson, der Lubavitcher Rebbe[6], hat gelehrt, es sei falsch „säkulare“ oder „progressive“ Juden als Apostaten oder Häretiker zu betrachten. Stattdessen lehrte er, dass wir das Gegenstück von entführten Kindern im jüdischen Recht seien. Wir seien unschuldig, wenn wir das Judentum nicht praktizierten, weil niemand uns je gezeigt hätte, was Judentum sei. Natürlich will ich nicht behaupten, Christen hätten dich entführt oder irgendeinen übertriebenen Einfluss auf dich ausgeübt. R. Schneerson bezog sich eher auf den Einfluss der umgebenden Kultur auf Juden, die nie gelernt haben, wie es ist, Jude zu sein.

Was ist der Unterschied zwischen Christen- und Judentum? Nicht Liebe versus Gesetz oder Werke versus Glaube – das ist Unsinn. Es ist auch nicht die Inkarnation als solche; mein verstorbener Lehrer Michael Wyschogrod hat gezeigt, dass Inkarnation ein jüdisches Konzept ist, dass nämlich Gottes Anwesenheit (Schechina) sich in dem Fleisch und Blut des Volkes Israel manifestiert (Christen, scherzte er, konzentrieren das in einen einzigen Juden). Es sind auch nicht verschiedenen Manifestationen Gottes in der Dreieinigkeit. Das Judentum lehrt, dass Gott verschiedene Attribute hat, insbesondere das Attribut der Gerechtigkeit und das Attribut der Gnade, obwohl wir sie natürlich nicht als verschiedene „Personen“ betrachten.

Die tiefe Kluft zwischen Juden und Christen ist das Verständnis der unverdienten Gnade. Unverdiente Gnade ist im jüdischen Kontext sinnlos. Es ist nicht so, dass JHWH eine anspruchsvollere Gottheit wäre als Jesus von Nazareth. Von Juden wird erwartet, Gottes Partner zu sein, und „Imitatio Dei“ meint für Juden Teilhabe am kontinuierlichen Werk der Schöpfung. Wir warten nicht auf das himmlische Königreich; wir erschaffen den Himmel in der alltäglichen Kleinarbeit. Befolgung der Mitzwa (Gebote) ist kein Mittel, mit dem man hinreichend Punkte anhäuft, um einen Platz im Himmel zu gewinnen; sie ist die Schaffung des Himmels auf Erden. Der Sabbat ist ein Vorgeschmack der kommenden Welt, ein Stück Ewigkeit, abgesondert vom täglichen Leben.

Das Judentum ist keine Doktrin, der man folgt, oder eine Anzahl von Regeln, die man befolgt, sondern die Arbeit, etwas zu konstruieren. Rosenzweig verweist hier auf das rabbinische Wortspiel von „ba’nim“ (Kinder) und bo’nim (Erbauern). Das Judentum ist weniger ein Trost als eine Herausforderung, uns selbst zur Partnerschaft mit Gott zu erheben. Darum sorgen wir uns weniger als die Christen über die Frage freie Wille versus Prädestination. Freiheit im Judentum ist Kreativität, etwas um zu erreichen, Gottes Partner im fortwährenden Prozess der Schöpfung zu werden. Wir verlangen keine unverdiente Gnade von Gott. Christen scheinen zu glauben, dass das Problem mit den Juden darin besteht, dass sie nicht an Jesus glauben. Aber Glaube ist nicht sehr wichtig, wir wünschen nicht, von irgendjemand gerettet zu werden, weil wir die Notwendigkeit dafür nicht einsehen. „Gerettet“ zu werden bedeutet im heidnischen Verständnis ewig zu werden, d. h. in die Familie Abrahams durch den Glauben adoptiert zu werden. Aber wir (und du) gehören schon zur Familie Abrahams.

Ob du es magst oder nicht, die Bibel, die Juden und Christen lesen, erklärt, dass Gott eine bestimmte Familie – die Familie von Abraham und Sarah – als sein Instrument auf Erden erwählte. Die Verpflichtungen, die wir am Berg Sinai akzeptierten, gelten für alle Generationen dieser Familie. Als gläubiger Christ musst du glauben, dass das, was die Bibel über deine Familie sagt, wahr ist und dass es auch heute noch wahr ist (nach Römer 11,29). Die Gabe ist unwiderruflich. Das heißt, du kannst sie nicht weggeben.

Sicher, die Schwelle ist hoch. Partner Gottes im Prozess der Schöpfung zu sein, erfordert leidenschaftliche Anteilnahme und einen hohen Grad von Bildung. Gott hat nie gesagt, es wäre einfach, lediglich dass es für uns nicht zu schwer sei (Deuteronomium 30,11). Er gab uns die Thora als den Aufbau der erschaffenen Welt, und die Thora zu kennen, heißt die Beiträge von mehr als hundert Generationen in sich aufzunehmen. Die Thora zu lernen ist die Quintessenz jüdischer Aktivität, da sie uns den Geist Gottes eröffnet. Ich empfehle dazu einen Essay von Rabbi Meir Soloveichik, “Torah and Incarnation.”

Für einen Juden, der zum Christentum konvertiert, erheben sich eine Reihe von Problemen, die du nicht beachtet zu haben scheinst. Sind jüdische Christen gehalten, die jüdischen Gebote zu befolgen, den Sabbat zu halten und koscher zu essen? Die jüdischen Christen der frühen Kirche taten das. Wyschogrod zeigt dies in seinem berühmten offenen Brief an Kardinal Lustiger. Ob du dich im Geiste als Christ fühlst oder nicht, du bist immer noch erwählt im Fleisch, und da jüdisches Fleisch heilig ist – es ist das Gefäß für Gottes Einwohnung in der Welt – muss es angemessen heilig gehalten werden, zum Beispiel durch Einhaltung der Speisegesetze.

Es ist paradox: Du kannst kein Christ sein, wenn du nicht deine Auserwähltheit als Jude akzeptierst. Aber du hast nie als Jude gelebt und weißt nicht, wie es ist, Jude zu sein. Bevor du nicht gelernt hast, Jude zu sein, kannst du nicht konvertieren – von einem Zustand in einen anderen wechseln – da du nie in dem ersten Zustand gewesen bist. Ich sage nicht, dass du nicht konvertieren sollst, sondern eher, dass Juden einen einzigartigen Weg zur Konversion haben. Meiner Erfahrung nach sind Konversionen unter praktizierenden Juden extrem selten; es sind nicht praktizierende Juden, die keine wirkliche Kenntnis vom Judentum haben, die zu konvertieren wählen. Der Versöhnungstag naht; du solltest erwägen, Franz Rosenzweig nachzuahmen und den Tag mit Fasten und Beten mit Juden verbringen, die glauben, dass der Ewige uns diesen Tag gab, um uns von unseren Sünden zu befreien. Sei zum ersten Mal ein Jude, nur für fünfundzwanzig Stunden.

Viele Grüße, „Spengler“

[1] Bar Mitzwa oder Bar Mizwa (von aramäisch בַּר ‚Sohn‘ und hebräisch מִצְוָה ‚Gebot‘), für Mädchen Bat Mitzwa oder Bat Mizwa (hebräisch בַּת מִצְוָה, Tochter des Gebots‘) bezeichnet im Judentum die religiöse Mündigkeit. Knaben erreichen sie im Alter von dreizehn Jahren, Mädchen im Alter von zwölf Jahren. In aller Regel wird die Bar Mitzwa mit einem großen Fest gefeiert.

[2] Great Neck ist eine Region in Long Island im Staat New York. Möglicherweise bezieht sich der Name auch auf ein dort befindliches Dorf gleichen Namens oder die dortige High School, die ebenfalls diesen Namen trägt.

[3] Der „Versöhnungstag“ (auch „Jom Kippur“) ist der höchste jüdische Feiertag. Er wird im Herbst im September oder Oktober am 10. Tischri, im siebten Monat des traditionellen bzw. im ersten Monat des bürgerlichen jüdischen Kalenders, als strenger Ruhetag und Fasttag begangen. Zusammen mit dem zehn Tage davor stattfindenden zweitägigen Neujahrsfest Rosch Haschana bildet er die Hohen Feiertage des Judentums und den Höhepunkt und Abschluss der zehn Tage der Reue und Umkehr.

[4] Schawuot (hebräisch שבועות für „Wochen“, Einzahl schawua „Woche“; jiddisch Schwu’ess, Schwuos oder Schwijess) ist das jüdische Wochenfest, das 50 Tage, also sieben Wochen plus einen Tag nach dem Pessachfest gefeiert wird. (aus Wikipedia).

[5] Simchat Tora (hebr. שִׂמְחַת תּוֹרָה, deutsch „Freude der Thora“, d. h. des Gesetzes) ist der letzte der jüdischen Feiertage, die mit dem Laubhüttenfest (Sukkot) beginnen. In orthodoxen und konservativen Gemeinden der Diaspora wird er als zweiter Tag des Schemini Azeret-Festes am 23. Tischri, dem ersten Monat des jüdischen Kalenders, im September oder Oktober gefeiert – in Israel und in denjenigen Reformgemeinden, wo Schemini Azeret nur einen Tag dauert, gleichzeitig mit Schemini Azeret am 22. Tischri. Simchat Tora erfreut sich auch bei weniger religiösen Juden, vor allem bei Familien mit Kindern, großer Beliebtheit. (aus Wikipedia).

[6] Chabad (hebräisch: חב“ד) oder Lubawitsch (jiddisch: ליובאוויטש, Ljubawitsch) ist eine chassidische Gruppierung oder Dynastie innerhalb des orthodoxen Judentums, die von Rabbi Schneur Salman von Ljadi (1745–1812) im späten 18. Jahrhundert begründet wurde. Anhänger der Bewegung werden als Lubawitscher- oder Chabad‑Chassidim bezeichnet. (aus Wikipedia).

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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