Spengler auf Deutsch 19: Eine Parabel für Deutschland

Das Original erschien am 18. Januar 2016 unter dem Titel „A Parable for Germany“ auf der Website des „Gatestone Institute„.

 Denk ich an Deutschland in der Nacht
Dann bin ich um den Schlaf gebracht
(auch im Original deutsch)

– Heinrich Heine.

Es war einmal ein alter Mann, der in seiner Jugend ein schreckliches Verbrechen begangen hatte, Mord an vielen Unschuldigen. Er konnte sich nicht länger erinnern, was ihn motiviert hatte; er versuchte, nicht daran zu denken, und die Erinnerungen kamen ungewollt und selten. Zorn und Schuld waren schon lange in ein vages Gefühl des Ekels verblasst. Er arbeitete hart und fand eine gewisse Ablenkung in der Monotonie der täglichen Aufgaben. Er suchte Ablenkung in fader Unterhaltung; er verfolgte Fußballspiele, sah Pornographie, schaute synchronisierte Versionen amerikanischer Komödien und machte Urlaub am Strand.

Er hatte ein Kind, aber keine Enkel; sein Kind wusste, dass er einstmals unverzeihliche Dinge getan hatte, aber es wollte nichts Genaueres wissen, und der alte Mann wollte sie ihm nicht erzählen. Das alte Verbrechen hing wie ein schwarzer Vorhang zwischen ihnen.

Der alte Mann konnte fühlen, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Vor sich sah er nur Tage voller Langeweile, unterbrochen lediglich durch einen gelegentlichen Anflug von Reue. Er liess die Tage kommen und gehen, sie mochten an ihr Ende kommen, er kannte keinen anderen Weise zu leben. Weil er keine Bindung ans Leben hatte, sah er keinen Weg, sich auf den Tod vorzubereiten.

Eines Tages traf der alte Mann auf der Straße einen Gassenjungen und von einem plötzlichen Drang getrieben lud er ihn in seine Wohnung ein. Er gab dem fremden Jungen zu essen und einen Platz zum Schlafen. Am nächsten Morgen kaufte der alte Mann dem Straßenjungen neue Kleider und gab ihm Sachen – ein Smartphone, ein Videospiel, ein Fußballtrikot. Der Junge blieb in der Wohnung und sagte wenig.

Nach kurzer Zeit bemerkte der alte Mann, dass ihm Dinge fehlten. Eine Uhr, die seinem Vater gehört hatte, verschwand aus einer Schublade. Ein silberner Erinnerungsbecher stand nicht länger im Schrank. Noch schlimmer: Er kam nach Hause und fand, dass Dinge absichtlich zerbrochen worden waren. Die Überreste eines gläsernen Kruges lagen in Scherben auf dem Küchenboden. Der Badezimmerspiegel war zerbrochen. Ein Sofakissen war aufgeschlitzt.

Nach einiger Zeit stellte der alte Mann den Jungen zur Rede: „Ich habe dir nur Gutes getan. Warum tust du mir das an?“ Der Junge lachte, dann schlug er den alten Mann. Der alte Mann lag auf dem Boden, blutete aus den Nase und an den Lippen. Vielleicht sollte er die Polizei holen? Er dachte: „Nein, ich will die Polizei nicht holen. Wozu soll das gut sein? Ich werde ja doch bald sterben. Vielleicht wird doch etwas Gutes herauskommen”. Die Aussicht auf den Tod nimmt uns die Vernunft, vor allem wenn wir wahrnehmen, dass unser Leben ein Fehlschlag war.

* * *

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, 2015 Person des Jahres im „Time Magazine“, war ein Vorbild an Vernünftigkeit. Sie fand Mittel, Deutschlands nahezu bankrotte südliche Nachbarn während der großen europäischen Schuldenkrise 2012 aufzufangen; sie entschärfte die Ukrainekrise nach der Maidanrevolution und Russlands Besetzung der Krim; sie hielt atlantische Verpflichtungen und europäische Integration im Gleichgewicht, während sie Europas einziger erfolgreicher bedeutender Wirtschaftsmacht vorstand. Merkel war vernünftig, bis ihr die Vernunft abhanden kam.

Die Aufnahme vom 1,2 Millionen muslimischer Flüchtlinge 2015 und vielleicht einer weiteren Million 2016, woran sie selbst nach dem organisierten massenhaften Sexualmissbrauch festhielt, der von Migranten in Köln und anderen deutschen Städten in der Silvesternacht begangen wurde, war ein Akt existentieller Verzweiflung, kein rationales Handeln. Was erklärt diese scheinbar schlagartige Veränderung?

Kanzlerin Merkel, das scheint offensichtlich, handelte aus einem Impuls, der ebenso unvermittelt wie unwiderstehlich war. Als im letzten Jahr die globale Flüchtlingsziffer die 60 Millionen-Marke überschritt, tat Deutschland nichts. Zwischen dem ersten Januar 2014 und dem 30. Juni 2014 erschienen weniger als 1000 Zeitungsartikel in deutschsprachigen Medien mit dem Wort „Flüchtlinge“ (auch im Original deutsch) – sie handelten meist von Bootsunglücken im Mittelmeer.

Ein Artikel vom 2. Januar 2014 in der Berliner Morgenpost  berichtete, dass die deutsche Regierung in diesem Jahr mit 6000 Flüchtlingen rechnete. Erst als die Flüchtlingskrise eine humanitäre Katastrophe an den deutschen Grenzen herbeizuführen drohte, handelte die Merkelregierung.

Diese Impulsivität verlangt eine Erklärung. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen es vorgezogen, nicht über ihre Vergangenheit nachzudenken, da sie zu schrecklich ist, um sie zu betrachten. Die deutschen Schulen unterrichten pflichtgemäß über den Holocaust und deutsche Städte erinnern pflichtgemäß an die ermordeten Juden; die Mauern des alten jüdischen Friedhofs in Frankfurt sind bedeckt mit kleinen Bronzeschildern für jeden Juden, der aus der Stadt deportiert wurde. „Sie werden uns Auschwitz nie verzeihen“, scherzte den österreichisch-israelische Psychiater Zvi Rix, und Deutsche versuchen oft, die Verbrechen der Nationalsozialisten zu relativieren, indem sie Juden ähnliche Taten zuschreiben. 54 % der Deutschen unter 29 haben eine negative Meinung von Israel, gemäß einer im Januar 2015 durchgeführten Umfrage der „Bertelsmann-Stiftung“.

Die Deutschen arbeiten hart und versenken sich in ihr Privatleben, in Hobbies, Ferien und Sport. Aber sie haben keine Kinder, vor allem deshalb, weil sie sich selbst nicht mögen. Deutschland stirbt. Man kann es nicht nur vorhersagen, sondern sogar recht genau den Punkt kalkulieren, an dem so wenige Deutsche die Länder zwischen Rhein und Oder bewohnen werden, dass es ebenso bedeutungslos ist, von Deutschen zu sprechen wie von Etruskern oder Thrakern. Mit 1,3 Kindern pro Frau wird Deutschlands Bevölkerung mit jungen Menschen (0 bis 19 Jahre) und mit arbeitsfähigen Menschen (20 bis 64 Jahre) sich bis zum Ende des Jahrhunderts halbiert haben.

Die deutsche Bevölkerung nach Altersgruppen:

Das sterbende Deutschland hat nur einen Punkt auf seiner Wunschliste: die Erlösung. Die Deutschen können keine Erlösung für die Verbrechen ihrer Großväter erlangen, da sie nicht verstehen, was diese motivierte, solch schreckliche Dinge zu tun. Während des Ersten Weltkriegs glaubten Ihre Urgroßväter an die Überlegenheit der deutschen Kultur, und während des Zweiten Weltkriegs glaubten ihre Großväter an die Überlegenheit der arischen Rasse. Die heutigen Deutschen können nur glauben, dass keine Kultur und keine Rasse einen Anspruch auf Vorrang hat und dass alle Kulturen der Welt gleichwertig sind.

Israels ungenierter Nationalismus erschreckt sie, weil der nationalsozialistische Anspruch auf den Status der „Herrenrasse“ eine satanische Parodie auf die Auserwähltheit Israels war. In deutschen Augen sind jüdische Stärke und jüdischer Erfolg eine unbequeme Erinnerung an die Perversion der biblischen Idee der Auserwähltheit durch die Nazis.

Für Merkel und den Großteil der deutschen Elite ist die Ankunft von Millionen muslimischer Flüchtlinge an ihrer Türschwelle eine letzte Chance auf Erlösung, eine Gelegenheit für Deutschland, sich von den Verbrechen seiner Vergangenheit durch einen transzendenten Akt von Selbstlosigkeit loszukaufen. Die Deutschen haben sich vom Selbstopfer für das Vaterland abgewandt zu einer extremen Selbstbezogenheit. Deutschland wurde materialistisch, irreligiös und philiströs. Aber Selbstbezogenheit war eine schlechte Ablenkung von dem Horror, der nach dem Zweiten Weltkrieg fortbestand. Die Nazis nutzen Schrecken und Entsetzen (auch im Original deutsch), um das deutsche Volk an seine Führung zu binden. Die Aussicht auf neuen Horror, der nicht aus dem Kampf der Zivilisationen entsteht, sondern von internen Kämpfen innerhalb der muslimischen Zivilisation, ist zu viel, als dass die Deutschen sie ertragen könnten, weil sie den Schrecken des vergangenen Krieges zurückruft.

Das ist der Grund, warum die Deutschen erst dann kopfüber in ihre Entscheidung, Millionen muslimischer Flüchtlinge aufzunehmen, hineingestolpert sind, als die Schrecken des Krieges Deutschlands Türschwelle erreichten. Bevor die Flüchtlingsflut im letzten Sommer Mitteleuropa erreichte, zeigte Deutschland wenig Interesse an ihren Problemen. Wie erwähnt hatte Deutschland für 2015 nur die Aufnahme von 6000 Flüchtlingen vorbereitet. Nicht vor September, nachdem ein Foto eines ertrunkenen kurdischen Jungen über die Medien verbreitet und ein Dutzend verwesende Körper in einem verlassenen Lastwagen in Österreich gefunden worden waren, erklärte Merkel: „Wir schaffen es.“ (auch im Original deutsch). Das ist auch der Grund, warum Deutschland seine Politik nicht ändern wird, gleichgültig welche Verbrechen die Flüchtlinge begehen werden.

Frau Merkels Vernunft zerbröselte vor der schrecklichen Aussicht auf menschliches Leiden. Deutschlands Elite hofft, dass ein letzter großer nationaler Abschiedsakt die Aussicht auf Erlösung eröffnen wird.

Sicher, gewöhnliche Deutsche mögen es nicht, von organisierten Banden sexuell belästigt zu werden oder Opfer anderer sozialer Pathologien zu werden, welche die Flüchtlinge mit sich bringen. Trotz einiger Einwände, darunter einiger sehr lautstarker, werden die Deutschen gleichwohl tun, was die Obrigkeit (auch im Original deutsch) ihnen sagt, so wie sie es immer getan haben.

Leider sucht Deutschland Erlösung an den falschen Orten. Seine Leidenschaft, den Flüchtlingen zu helfen, ist kein Irrtum, keine Fehleinschätzung, sondern ein existentieller Impuls, so mächtig, dass alle Evidenz der Welt über die verderblichen Auswirkungen dieser Politik ihn nicht aufhalten kann. Man kann die Deutschen nicht davon abhalten, sich selbst zu zerstören. Sie können lediglich als abschreckendes Beispiel für den Rest von uns dienen.

 

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Autor: Stefan O. W. Weiss

Leon de Winter zählte die Kolumnen von David P. Goldman, besser bekannt unter seinem nom de plume „Spengler“, „zu den allerinteressantesten, die es weltweit zu lesen gibt“. Seine Texte, die er meist in „Asia Times“ und „PJMedia“ veröffentlicht, haben eine Leserschaft gefunden, die in die Hunderttausende geht. Er behandelt so verschiedene Themen wie Philosophie, Literatur, Wirtschaftswissenschaften, Theologie, Strategie, Weltpolitik, Musik und andere mehr mit gleicher Souveränität und Kompetenz. In Deutschland ist er ein Geheimtipp geblieben, bedauerlicherweise, da er ein vorzüglicher Kenner der deutschen Geistesgeschichte ist. Seine Essays über Wagner, Goethe, Schiller seien doch wenigstens en passant erwähnt. Um dem deutschen Leser die Lektüre zu erleichtern, beabsichtige ich, in diesem Blog seine Texte fortlaufend in Deutsche zu übersetzen. Ich habe dieses Projekt seit einigen Monaten verfolgt, der erste hier auf Deutsch veröffentliche Text stammt vom Oktober 2015. In den kommenden Wochen gedenke ich, seine nachfolgenden Texte in chronologischer Reihenfolge zu veröffentlichen, bis der Anschluss zu Gegenwart erreicht ist.

2 Kommentare zu „Spengler auf Deutsch 19: Eine Parabel für Deutschland“

  1. Die sogenannte Elite ist nicht das Volk. Und Völker sind stets im Wandel begriffen. Die heutigen Griechen haben mit den klassischen Griechen genetisch so wenig gemein, wie die heutigen Juden mit den Juden zur Zeit der Ausweisung durch die Römer.
    Die Spanier standen 700 Jahre unter muslimischer Herrschaft und dennoch gibt es sowohl Spanier als auch Spanien.
    Wir wollen auch dem Holocaust keine all zu große Bedeutung beimessen. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Massenmorde, man denke nur an den 1. Weltkrieg. Da haben alle Protagonisten das industriell betriebene Massenmorden gelernt.
    Es gibt im Volke Spinner, die im Holocaust eine Art Erbsünde sehen, für andere ist es nur ein Pinup um sich ihr Moralin runterzuholen.
    Für mich ist es ein historisches Phänomen unter anderen, die zeigen, wie dünn der zivilisatorische Firnis ist.
    Man, und darunter verstehe ich die Goj und die Juden, sollten die Juden nicht so wichtig nehmen. Denn, wie schon Hiob zeigt, kann auch der Gerechte ins Elend stürzen, und anders als die Bücher weissagen, ist mit dem oder den Ewigen kein dauerhafter Bund zu schließen.
    Ich postulierte, dass Israel, wie alle Staaten, nur ein temporäres Phänomen sein wird.

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