Spengler auf Deutsch 13: Wie trennt man gewalttätigen von friedlichem Islam?

Das Original erschien unter dem Titel „Separating violent and peaceful Islam“ am 11.  Dezember 2015 in Asia Times

Eine diabolische Logik trieb Donald Trump, ein Einreiseverbot für Muslime vorzuschlagen: Wenn die amerikanische Regierung nicht zwischen friedlichen und gewalttätigen Muslimen unterscheiden könne, dann solle sie die Tür für beide schließen. Trumps Instinkt für Politik als Reality-Show fördert seine Ergebnisse in republikanischen Umfragen, da Amerikaner Terrorismus derzeit als ihre Hauptsorge ansehen. Rasmussen (ein amerikanisches Meinungsforschungsinstitut) zufolge unterstützen 46 % gegen 40 % der amerikanischen Wähler Trumps Idee. Unter Republikanern beträgt die Spanne 66 % gegen 24 %.

In aller Regel sind Amerikaner nicht bigott, aber der Ausbruch des Dschihad-Syndroms letzte Woche[1] hat sie überzeugt, dass etwas nicht stimmt, und dass der gesamte Mechanismus der muslimischen Immigration gestoppt werden muss, bis das Problem gelöst ist. Sie wissen sehr gut, dass manche Muslime in Frieden mit Nicht-Muslimen leben und andere Muslime die Welt in Brand stecken wollen, aber sie wissen nicht, wie man beide unterscheiden kann. Seit Informationen über die langjährigen Terrorkontakte des Pärchens in die Presse druchsickerten, traut die Öffentlichkeit auch ihren Beschützern nicht mehr zu, den Unterschied zu kennen. Das ist die Lektion, die sie von dem Dschihad-Bonnie-und-Clyde-Pärchen von San Bernardino gelernt hat.

Trump hat seine Worte sorgfältig gewählt: „Bis wir fähig sind, dieses Problem und die gefährliche Bedrohung, die es darstellt, zu erkennen und zu verstehen, kann unser Land nicht das Opfer schrecklicher Angriffe vom Leuten sein, die allein an den Dschihad glauben und die keinen Sinn für Vernunft oder Respekt für menschliches Leben haben“. Das ist boshaft. Die Obamaregierung, wie vor ihr die Bushregierung, fördert muslimische Organisationen, die sich an der Grenze zwischen friedlicher Vertretung muslimischer Interessen und Terrorismus bewegen. Und das Zentrum dieser Organisationen ist die Muslimbruderschaft, wie ich in einem früheren Artikel dargelegt habe. Trump weiß sehr wohl, was die Obamaregierung tut, und sagt im Grunde: „Wenn unsere gewählten Politiker nicht zwischen friedlichen und gewalttätigen Muslimen unterscheiden können, dann sollten wir sie alle draußen halten“.

Ich hätte nicht gedacht, dass der Tag kommen würde, wo ich Amerikaner ermahnen würde, Verständnis und Nachsicht gegenüber dem Islam zu zeigen. Tatsächlich ist der Islam weder eine Religion der Gewalt, noch eine Religion des Friedens: er ist ein doppeldeutiges Gerüst aus Glaubenssätzen, unter denen der Muslim Frieden oder Gewalt nach seinem Belieben wählen kann. Alle Muslime für Taten von den Muslimen zu benachteiligen, die Gewalt wählen, ist ebenso moralisch fehlgeleitet wie strategisch dumm. Es weist diejenigen Muslime zurück, die ausdrücklich eine friedliche Interpretation vertreten, beispielsweise den Präsidenten des größten arabischen Landes, Ägyptens Präsidenten Al-Sisi. In ihrem eigenen Interesse sollten westliche Länder eine klare Grenze zwischen friedlichem und gewalttätigem Islam ziehen.

Es ist nicht sonderlich schwierig, das Schaf von der dschihadistischen Ziege zu trennen, da ein offener Krieg zwischen den beiden Interpretationen des Islam entbrannt ist. Das Problem ist, dass die Vereinigten Staaten auf der falschen Seite stehen: das gesamte außenpolitische Establishment, linke Obamaanhänger und neokonservative Bushisten haben geglaubt, Demokratie im Nahen Osten würde aus dem politischen Islam entstehen und die alten arabischen Diktaturen ersetzen. Die amerikanischen Nachrichtendienste haben versagt, weil sie durch politische Filter behindert waren.

Der Abendländer, der versucht, im Islam einen Sinn zu finden, sollte das kurze Buch von Samir Khalil SJ. konsultieren, einem Jesuiten arabischer Herkunft, der Papst Benedikt XVI. beriet. 111 Questions on Islam (111 Fragen zum Islam) Ignatius Press, 2008 erklärt, dass beide – die gewalttätige wie die friedliche Interpretation des Islam – innerhalb der eigenen Begrifflichkeit des Islam gerechtfertigt sind, und dass der spezielle Charakter der islamischen Tradition es unmöglich macht, eine von beiden rein aufgrund theologischer Gründe auszuschließen. Wie viele arabische Christen steht Samir Israel feindselig gegenüber und ich verabscheue seine Sicht der nahöstlichen Politik. Als Islamgelehrter jedoch hat er wichtige Einsichten zu bieten. Er erklärt:

„Viele Abendländer fürchten den Islam als eine ‚Religion der Gewalt‘. Muslime verlangen oft gleichzeitig nach Toleranz und Verständnis ebenso wie nach Gewalt und Aggression. Tatsächlich sind beide Optionen im Koran und in der Sunna vorhanden. Das sind zwei legitime Arten, zwei unterschiedliche Weisen, den Islam zu interpretieren, zu verstehen und zu leben. Es ist dem individuellen Muslim aufgegeben, zu entscheiden, welchen Islam er will… (S. 18).

… Wenn der Koran tatsächlich von Allah gesandt worden ist, dann besteht keine Möglichkeit einer kritischen oder historischen Interpretation, auch nicht für solche Aspekte, die sich offensichtlich auf die Gebräche einer bestimmten historischen Epoche oder Kultur beziehen. An einem bestimmten Punkt in der Geschichte des Islam wurde entschieden, dass es nicht länger möglich ist, den Text zu interpretieren. Daher wird heute selbst der bloße Versuch, seine Bedeutung zu verstehen, und zu ergründen, welche Botschaft er in einem bestimmten Kontext übermitteln will, als der Wunsch angesehen, ihn zu bestreiten, … (S. 42).

…Auch in heutigen Zeiten hat man viele Anstrengungen in diese Richtung gemacht, aber fast immer vergebens. Das Gewicht der Tradition und vor allem die Angst, die erlangte Sicherheit des Textes in Frage zu stellen, haben ein Tabu geschaffen: Der Koran kann weder interpretiert noch kritisch hinterfragt werden… (S. 43).

…Ich spreche über die Gewalttätigkeit, die im Koran ihren Ausdruck findet und in Mohammeds Leben praktiziert wurde, um eine im Westen verbreitete Vorstellung zu thematisieren, dass die Gewalt, die wir heute sehen, eine Deformation des Islam ist. Wir müssen aber ehrlicherweise anerkennen, dass zwei Lesarten des Koran und der Sunna (islamische Traditionen über Mohammed) möglich sind: eine, die für die Verse optiert, die Toleranz gegenüber Andersgläubigen ermutigen, und eine, welche die Verse bevorzugt, die Konflikt ermutigen. Beide Lesarten sind legitim… (S. 65).

…Infolgedessen stellt der Koran zwei Möglichkeiten zur Wahl, die aggressive und die friedliche; beide sind möglich. Es fehlt an einer Autorität, die von den Muslimen einmütig anerkannt wird, die sagen könnte: Von jetzt an ist nur dieser Vers gültig. Aber eine solche existiert nicht – und wird vielleicht nie existieren… (S. 71).“

Als Präsident Al-Sisi vor einer klerikalen Hörerschaft an der al-Azhar Universität am 1. Januar (2015) sprach, verlangte er, dass Muslime Gewalt ablehnen und Friede mit Nichtmuslimen wählen sollen:

„Das Problem war nie unser Glaube. Das Problem liegt in unserer Ideologie, die von uns geheiligt worden ist … Wir müssen einen schmerzhaften und schwierigen Blick auf unsere aktuelle Situation werfen. Es ist unfassbar, dass die Ideologie, die wir geheiligt haben, dazu beiträgt, unsere Nation zu einer Sorge, einer Gefahr, zu Mord und Verderben in der ganzen Welt zu machen. Es ist unfassbar, dass diese Ideologie – ich spreche nicht von Religion, sondern Ideologie – das heißt der Korpus von Ideen und Texten, die wir über Jahrhunderte geheiligt haben, an einem Punkt gelangt ist, wo es fast unmöglich geworden ist, sie zu bestreiten. Diese Ideologie hat einen Punkt erreicht, wo sie eine Bedrohung für die Welt geworden ist. Es ist unfassbar, dass 1,6 Milliarden Muslime den Rest der Menschheit bzw. 7 Milliarden Menschen umbringen wollen, nur um unter ihresgleichen zu leben. … Lassen Sie es mich noch einmal sagen: Wir müssen unsere Religion revolutionieren. Ehrwürdiger Iman der Großen Al-Azhar-Moschee, sie tragen diese Verantwortung vor Gott. Die ganze Welt erwartet ihre Worte, weil die islamische Nation zerfällt und sich selbst zerstört. Sie läuft direkt ins Verderben und wir sind es, die verantwortlich sind.“

Ägyptens leitender Politiker handelt wie er spricht. Er hat die zur Gewalt neigenden Islamisten der Muslimbruderschaft unterdrückt und führt einen unerklärten Krieg gegen die Islamisten im Sinai und die Terroristen in den ägyptischen Großstädten. Er hat die Hamas, den palästinensischen Zweig der Bruderschaft, eingedämmt und die Sicherheitszusammenarbeit mit Israel verbessert. Al-Sisi repräsentiert eine Hauptströmung des friedlichen Islam (im Gegensatz zu einigen kleinen Sekten, wie die türkischen Sufis, die friedlich, aber irrelevant sind).

Präsident al-Sisi sprach offen von einer “Ideologie, die wir geheiligt haben“, der Ideologie des Dschihad. Das ist eine sehr mutige Aussage. Der Islam ist nicht notwendigerweise gewalttätig, aber er hat – anders als das Christen- oder Judentum – eine Neigung zur Gewalt. Schon der große jüdische Theologe Franz Rosenzweig schrieb vor nahezu einem Jahrhundert: „Das Wandeln auf dem Weg Allahs bedeutet im engsten Sinn die Ausbreitung des Islam durch den Glaubenskrieg. In dem gehorsamen Beschreiten dieses Weges, dem Aufsichnehmen der damit verbundenen Gefahren, dem Befolgen der dafür vorgeschriebenen Gesetze findet die Frömmigkeit des Muslims ihren Weg in die Welt.”

Die Muslimbruderschaft ist der heiße Brei, um den alle herumreden. Die Bush- wie auch die Obamaregierung zogen Mitglieder der Bruderschaft als Berater für Antiterrormaßnahmen und freundschaftliche Kontakte mit amerikanischen Muslimen heran. Clare Lopez, ein früherer CIA-Offizier, enthüllt das in einem Bericht für das “Gatestone Institute”. Frank Gaffney, ein ehemaliger Beamter der Reaganregierung, hat eine Reihe von Internetvideos über dieses Thema produziert. Die Bruderschaft versucht, die Grenze zwischen einer friedlichen und einer gewalttätigen Verbreitung des Islam zu verwischen. In Ägypten und Gaza gebraucht sie Gewalt; in den USA beanspruchen ihre Frontorganisationen, friedliche Methoden zu gebrauchen.

So schrieb der ehemalige “Defense“-Reporter” (und „Asia Times“-Mitarbeiter) Bill Gertz kürzlich in der „Washington Times“:

„Auch weiterhin unterstützen Präsident Obama und seine Regierung die militante und global operierende islamistische Gruppe, bekannt als Muslimbruderschaft. Ein Strategiepapier des Weißen Hauses betrachtet die Gruppe als eine moderate Alternative zu stärker gewalttätigen islamistischen Gruppen wie Al-Qaida und dem Islamischen Staat. Diese Politik, die Muslimbruderschaft zu unterstützen, wird in einer geheimen Direktive skizziert, genannt Presidential Study Directive-11 oder PSD-11. Die Direktive wurde 2011 erlassen und dient – nach Angaben von Kennern der geheim gehaltenen Direktive – als Leitfaden für die Unterstützung politischer Reformen im Nahen Osten und Nordafrika durch die (amerikanische) Regierung. Die Direktive zeigt, warum die Regierung die Muslimbruderschaft, die im letzten Jahr von den Regierungen Saudi-Arabiens, Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate als terroristische Organisation eingestuft worden ist, als wichtiges Instrument amerikanischer Unterstützung für sogenannte politische Reformen im Nahen Osten ausgewählt hat….“

Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate hat auch zwei amerikanische Tochterorganisationen der Muslimbruderschaft, den „Rat für amerikanisch-islamische Beziehungen“ (Council on American-Islamic Relations) und die „Muslimisch-Amerikanische Gesellschaft“ (Muslim American Society), als terroristische Unterstützergruppen eingestuft. Beide Organisationen weisen diese Anschuldigung zurück. Ägypten erwägt die Todesstrafe über Mohammed Mursi zu verhängen, den früheren, von der Muslimbruderschaft unterstützten Präsidenten, der im Juli 2013 durch einen Staatsstreich des Militärs gestürzt wurde. In Ägypten führt die Bruderschaft einen blutigen Bürgerkrieg gegen die Al-Sisi-Regierung. So hat die Obamaregierung sich selbst mit den entschiedenen Feinden der Muslime verbündet, die eine friedliche Interpretation des Islam befürworten.

Trumps Vorschlag ist demagogisch; Ted Cruz dagegen hat eine machbare Lösung vorgeschlagen. Gemäß einer Presseerklärung seines Büros hat er am 4. November eine Gesetzesinitiative eingebracht, “sie forderte den Außenminister auf, die Muslimbruderschaft als eine auswärtige terroristische Organisation einzustufen. Die Vereinigten Staaten haben individuelle Mitglieder, Teile und Wohltätigkeitsorganisationen der Muslimbruderschaft als Terroristen eingestuft, nicht aber die Organisation insgesamt“. Die Erklärung fügt hinzu:

“Die Initiative anerkennt das einfache Faktum, dass die Muslimbruderschaft eine radikale islamistische Terrororganisation ist. Jahrelang haben amerikanische Präsidenten beider Parteien verschiedene Tochterorganisationen der Bruderschaft wie die Hamas und Ansar al-Sharia als Terrororganisationen eingestuft. Sie haben individuelle Führer der Muslimbruderschaft wie Shaykh Abd-al-Majd Al-Zindani, einen Komplizen des Angriffs auf die USS Cole[2], und Sami Al-Hajj, der 2001 an der afghanisch-pakistanischen Grenze verhaftet wurde, weil er Geld und Waffen für Al-Kaida organisierte, als Terroristen eingestuft. Wir können heute die Vorstellung abweisen, dass ihre Rahmenorganisation eine politische Einheit wäre, die in irgendeiner Weise von diesen gewalttätigen Aktivitäten getrennt wäre“, sagte Senator Cruz. „Eine Reihe unserer muslimischen Verbündeten hat diese vernünftige Maßnahme bereits ergriffen, darunter Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Wie der Gesetzesentwurf ausführt, ist eIss das erklärte Ziel der Bruderschaft, einen gewalttätigen Dschihad gegen ihre Feinde zu führen, und unsere Gesetzgebung sollte begreifen, dass die Vereinigten Staaten ebenfalls auf ihrer Liste stehen.“

Die Bruderschaft als eine terroristische Organisation einzustufen, ebenso wie Amerikas arabische Verbündete es getan haben, würde die vorsätzlich verwischte in eine klare Grenze verwandeln. Marco Rubio hat Cruz angegriffen, weil er dagegen war, mehr Spielraum beim Abhören heimischer Telefone einzuräumen. Aber das ist zweitrangig. Der Fehlschlag der Nachrichtendienste hat seinen Grund nicht im Mangel an Daten, sondern an der Weigerung das Offensichtliche anzuerkennen.

[1] Anspielung auf den islamistischen Terroranschlag von San Bernardino am 2. Dezember 2015.

[2] USS = United States Ship – Schiff der amerikanischen Kriegsmarine.

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

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