Spengler auf Deutsch 51: Wie Donald Trump den Nahen Osten stabilisieren könnte

Das Original erschien am 22. August unter dem Titel „How Donald Trump Could Fix the Middle East“ in Asia Times.

 

Der erste Schritt um eine Lösung zu finden, ist zu wissen, dass man ein Problem hat. Donald Trump hat begriffen, dass das außenpolitische Establishment in Washington das Chaos im Nahen Osten verursacht hat. Ich werde dieses Problem erörtern und darüber spekulieren, was eine Trump-Regierung tun könnte.

In den tausend Jahren vor 2007, als die Bush-Regierung Nouri al-Maliki auswählte, um die erste schiitisch dominierte Regierung im Irak zu leiten, hatten sunnitische Muslime den Irak regiert. Maliki wurde sowohl von der CIA als auch vom Oberhaupt der iranischen Revolutionären Garden gestützt.

Seit sich der Irak in den Händen eines Verbündeten des Irans befand, waren die Sunniten -entwaffnet und marginalisiert durch die Auflösung der irakischen Armee – gefangen zwischen zwei proiranischen Regimen, dem irakischen und dem syrischen. Maliki leitete – wie Ken Silverstein in der New Republic dargelegt hat, eines der korruptesten Regime der Geschichte; er verlangte unter anderem einen Anteil von 45 % von ausländischen Investitionen im Irak. Die Sunniten hatten keinen Staat, der sie schützte, und es war nur logisch, dass ein sunnitischer Führer schließlich einen neuen Staat vorschlug, der die sunnitischen Regionen von Syrien und des Irak einschloss. Leider war es Abu Bakr al-Baghdadi, dem die Errichtung eines sunnitischen Staates zufiel, dem nicht nur ein islamischer Staat, sondern auch ein neues Kalifat vorschwebte. Amerika hatte ein Dutzend Gelegenheiten, dies zu verhindern, war aber erfolglos.

Aus dem faszinierenden Bericht eines Überläufers auf der Website von Foreign Policy erfahren wir, dass die Dschihadisten dieser Region die Vorzüge, nicht staatliche Akteure gemäß dem Al-Kaida-Model zu sein, gegenüber einer Staatsbildung schon vor der Gründung von ISIS diskutiert haben. Der Überläufer berichtet von einem Treffen 2013, auf dem Al-Baghdadi die Gefolgschaft der Al-Kaida- bzw. der Al-Nusra-Kämpfer in Syrien verlangte.

Baghdadi sprach auch über die Gründung eines islamischen Staates in Syrien. Das sei wichtig, sagte er, weil Muslime eine „dwala“ bzw. einen Staat brauchen. Baghdadi wollte, dass Muslime ihr eigenes Territorium haben, von dem aus sie agieren und schließlich die Welt erobern können. … Die Teilnehmer aber waren anderer Meinung über die Gründung eines Staates. Während seiner ganze Existenz hatte Al-Kaida im Schatten als nichtstaatlicher Akteur gewirkt. Er hatte kein Territorium kontrolliert, stattdessen Gewaltakte von geheim gehaltenen Orten aus begangen. Eine Geheimorganisation zu bleiben, hatte einen großen Vorteil. Es war sehr schwierig für den Feind, sie zu finden, anzugreifen oder zu zerstören. Aber die Gründung eines Staates, so argumentierten die Dschihad-Führer während des Treffens, würde es dem Feind extrem erleichtern, sie zu finden und anzugreifen.

Trotz des vielfachen Widerspruchs, bestand Bahdadi auf seiner Meinung. Die Gründung und Führung eines Staates war von höchster Bedeutung für ihn. Bis zu diesem Punkt hatten Dschihadisten sich herumgetrieben ohne ihr eigenes Territorium zu kontrollieren. Baghdadi verlangte Grenzen, eine Bürgerschaft, Institutionen und eine funktionierende Bürokratie. Abu Ahmad fasste Baghdadis Forderung folgendermaßen zusammen: „Wenn so ein islamischer Staat seine Gründungsphase überlebt, dann wird es ihn für immer geben“.

Baghdadi setzte sich durch, nicht nur, weil er die Al-Kaida-Banden von seinem Projekt überzeugen, sondern auch, weil er eine große Anzahl von Offizieren aus Saddam Husseins aufgelöster Armee auf seine Seite ziehen konnte.

Amerika hatte die Gelegenheit, die sunnitisch dominierte irakische Armee nach der Invasion von 2003 zu „entbathifizieren“, in der Art wie es die deutsche Armee nach dem Zweiten Weltkrieg entnazifizierte. Stattdessen löste man sie auf. General Petraeus „surge“-Politik in den Jahren 2007-2008 erkaufte die temporäre Duldung durch die Sunniten mit hunderten Millionen Dollars Schmiergeld, aber bereitete zugleich die Bühne für einen künftigen sunnitischen Aufstand, wie ich bereits 2010 gewarnt habe.

Trump hat recht, die Bush-Regierung für das entstandene Chaos verantwortlich zu machen und auch Obama für den Rückzug der amerikanischen Truppen 2011. Nachdem der Schaden einmal angerichtet war, bestand die schlimmstmögliche Reaktion im Nichtstun (außer natürlich „moderate sunnitische Rebellen“ heimlich mit Waffen aus libyschen Arsenalen zu versorgen, die größtenteils in die Hände von Al-Kaida oder ISIS gelangt sind).

Jetzt befindet sich die Region in einem unaufhörlichen Krieg Aller gegen Alle. Die sunnitischen Milizen des Iraks, welche die nutzlose irakische Armee im Kampf gegen ISIS ersetzten, werden unter iranischem Kommando nach dem Modell der iranischen Revolutionären Garden reorganisiert. Die Kurden kämpfen gegen beide, ISIS und die syrische Regierung. ISIS kämpft sowohl gegen die Kurden, welche die effektivste Streitmacht darstellen, die ihm in Syrien entgegensteht, als auch gegen die Türken, welche versuchen, die Macht über die Kurden einzuschränken. Saudi-Arabien und Katar fahren fort, die Sunniten im Irak und Syrien zu unterstützen, was bedeutet, dass sie entweder ISIS oder die Al-Nusra-Front finanzieren.

Mittlerweile fliegt Russland Bombenangriffe auf Syrien von iranischen Flugplätzen aus. Abgesehen von der Absicht, die Vereinigten Staaten zu ärgern, hat Russland dort ein legitimes Interesse: Eine ganze Reihe von Diplomaten, die mit dem russischen Präsidenten gesprochen haben, haben mir gesagt, dass Putin jedem, der ihn fragt, erzählt, er unterstütze die iranischen Schiiten, weil alle russischen Muslime Sunniten sind. Russland fürchtet, dass ein dschihadistisches Regime im Irak oder in Syrien zu einer strategischen Drohung für Russland werden würde. Genau das hatte Al-Baghdadi im Sinn, wie die Geschichte des Überläufers in Foreign Policy deutlich macht:

Baghdadi hatte noch ein anderes überzeugendes Argument: Ein Staat würde eine Heimat für Muslime der ganzen Welt bieten. Da Al-Kaida immer aus dem Verborgenen operiert habe, war es für gewöhnliche Muslime schwierig, sich ihr anzuschließen. Aber ein islamischer Staat könnte Tausende, selbst Millionen von Dschihadisten anziehen. Er würde ein Magnet sein.

Was wir brauchen ist ein Abkommen und jemand der es schließt. Ich habe keine anderen Informationen über Trumps Denken als die Medienberichte, aber hier ist eine rohe Skizze, was er tun könnte.

Die irakischen Sunniten brauchen die richtige Mischung aus Ermutigung und Entmutigung. Die Entmutigung ist das, was Trump vorgeschlagen hat, ein „extremer“ und „brutaler“ Feldzug gegen diese Terroristenbande. Die Vereinigten Staaten und wer auch immer sich anschließen will (vielleicht die französische Fremdenlegion?) sollten ISIS vernichten. Das erfordert eine Mischung von rücksichtslosem Einsatz der Luftwaffe ohne Rücksicht auf Kollateralschäden sowie eine oder zwei Divisionen zu Land. Amerika sollte dabei nicht die Art von Soldaten einsetzen, welche der Nationalgarde beitreten, um ein Stipendium für die Uni zu bekommen. Wie Erik Prince vorgeschlagen hat, könnten private Unternehmen den Job billiger erledigen, zusammen mit dem umsichtigen Einsatz von Spezialeinheiten.

Während die Vereinigten Staaten ISIS aufreiben, sollten sie einen früheren irakischen General auftreiben, um eine sunnitische Zone im Irak zu führen, und frühere irakische Offiziere anwerben, um am Krieg gegen ISIS teilzunehmen. Zweifellos hat General Petraeus noch die Gehaltsliste von dem „Sunni Awakening“ (sunnitisches Erwachen) und den „Sons of Iraq“ (Söhne des Irak). Die Sunniten würden so die ermutigende Aussicht auf einen sunnitischen Staat erhalten, vorausgesetzt, dass sie mithelfen, die Terroristen zu vernichten.

Die Vereinigten Staaten würden die kurdischen Aspirationen auf einen eigenen Staat stillschweigend unterstützen und sie ermutigen, den Nordteil von Syrien entlang der türkischen Grenze zu kontrollieren. Wenn die Vereinigten Staaten nicht der Geburtshelfer eines kurdischen Staates sein wollen, werden es die Russen sein. Die Türken werden das nicht wollen; man wird ihnen erklären müssen, dass es in ihrem eigenen Interesse ist: Die Kurden in der Türkei haben doppelt so viele Kinder wie die ethnischen Türken und 2045 werden sie mehr Männer im militärdienstfähigen Alter haben als die Türken.

Vielleicht sollten die Vereinigten Staaten ein UN-überwachtes Referendum vorschlagen, das es den Provinzen mit kurdischer Mehrheit in der Südost-Türkei erlaubt, sich abzuspalten und sich mit den irakischen und syrischen Kurden in einem neuen Staat zu vereinen. Das wäre gut für die Türkei. Diejenigen, die mit „Ja“ stimmen, wären außerhalb der Türkei besser aufgehoben, und diejenigen die für einen Verbleib in der Türkei stimmen, hätten künftig keine Entschuldigung mehr, Separatisten zu unterstützen. Es gibt auch mehrere Millionen iranische Kurden und die Vereinigten Staaten sollten sie ermutigen, sich ebenfalls abzuspalten.

Das nächste Gespräch zwischen Donald Trump und Wladimir Putin könnte so ablaufen: „Hör mal, Wladimir, du sagst, du bist besorgt, die sunnitischen Terroristen könnten Russland destabilisieren. Wir werden all diese Terroristen killen oder Leute anheuern, sie für uns zu killen. Wir werden keine Dschihadisten bewaffnen, die euch Ärger machen, wie wir es in Afghanistan während des Kalten Krieges machten. Wir lassen euch in Ruhe, und ihr stört uns nicht. Ihr könnt eure Marinebasis in Syrien behalten, und die Alewiten bekommen ihren eigenen Staat im Nordwesten. Gib Basher Assad eine Villa auf der Krim und ersetze ihn durch irgendjemanden, den du magst. Die sunnitischen Gebiete von Syrien werden eine separate Enklave, zusammen mit Enklaven für die Drusen“.

Und Trump könnte hinzufügen: “Wir kümmern uns um die sunnitischen Terroristen. Jetzt helfen sie, Wladimur, uns gegen die Iraner oder wir werden es alleine machen und das wird ihnen nicht gefallen. Sie können mit uns zusammenarbeiten, und wir sagen den Iranern, sie müssen entweder auf ihre Zentrifugen und ihr Raketenprogramm verzichten, oder wir werden sie bombardieren. Sie werden nicht wollen, dass wir die S-300-Raketen, die sie dem Iran verkauften, wie Schrott aussehen lassen – das wäre nicht gut für das Waffengeschäft“.

“Und was die Ukraine betrifft, lass sie über eine Teilung abstimmen. Wenn die östliche Hälfte für den Anschluss an Russland stimmt, kriegt ihr sie. Wenn nicht bleibt ihr draußen oder der Teufel wird euch holen“.

Wie Trump sehr wohl weiß: Nicht jeder, wohl aber die Großaktionäre müssen mit einem Abkommen zufrieden sein. Die kleinen sind unwichtig.

Russland behält seine Marinebasis und erhält einige Gewissheit, dass der Dschihad im Nahen Osten nicht auf sein eigenes Territorium überschwappt. Die syrischen Alewiten und Sunniten können sich beide zu Siegern erklären. Die Kurden, welche die effektivsten Bodentruppen der Region haben, werden die großen Gewinner sein. Die irakischen Schiiten werden sich selbst regieren, aber sie werden nicht über die Sunniten und Kurden herrschen. Das ist eine bessere Situation, als sie sie während der letzten tausend Jahre hatten, als die Sunniten sie beherrschten. Der Türkei wird die Aussicht, einen großen Teil ihres Territoriums zu verlieren, nicht gefallen, obwohl es ihr ohne diesen besser gehen wird. Der Iran wird seine Aspirationen auf ein regionales Imperium begraben müssen. Das wird ihm nicht gefallen, aber wen stört’s?

Der Wiederaufbau von Amerikas militärischer Stärke, eines von Trumps Wahlkampfversprechen, ist die sine qua non für einen Erfolg. Russland und ebenso China sollten Amerikas technologischen Vorsprung heute ebenso fürchten, wie Gorbatschow Ronald Reagans „Stategic Defense Initiative“ in den 1980ern. Russland und China sind dabei, die technologische Lücke zu den Vereinigten Staaten zu schließen, und wenn die Vereinigten Staaten diesen Prozess nicht umkehren, wird alles andere, was sie tun, nichts bewirken.

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Spengler auf Deutsch 50: Trump fehlt Erfahrung, aber seinen Kritikern fehlt gesunder Menschenverstand

Das Original erschien am 9. August 2016 unter dem Titel “Trump lacks experience but his detractors lack common sense” in Asia Times.

Letztes Jahr kam ich zu früh zu einem Vortrag von General Michael Hayden, der die „National Security Agency“ und später die „Central Intelligence Agency“ in der George W. Bush-Regierung geleitet hatte. Hayden war schon da, und freute sich über ein Schwätzchen. Wir kamen auf Ägypten, und ich fragte Hayden, warum die Mehrheit der Republikaner die Muslimbruderschaft der Militärregierung von Präsident Al-Sisi vorgezogen habe. Dieser sei doch ein in Amerika ausgebildeter Soldat, der einen reformierten Islam, welcher Terrorismus ablehnt, fördert. „Wir haben es bedauert, dass (der Führer der Muslimbruderschaft Mohamed) Morsi im Juli 2013 gestürzt wurde“, erklärte Hayden. „Wir wollten sehen, was passiert, wenn die Muslimbruderschaft Verantwortung für die Müllabfuhr übernehmen muss“.

“General,” wandte ich ein, “als Morsi gestürzt wurde, verfügte Ägypten nur noch über Getreide für drei Wochen. Das Land war am Rande einer Hungersnot!”

“Ich schätze, das Experiment wäre hart für den durchschnittlichen Ägypter gewesen,” antwortete Hayden ohne eine Spur von Ironie. Wie Tommy Lee Jones es in „Man in Black“ ausdrückte: General Hayden kennt seinen eigenen Sinn für Humor nicht. Er wiederholte das gleiche Argument wörtlich einige Minuten später in seiner Rede: Es sei eine Schande, dass die Regierung der Muslimbruderschaft in Ägypten gestürzt worden ist, und zwar mit der Zustimmung der Majorität von Ägyptens erwachsener Bevölkerung, die auf die Straße ging, als das Land in den Ruin zusteuerte. Wie Senator John McCain, der „Weekly Standard“ und die Mehrheit des republikanischen außenpolitischen Establishments, glaubt Hayden, dass Amerika eine Art demokratischer Version des politischen Islam unterstützen soll. Es umarmte Morsis Muslimbruderschaft in Washington, hätschelte den türkischen Diktator Recep Tayyip Erdogan und bewaffnete „moderate Islamisten“ in Syrien als eine demokratische Alternative zu Assads Regime. Haydens Spezialgebiet war Elektronische Aufklärung und nach allem, was man hört, war er gut in seinem Job. Aber er hat keine Ahnung von Außenpolitik.

General Hayden war vielleicht der prominenteste Unterzeichner des “letter from fifty former national security officials” (Brief von 50 früheren nationalen Sicherheitsberatern), die in republikanischen Regierungen im Amt waren. Sie erklären, Donald Trump “fehlten der Charakter, die Werte und die Erfahrung”, die für einen Präsidenten nötig sind und, wenn gewählt “würde er eine Gefahr für die nationale Sicherheit und das Wohlergehen des Landes sein“.

Trump antwortete: „Die Namen auf diesem Brief sind diejenigen, an die das amerikanische Volk sich wenden sollte, wenn es fragt, warum in der Welt das Chaos herrscht, und wir danken Ihnen, hervorgetreten zu sein, so dass jeder im Land weiß, wer verantwortlich dafür ist, das die Welt so ein gefährlicher Ort ist“. Das ist völlig richtig. Er hätte hinzufügen können, dass sie unfähig sind, aus ihren Fehlern zu lernen, und verdammt sind, sie bei jeder Gelegenheit zu wiederholen.

Das republikanische Establishment glaubte voll Eifer an den Arabischen Frühling. Der Gründer des „Weekly Standard“, Bill Kristol, ging so weit, die diversen Rebellionen mit der Gründung der Vereinigten Staaten zu vergleichen. Es unterstützte die Sturz und die Ermordung des libyschen Diktators Muhammed Gaddafi, was ein unappetitliches aber stabiles Land in eine Petrischale für Terrorismus verwandelte. Es glaubte, dass eine Mehrheitsregierung im Irak zu einer stabilen, proamerikanischen Regierung führen werde, und das in einem Frankensteinmonster von Land, zusammengefügt aus Teilen des Leichnams des Osmanischen Reichs. Stattdessen bekam es ein sektirisches schiitisches Regime, verbündet mit dem Iran, und eine sunnitische Rebellion, die sich von Mesopotamien bis zum Libanon erstreckt und von ISIS und Al-Kaida geführt wird.

Trump ist vulgär, schlecht informiert und spricht nicht gut. Er hat keine außenpolitische Erfahrung und die verwirrende Neigung, dem russischen Präsidenten Putin unnötigen Kredit einzuräumen. Aber er hat eines, das den fünfzig früheren Beratern abgeht, nämlich gesunden Menschenverstand. Der ist es, dem er die Nominierung durch die Republikaner verdankt. Das amerikanische Volk hat wahrgenommen, dass das „Experiment“, von dem General Hayden so bewundernd sprach, nicht nur für den einfachen Ägypter, sondern auch für den einfachen Amerikaner eine Plage werden würde. Die Amerikaner sind bereit, für ihr Land zu kämpfen und zu sterben, aber sie wollen keine Opfer für soziale Experimente bringen, die ihnen von einer selbsternannten Elite aufgedrängt werden. Das ist der Grund, warum die einzigen zwei Kandidaten in den republikanischen Vorwahlen, die über die Anfangsphase hinauskamen, die Außenpolitik der Bush-Regierung ablehnten.

Sicher, gesunder Menschenverstand ist nicht genug. Trump kann nicht gleichzeitig mit Putin knutschen und den Hexenkessel im Nahen Osten vor sich hin kochen lassen ohne ernste Konsequenzen. Bret Stephens beklagte am 8. Aug. im “Wall Street Journal“, einige von Trumps lautesten Unterstützern würden ihre Ignoranz zur Tugend erheben. “Es gab eine Zeit, in der die konservative Bewegung von den Schülern von Bill Buckley, Irving Kristol und Bob Bartley geleitet wurde, Männer mit Ideen, die intellektuelle Ernsthaftigkeit in die republikanische Partei einbrachten“, schreibt Stephens. Ich kannte den verstorbenen Irving Kristol, der die meisten Mitglieder der ersten Reagan-Regierung ausgebildet und gefördert hatte, und auch Robert Bartley, den verstorbenen Herausgeber des „Wall Street Journal“ – brillante Intellektuelle, von denen ich viel gelernt habe, wovon ich allerdings einiges später wieder verlernen musste.

Aber das heutige republikanische Establishment wird nicht von den Schülern von Irving Kristol, sondern von seinen Epigonen geführt. Sein Sohn Bill Kristol hat nie einen einzigen Text von intellektueller Signifikanz publiziert; und dasselbe ist wahr vom John Podhoretz, Herausgeber des „Commentary Magazine“, Sohn des schätzenswerten Norman Podhoretz. In den 70iger Jahren bedeutete „neo-konservativ“ sein im Sinne von Irving Kristol und dem früheren Commentary-Herausgeber Norman Podhoretz, dass man die linken Ansichten seiner Jugend ablehnte und den Sprung ins Reagan-Lager machte. Die ursprünglichen Neokonservativen wussten, wie sehr sie in ihrer Jugend geirrt hatten, und lernten Politik mit vierzig von neuem. Anders als ihre Vorgänger haben die heutigen Neokonservativen nie einen selbstkritischen Moment erlebt. Die heutigen Hüter der heiligen Flamme des geheiligten Konservatismus sind in ihrem eigenen Mist groß geworden

Wir haben leider nur die Wahl zwischen einem ungebildeten Außenseiter mit gesundem Menschenverstand und einem Establishment, dessen politische Ideen so vorhersehbar sind, wie das Erscheinen eines Kaugummis aus der Maschine im Supermarkt, nachdem man einen Vierteldollar eingeworfen hat. Sie sind mittelmäßige Ideologen, unfähig aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, die an ihren Karrieren kleben, da sie unfähig zu ehrlicher Arbeit sind. Trump mag nicht viel wissen, aber er ist lernfähig. Das kann man von seinen Kritikern nicht sagen.

“Nicht nur hat der Kaiser keine Kleider an”, habe ich schon 2014 in einer Besprechung des brillianten Buches von Angelo Codevilla To Make and Keep Peace. (Frieden schaffen und erhalten) geschrieben. “Darüber hinaus hat das Reich keine Schneider”. Drei Regierungen von Bush-Vater und Sohn haben ein dumpfes Establishment von außenpolitischen Dummköpfen hervorgebracht. Man findet nicht viele prominente nationale Sicherheitsberater, welche den Unterzeichnern des Anti-Trump-Briefes opponieren, weil eine ganze Generation höherer Beamter aus dem gleichen Stall kommt. Amerika muss Außenpolitik von Neuem erlernen. Und für mein Geld ziehe ich den raubeinigen Außenseiter den rückfälligen Nieten vor.

 

Spengler auf Deutsch 49: Das Attentat von Nizza: Warum die Terroristen den Geheimdienstkrieg gewinnen

 

Das Original erschien am 15. Juli 2016 unter dem Titel „Nice attack: Why the terrorists are winning the intelligence war“ in Asia Times.

Wieder hat ein der Polizei bekannter Krimineller einen Massenmord begangen, der Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel. Warum gestattete die französische Polizei einem Ausländer, der als gewalttätiger Krimineller vorbestraft war, in Frankreich zu bleiben? Abgesehen von schlichter Inkompetenz liegt die Erklärung darin, dass er ein Spitzel der französischen Sicherheitsbehörden war. Muslimische Kriminelle zu erpressen, dass sie über potentielle Terroristen informieren, ist die Hauptbeschäftigung der mit Terrorabwehr beauftragten europäischen Sicherheitsapparate, wie ich bereits 2015 erläutert habe. Jeder Muslim in Europa weiß das.

Jedoch ist es den Terroristen gelungen, die Agenten, welche die Polizei als Spione einsetzt, umzudrehen und sie zu motivieren, Selbstmordattentate zu begehen, um ihre Sünden auszulöschen. Leider ist dies kein Einzelfall: Ryan Gallagher hat kürzlich dargelegt, dass Täter, die den Behörden bereits bekannt waren, zehn der bekanntesten Attentate zwischen 2013 und 2015 begingen.

Mit anderen Worten: Die Terroristen verhöhnen uns doppelt. Indem sie Polizeispitzel als Selbstmordattentäter verwenden, erklären sie ihre moralische Überlegenheit und ihre Macht über westliche Regierungen. Die Botschaft mag beim westlichen Publikum nicht ankommen, dessen Sicherheitsbehörden und Medien ihr Bestes tun, um den Sachverhalt zu verschleiern, aber sie wird wohl verstanden unter der Kernanhängerschaft der Terrorgruppen: Die Überlegenheit des Islam verwandelt üble Kriminelle, welche die westliche Polizei als Spione gegen uns einsetzt, in Märtyrer für die Sache des Islam.

Die Attentate haben somit nicht nur die Intention, die westliche Öffentlichkeit in Schrecken zu versetzen, sondern auch, die muslimische Öffentlichkeit zu beeindrucken. Sie machen den Muslimen klar, dass die westliche Polizei sie nicht schützen kann. Wenn sie mit der Polizei zusammenarbeiten, wird man sie finden und bestrafen. Der Westen fürchtet die Macht des Islam: Er zeigt seine Angst, indem der den Islam als Religion des Friedens preist, indem er Kritik als angebliche Islamophobie denunziert, und indem er den Muslimen Konzessionen und Entschuldigungen darbietet. Einfache Muslime leben in Angst vor den Terrornetzwerken, die ihre Gemeinschaften infiltriert und ihre Fähigkeit bewiesen haben, die Anstrengungen westlicher Sicherheitsbehörden gegen sie zu wenden. Sie werden kaum Informationen über mögliche Terroristen liefern, sie wahrscheinlich durch Untätigkeit unterstützen.

Kurzum: Die Terroristen gewinnen den Geheimdienstkrieg, weil sie das Umfeld, in dem Informationen gesammelt und gehandelt werden, gestaltet haben. Aber auf diese Weise hat Spionage immer funktioniert: Spione wechseln die Seiten und erzählen ihre Geschichten, weil sie auf der Seite der Sieger stehen wollen. ISIS und Al-Kaida sehen in den Augen der westlichen muslimischen Bevölkerung wie Gewinner aus, nachdem sie die Sicherheitsdienste des Westens gedemütigt haben.

Infolgedessen fürchten europäische Muslime die Terroristen mehr als sie die Polizei fürchten. Der Westen wird für Terrorattacken verwundbar bleiben, bis das Gleichgewicht der Furcht sich in die andere Richtung bewegt.

Als die preussische Armee während des Krieges von 1870 in Frankreich eindrang, suchte der deutsche Kanzler Otto von Bismarck den Rat des amerikanischen Militärattachés. Dieser war kein anderer als Phil Sheridan, dessen Kavallerie in der letzten Phase des amerikanischen Bürgerkriegs die Farmen im Shenandoah Tal verbrannt hatte. Was sollte Bismarck tun gegen französische Heckenschützen und Saboteure in den Dörfern entlang der preußischen Vormarschstraße? Sheridan riet Bismarck die Dörfer zu verbrennen und den Menschen „nichts als ihre Augen zu lassen, um den Krieg zu beweinen“. Und hängen Sie die Heckenschützen, fügte Sheridan hinzu.

Wie General William Tecumseh Sherman, der einen breiten Streifen durch Georgia und die Carolinas brannte, glaubte Sheridan, dass ein Krieg nicht nur durch das Töten von Soldaten gewonnen wird, sondern auch, indem man ihnen die Unterstützung durch die Zivilbevölkerung entzieht. Da ist nichts besonders Kluges an dieser Einsicht. Aus der neuen Biographie von James Lee McDonough über Sherman erfährt man, wie gewöhnlich dieser große Mann war – ein kompetenter Offizier ohne eine Minute Kampferfahrung vor Kriegsbeginn, dann ein ehrlicher aber erfolgloser Bankier. Im Krieg stand Sherman kurz vor einem nervösen Zusammenbruch, als er vergeblich versuchte, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass sie 300.000 Soldaten würden töten und die Konföderation verwüsten müssen, um den Krieg zu gewinnen. Er zeichnete sich 1863 in Schlacht bei Shiloh aus, und wurde dann die Geißel des Südens.

Die Union hatte immer mehr Männer und Ressourcen, was ihr fehlte waren Generäle mit den nötigen Nerven für den Job. Das bedeutete nicht nur den hässlichen Abnutzungskrieg, wie ihn Grant führte – ein anderer Befehlshaber mit absoluter Entschlossenheit -, sondern auch Vergeltungsmaßnahmen gegen Zivilisten. Als Heckenschützen in Dörfern in Tennessee oder Kentucky auf Unionssoldaten feuerten, vertrieb Sherman die Bewohner, verbrannte die Häuser und vernichtete die Ernten. Da gibt es etwas zu lernen, für das, was wir altfränkisch den „Globalen Krieg gegen den Terror“ nennen.

ISIS, Al-Kaida und andere muslimische Terrororganisationen zu vernichten, ist nicht besonders schwierig, weit weniger als Shermans oder Sheridans Aufgabe während des Bürgerkrieges. Er erfordert einfach, einige abstoßende Dinge zu tun. Westliche Geheimdienste brauchen keine Terrorgruppen infiltrieren, Telefone abhören, Posts in sozialen Medien mitlesen und so weiter (obwohl dies zweifellos nützlich sein kann). Die muslimischen Gemeinschaften im Westen werden über die Terroristen informieren. Sie werden der Polizei sagen, wer davon spricht, Ungläubige zu töten, wer verdächtig viel Geld hat, wer die Sendungen salafistischer Prediger anhört.

Sie werden den westlichen Sicherheitsbehörden alles sagen, was diese wissen müssen, vorausgesetzt, sie fragen in der richtigen Weise. In der Weise von Phil Sheridan nämlich. Wie die siegreichen Unionsgeneräle des Bürgerkriegs muss der Westen nicht mal besonders klug sein. Er muss lediglich verstehen, welche Art von Krieg er führt.

Die meisten Muslime sind friedliche Menschen, die Terrorismus ablehnen, aber viele sind es nicht. Umfragen zeigen eine große und beständige Minorität von 20 bis 40 %, die zumindest einige Formen des Terrorismus billigt. Unterstützung für ISIS ist gering, erheblich höher für Hizbollah, Hamas und andere Terrorgruppen. Somit gibt es einige hundert Millionen Muslime, die in irgendeiner Weise Terror befürworten, obwohl nur sehr wenige von ihnen an Terrorattacken teilnehmen würden. Aber sie sind das Meer, in dem die Haie unbeobachtet schwimmen. Sie mögen keine Bomben bauen, aber sie drücken über Terroristen in ihrer Umgebung ein Auge zu, vor allem, wenn sie mit diesen Terroristen verwandt sind. Auch fürchten sie Vergeltung von den Terroristen, sollten sie auspacken.

Die Weise, den Krieg zu gewinnen, besteht darin, die große Gemeinschaft der Muslime, die den Terror passiv durch Handeln oder Nichthandeln unterstützt, zu ängstigen, und zwar in einem Maße, dass sie Informationen selbst über Familienmitglieder liefert. Die muslimische Bevölkerung im Westen zu ängstigen, erfordert keine große Mühe oder Anstrengung, einige Tausend Deportationen würden reichen. Die westlichen Dienste müssten nicht einmal die richtigen Leute deportieren, die falschen Leute wissen, wer sie sind, und ebenso viele ihrer Nachbarn. Die folgenden Gespräche kann man sich etwa so vorstellen: „Es tut mir leid, dass dein Neffe deportiert wird, Hussein, und ich glaube dir, wenn du mir sagst, dass er nichts Verbotenes getan hat. Vielleicht kann ich ihm helfen. Aber du musst mir auch helfen. Gib mir etwas, das ich brauchen kann – und verschwende nicht meine Zeit, die Dinge zu komplizieren, oder ich schwöre dir, ich lasse dich auch deportieren. Und wenn du keine Informationen hast, finde heraus, wer sie hat.“

Diese Vorgehensweise, Aufstände zu unterdrücken, hat in Vergangenheit oft gewirkt. Sicher, sie ist nicht typisch für das friedliche Leben in westlichen Demokratien, aber das war Phil Sheridans Ritt durch Shenandoah auch nicht. Wir ziehen es vor, die Herzen zu gewinnen. Aber die Herzen der Menschen zu gewinnen, ist nicht schwer, wenn sie Angst vor dir haben.

Spengler auf Deutsch 48: Abermals ist die Türkei der kranke Mann Europas

Das Original erschien am 15. Juli 2016 unter dem Titel „Turkey: The sick man of Europe – once again“ in Asia Times.

Der Ausgang des nächtlichen Putschversuchs in der Türkei bleibt unklar, aber Motive für einen Wechsel des Regimes in der Türkei haben sich unter der Oberfläche seit Jahren angestaut. Die Türkei sieht sich einem wahren Sturm wirtschaftlicher, politischer und außenpolitischer Probleme gegenüber.

Erstens: Der vielgerühmte wirtschaftliche Aufschwung der 2000er ist an sein Ende gelangt. Der Erdogan-Boom, der Vorhersagen inspirierte, die Türkei werde sich als ein neues China erweisen, ähnelt weniger dem asiatischen Model als vielmehr der lateinamerikanischen Kreditblase der 1980iger oder der amerikanischen Subprime-Blase der 2000er. Bereits am 25. April habe ich ausgeführt:

Die türkische Wirtschaft scheint den Gesetzen der Schwerkraft zu widersprechen: Mit einem jährlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 5,7 % ist sie unter den aufstrebenden Märkten diejenige, welche sich unter den angespannten weltwirtschaftlichen Bedingungen am besten hält. Aber das liegt am Wachstum des Inlandsverbrauchs. Die türkischen Exporte stagnieren, trotz einer scharfen Abwertung der Landeswährung. Und der Inlandsverbrauch ist abhängig von dem Zufluss von hochverzinslichen Konsumentenkrediten.

Angaben der türkischen Zentralbank zufolge, ist die Konsumentenverschuldung in der Türkei jetzt fast gleich mit dem Privateinkommen, während sie in den Vereinigten Staaten nur 20 % beträgt. Der durchschnittliche Zinssatz für Konsumentenkredite liegt gemäß dem Bericht der Zentralbank knapp unter 17 %.

Konsumentenkredite/Privateinkommen:

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Das heißt, Türken wenden etwa 14 % ihres Privateinkommens für Schuldendienst auf, während von zehn Jahren diese Quote nur 5 % betrug (zum Vergleich: In Amerika macht der Schuldendienst nur 10 % des verfügbaren Einkommens aus, das zudem geringer als das Privateinkommen ist. 2007 dagegen, vor dem Krach, betrug die Rate 14 %).

Türkei: Schuldendienst für Konsumentenkredite/Privateinkommen

Der Kollaps des Ölpreises hat die Kosten für türkische Importe reduziert, die Jahr für Jahr um 8 % gefallen waren. Das hätte zu einem Rückgang der Auslandsverschuldung führen sollen. Stattdessen hat die Auslandsverschuldung – gemäß der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – während des letzten Jahres um mehr als 20 % zugenommen. Es ist schwierig, diese Daten der BIZ (die sehr genau sein dürften) über die Auslandsverschuldung in den Angaben der Türkischen Zentralbank wiederzufinden.

Türkische Banken finanzieren ihre Bilanzen auf dem globalen Kapitalmarkt, was die Ratingagentur Moody’s für riskant hält. In einem Bericht vom 9. April hat Moody’s gewarnt: “Die Abhängigkeit des türkischen Banksektors von auswärtigen Kapitalmärkten könnte zu höheren Finanzierungskosten führen, da das Vertrauen der internationalen Investoren geringer wird. Zudem sehen sich die Banken durch langsameres wirtschaftliches Wachstum herausgefordert, wie auch durch die zunehmende Dollarisierung von Verbindlichkeiten und volatile Stimmungen in Bezug auf aufstrebende Märkte. All das führt für das Banksystem zu negativen Aussichten.”

Moody’s mag sich um das falsche Problem gekümmert haben. Zu viele Länder sind an der türkischen Stabilität interessiert, um eine Bankenkrise zuzulassen. Anscheinend haben die Golfstaaten die Türkei 2013-2014 finanziert, als das Land ein enormes Leistungsbilanzdefizit hatte. Die Europäer werden vorerst damit fortfahren, die Türkei zu finanzieren. Bankbilanzen sind fragil, aber es gibt politische Gründe, die Banken liquide zu halten. Die türkischen Konsumenten haben ein anderes Problem: Der Schuldendienst verzehrt so viel von ihrem Einkommen, dass sie ihr aktuelles Konsumniveau nicht mehr lange halten können.

Die türkische Finanzblase wird schließlich platzen, trotz aller Anstrengungen der Geldgeber, das Problem zu hinauszuzögern. In der Zwischenzeit führt die Unterstützung Ankaras zu kontinuierlicher Instabilität in der Region, mehr humanitären Krisen und mehr Flüchtlingen.

Zweitens: Der innere Zusammenhalt der Türkei ist bedroht durch das rapide Anwachsen ihrer kurdisch sprechenden Minderheit und dem relativen Niedergang der ethnisch-türkischen Bevölkerung. Schon am 31 Mai habe ich ein einer Besprechung der letzten demographischen Daten der Türkei argumentiert, dass die Türkei nicht hoffen kann, ihre gegenwärtigen Grenzen noch lange zu bewahren:

Eine Übersicht über die kürzlich veröffentlichten Bevölkerungsdaten zeigt, dass die demographische Schere zwischen Kurden und Türken sich ausweitet. Trotz Erdogans Aufrufen, die türkische Fruchtbarkeit zu steigern, geht die Geburtenrate in mehrheitlich türkischen Provinzen kontinuierlich zurück, während die Kurden eine der höchsten Geburtenraten der Welt haben. Schlimmer noch: die Eheschließungsrate des Landes ist außerhalb des kurdischen Südostens kollabiert, was für die Zukunft weiter absinkende Geburtenzahlen verheißt.

Turkstat, der offiziellen Statistikagentur, zufolge, befinden sich die türkischen Provinzen mit der niedrigsten Geburtenrate sämtlich in Norden und Nordwesten des Landes, wo Frauen durchschnittlich nur 1,5 Kinder haben. Die südöstlichen Provinzen weisen dagegen Geburtenraten zwischen 3,2 und 4,2 Kindern pro Frau auf.

Türkische Provinzen mit höchster und niedrigster Geburtenrate:

Turkish Fertility, Highest and Lowest Provinces

Noch alarmierender ist die Statistik der Eheschließungen, wie sie von Turkstat mitgeteilt wird. Zwischen 2001 und 2015 ist die Zahl der Eheschließungen in Istanbul, der größten Stadt des Landes, um mehr als 30 % gefallen, und um mehr als 40 % in der Hauptstadt Ankara. Die meisten der nördlichen und nordwestlichen Provinzen berichten über einen Rückgang der Eheschließungen um mehr als die Hälfte. Nicht nur weigern sich türkische Frauen, Kinder zu bekommen, sie weigern sich auch, eine Ehe einzugehen. Der Einbruch der Eheschließungsrate unter ethnischen Türken macht einen weiteren scharfen Rückgang der Geburtenrate unvermeidlich.

Marriages by Province (% Change 2001-2015)

Wie ich 2011 in meinem Buch “Why Civilizations Die and Why Islam is Dying, Too“ (Warum Zivilisationen untergehen und Warum der Islam ebenfalls untergeht) dargelegt habe, springen muslimische Länder, die einen hohen Grad an alphabetisierten Erwachsenen aufweisen, von der Kindheit ins Greisenalter, ohne das Erwachsenenalter durchlebt zu haben. Wie ihre iranischen, algerischen und tunesischen Gegenstücke verweigern sich türkische Frauen den Einschränkungen, welche das muslimische Familienleben mit sich bringt, sobald sie eine weiterführende Bildung erlangen können. Der Schock vom plötzlichen Übergang von der traditionellen Gesellschaft in die moderne Welt hat die am schnellsten fallenden Geburtenraten in der muslimischen Welt hervorgebracht.

Der Iran, dessen Geburtenrate von 7 Kindern pro Frau im Jahre 1979 auf weniger als 1,8 heute gefallen ist, hat die am schnellsten alternde Bevölkerung aller Länder dieser Welt. Die Türkei hat eine durchschnittliche Geburtenrate von 2,18, reproduziert sich also gerade selbst, aber die Spaltung zwischen ethnischen Türken und ethnischen Kurden wird die gegenwärtige geographische Konfiguration unhaltbar machen.

Die demographische Problematik hat Erdogan in einen politischen Sumpf gezogen, aus dem er sich vielleicht nicht mehr wird befreien können. Er gewann die Präsidentschaftswahl des letzten Jahres, indem er das Nationalgefühl gegen die kurdische Minderheit anheizte, seither führt er einen Bürgerkrieg auf niedrigem Niveau gegen die Kurden im Südosten des Landes. Der Vorsitzende der kurdischen demokratischen Volkspartei warnte bereits im letzten März, dass Erdogan die Türkei an die Schwelle eines völkischen Krieges geführt habe.

Um die syrischen Kurden daran zu hindern, die nördliche Grenze ihres Landes zu kontrollieren und sich mit ihren irakischen Landsleuten zu vereinen, hat Erdogan verdeckt sunnitische Terroristen, einschließlich ISIS, unterstützt, wie Michael Rubin letzten März in Newsweek dargelegt hat. Erdogans heimliche Allianz mit ISIS explodierte der Türkei förmlich ins Gesicht, als Selbstmordattentäter des ISIS am 29. Juni am Flughafen von Istanbul 42 Personen töteten und Hunderte verletzten.

Seit dem Kollaps des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung eines modernen Staates hat sich die türkische Armee als Garant des säkularen Charakters des Staates gesehen. Der Islamist Erdogan hat versucht, das zu ändern, indem er 2012 Hunderte von Offizieren unter dem Vorwand, sie hätten sich verschworen, einsperrte. Die meisten wurden 2014 entlassen. Erdogan verfehlte Außenpolitik machte ihn abhängig von der türkischen Armee, die ihren Einfluß in diesem Jahr unterstrich. Erdogan nennt sich selbst stolz einen „schwarzen Türken“, das heißt einen frommen Muslim aus dem anatolischen Hinterland, im Gegensatz zu den „weißen Türken“, der europäisierten und säkularen Partei, die unter Kemal Atatürk an die Macht kam und das Land bis in die 2000er regierte.

Die politische Krise der Türkei hat ihre Wurzel in wirtschaftlicher Schwäche, demographischem Ungleichgewicht sowie konfessionellen, sozialen und ethnischen Brüchen. Was auch immer bei diesem Staatsstreich herauskommen mag, es wird sehr viel mehr Wandel brauchen, um den kranken Mann Europas zu kurieren.